DESIGN So prophetisch
Eileen Gray war 93 Jahre alt, als ihre große Zeit begann. Auf einem Auge erblindet und nahezu taub, erlebte die irische Designerin und Architektin 1972 die jähe Renaissance von avantgardistischen Möbeln, Teppichen, Lampen und Spiegeln, die sie in den zwanziger und dreißiger Jahren entworfen hatte - damals ohne sonderliches Echo.
Nun, ein halbes Jahrhundert später, rissen sich Händler, Sammler und Art-deco-Fans wie Yves Saint Laurent oder der Maler Frank Stella um die wenigen Eileen-Gray-Originale, die den Krieg überstanden haben. Bald kursierten sogar geschickte Fälschungen auf dem Kunstmarkt.
Denn Eileen Gray hatte ihre Arbeiten nie signiert. Bis auf eine Ausnahme: einen vierteiligen, dunkelroten Lack-Paravent mit dekorativen Silberornamenten, den sie 1914 für den berühmten Couturier und Kunstsammler Jacques Doucet angefertigt und »Le Destin« genannt hatte.
1972 wurde der mondäne Raumteiler auf einer Versteigerung im Pariser Hotel Drouot einem amerikanischen Gray-Sammler für die Rekordsumme von 40 000 Dollar zugeschlagen. Stunden später hätte er für seinen Fang bereits 50 000 Dollar bekommen können. »Wie absurd«, seufzte die uralte Dame, nachdem sie, in ihrem zehnten Lebensjahrzehnt, von der Royal Society of Arts zur »königlichen Industrie-Designerin« ernannt worden war. »Vor 50 Jahren hatte ich Schwierigkeiten, meine Möbel zu verkaufen.« Die Zeitgenossen von damals hatten alles scheußlich gefunden und schockierend.
Kein Wunder. Die 1976 im Alter von 97 Jahren gestorbene Pionierin, die als junge Frau Ballon-Reisen gewagt und den französischen Aeronauten Hubert Latham 1909 bei seiner Kanal-Überquerung in einem selbstgebauten Flugzeug begleitet hatte, war mit ihren aufgeklärten, heiter-eleganten Stilschöpfungen dem jeweils herrschenden Geschmack stets um mehrere Schritte voraus.
Schon 1925, zwei Jahre vor ihrem Mentor und Freund Le Corbusier, hatte Eileen Gray einen Sessel aus einem einzigen fortlaufenden Stück Stahlrohr ausgestellt, den asymmetrischen, ledergepolsterten »Non Conformist«. Mit der Stehlampe »Tube Light« (1927), einer 90 Zentimeter hohen Glasröhre, die von einer parallel laufenden dünnen Chromröhre gestützt wird, hat sie die Leuchtstoffröhre, die erst 1939 auf den Markt kam, vorweggenommen.
Zwanzig Jahre bevor sie Kaufhaus-Mode wurden, hatte die Wohn-Reformerin Tütenlampen und Nierentische vorausempfunden. Als noch niemand von »High-Tech« sprach, verarbeitete Eileen Gray schon industrielle Werkstoffe wie Zelluloid, Glas, perforierte und gewellte Aluminium-Bleche.
»Ihr Werk war so anders, so prophetisch«, fand nachträglich der Architektur-Theoretiker und frühere Dozent an der Hochschule für Gestaltung in Ulm Joseph Rykwert, »daß es früher oder
später Gegenstand eines Kultes werden mußte.«
Schon als eine der ersten Kunststudentinnen an der Londoner Slade School war die 1879 im irischen Enniscorthy geborene höhere Tochter aus der Reihe getanzt: Sie hatte den Zeichenunterricht geschwänzt und lieber in einer Lackfabrik in Soho gearbeitet. Im Jahre 1902 zog sie nach Paris und ließ sich dort von dem japanischen Meister Jiro Sugawara in die Geheimnisse der uralten fernöstlichen Lacktechniken einweihen. »Ich wollte etwas Nützliches tun«, bekannte sie später. »Offen gesagt: Zeichnungen braucht doch niemand wirklich.«
Als sie 1913 zum erstenmal Lackarbeiten im Salon der Innenarchitekten ("Salon de la Societe des Artistes Decorateurs") ausstellte, erregte sie die Aufmerksamkeit von Jacques Doucet, ihrem ersten einflußreichen Auftraggeber. Doucet bestellte bei ihr zwei Tische und - als Prunkstück seiner gerade im Stil der Zeit neu eingerichteten Wohnung in Neuilly - den Wandschirm »Le Destin«.
