VERLAGE / SZCZESNY So traurig
Das Verlegen«, so sprach im letzten Jahr der Münchner Multi-Verleger (Herbig, Langen-Müller, Amalthea, Klinger, Bogen) Herbert Fleissner, 39, »das ist ein ganz schweres und hartes Geschäft geworden.«
In der letzten Woche wurde es wieder einmal bewiesen: Fleissners Münchner Kollege Gerhard Szczesny, 49, mußte seinen wohlrenommierten, aber erfolglosen Szczesny-Verlag schließen.
Gleichzeitig aber bewiesen just drei ehemalige Fleissner-Mitarbeiter neuen Mut zum schweren Geschäft: Ex-Herbig-Verlagsleiter Klaus P. Rogner, 33, Lektorin Maria Anna Bernhard, 32, und Lektor Axel Matthes, 32, bereicherten Deutschlands Büchermacher-Branche um die Verlags-Neugründung Rogner & Bernhard.
Der humanistische Atheist Dr. Gerhard Szczesny, Buchautor ("Die Zukunft des Unglaubens"), Initiator