Kenner fanden Gefallen an Eileen Grays luxuriösen und exzentrischen Lackarbeiten. Doch setzten das kostspielige, komplizierte und vor allem langwierige Herstellungsverfahren sowie der handwerkliche Perfektionismus der Künstlerin der Verbreitung ihrer Arbeiten Grenzen. Nur wenige konnten sich die Stücke leisten.
Eine unangenehme Haut-Allergie auf die Lackharze und ein erwachendes Interesse an neuen, weniger aufwendigen Materialien führten Anfang der zwanziger Jahre zu einem Stilwandel: Eileen Gray, die mit der französischen Avantgarde um Jean Cocteau, Guillaume Apollinaire und dem Modeschöpfer Paul Poiret umging, entwarf fortan verblüffend modern anmutende Möbel.
Für eine Madame Levy richtete die Designerin zwischen 1919 und 1922 ein Appartement in der Rue de Lota ein. Dafür gestaltete sie zwar noch ein paar theatralische Möbel wie ein wannenförmiges Ruhebett mit Goldkissen und einen Schlangen-Armsessel. Eine breite Couch jedoch mit lackierten Seitenblöcken und ein streng lineares, drei Etagen hohes offenes Bücherbord widersprachen solch bürgerlichem Genre von Repräsentation.
Die Wände des Korridors, der zu Madame Levys Schlafzimmer führte, verkleidete Eileen Gray mit Paneelen aus insgesamt 450 backsteinartig aneinandergefügten Lackplatten. Dieser Einfall tauchte bei vielen Eileen-Gray-Paravents wieder auf.
Weg vom Kunsthandwerklich-Ornamentalen, zielte ihr Design fortan auf eine neue, eher architektonische als dekorative Wirkung. Eileen Gray wollte Möbel und Einrichtungen kreieren, die wirklich zu ihrer Zeit gehörten. »Keiner machte das«, bemängelte sie später. »Wir lebten in einer unglaublich rückständigen, altmodischen, konventionellen Atmosphäre.«
Aufmerksamkeit über Paris hinaus erregte die eigenwillige Designerin erstmals 1923, beim regelmäßigen »Frühjahrs-Salon« der Innenarchitekten. Ihr unkonventionelles, nüchtern-weiß lackiertes »bedroom-boudoir for Monte Carlo« wurde zwar, wie Eileen Gray später schrieb, »in einem Konzert von üblen Beschimpfungen« verrissen. Ein Pariser Kritiker hatte es »in all seiner Scheußlichkeit ein Zimmer für die Tochter von Dr. Caligari« genannt.
Doch das Muster eines modernen Wohn-Schlafzimmers brachte ihr bei den Pionieren des neuen Bauens Anerkennung: bei Walter Gropius, Le Corbusier, Robert Mallet-Stevens und dem »De Stijl«-Architekten J. J. P. Oud aus den Niederlanden.
In einer eigenen Galerie versuchte Eileen Gray ihre Möbel, Paravents, Teppiche und Lampen bis nach Quebec und Philadelphia zu verkaufen - mit geringem Erfolg. Von Mitte der zwanziger Jahre an beschäftigte sie sich zunehmend mit Architektur.
Ein Architektur-Kritiker namens Jean Badovici, Herausgeber der Zeitschrift »L'Architecture Vivante«, bezog das erste von Eileen Gray entworfene Haus. Auf einem felsigen Küstengrundstück in Roquebrune an der Riviera hatte sie es nur mit der Hilfe eines kleinen einheimischen
Bauunternehmens errichtet - unter der Typenbezeichnung E-1027 machte es Architekturgeschichte. Le Corbusier, der nebenan eine Badehütte baute (von der aus er 1965 in den Tod schwamm), malte gegen Kriegsende im Haus seines Freundes Badovici fünf große Wandbilder.
Ihr zweites Haus, in Castellar bei Menton ebenfalls am Meer gelegen, bewohnte Eileen Gray selber, bis sie im Krieg als »feindliche Ausländerin« interniert wurde. Das Haus wurde nacheinander von italienischen, deutschen und amerikanischen Soldaten besetzt und geplündert und später an den englischen Maler Graham Sutherland verkauft.
Für beide Häuser, die einen entspannten, offenen Lebensstil ermöglichen sollten, hat Eileen Gray Möbel entworfen, die, so findet heute der Design- und Architektur-Dozent Joseph Rykwert, in ihrer »zurückhaltenden Eleganz, einer Formschönheit und Materialsicherheit« durchaus neben den Klassikern eines Le Corbusier, Mies van der Rohe oder Marcel Breuer bestehen könnten.
Noch kurz vor ihrem Tod ließ Eileen Gray, in einer Arbeitsgemeinschaft mit dem englischen Designer Zeev Aram, drei ihrer Entwürfe in Serie nachbauen: Das »Lota«-Sofa, den gepolsterten »Transat«-Stuhl und das verstellbare runde Glas-Beistelltischchen aus dem Gästezimmer von Roquebrune, wo es Leuten zugedacht war, die im Bett frühstücken. Für die Gemeinde der Gray-Bewunderer, zu der vor allem Architekten, Rechtsanwälte, Art-Direktoren und Künstler zählen (darunter die »wilden« Neu-Expressionisten Siegfried Anzinger, Salome und Jiri Dokoupil), sind das regelrechte Kult-Möbel geworden.
Nach dem Tod der Möbelkünstlerin vergab deren Nichte und Erbin die Nachbaurechte für sämtliche Gray-Entwürfe an Zeev Aram, der schon die ersten drei, noch mit dem Segen der Urheberin, hatte in Serie gehen lassen.
Da Gray-Möbel mittlerweile zu ausgesprochenen »In«-Signalen geworden sind, konnte der Engländer die Lizenzen gewinnbringend weitervermarkten, zunächst in Italien, dann auch in Frankreich und in den USA. Neuerdings haben die »Vereinigten Werkstätten« (München) das Recht erworben, als einzige Firma in Europa 15 Gray-Kreationen nachzubauen und zu vertreiben, darunter Renner wie das Beistelltischchen oder die »Lota«-Couch.
Seit Originale des Tischchens oder auch des »Transat« aus den zwanziger Jahren auf Auktionen (beispielsweise 1980 bei Sotheby's in Monte Carlo) bis auf 50 000 Mark hochgesteigert werden, stürzen sich die Gray-Liebhaber auf die billigeren Repliken. »Bis nach Japan und nach Finnland«, meldet »Werkstätten«-Vorstand Stephan Fischer von Poturzyn, »haben wir Gray-Möbel verkauft.« Sie sind die Renner einer »Klassiker«-Reihe, welche die Münchner Traditionsfirma vorigen Herbst, überwiegend aus eigenen Beständen, neu aufgelegt hat.
Mit einiger Skepsis, verrät die Gray-Nichte Prunella Clough (die 1979 eine Eileen-Gray-Gedächtnisausstellung im Londoner Victoria and Albert Museum beschickte), habe ihre Tante die eigene Legendenbildung verfolgt.
Es sei aber auch »eine Genugtuung« für Eileen Gray gewesen, meint Miss Clough, »daß ihr Werk nicht in Rumpelkammern oder in den Fluß geworfen worden ist«.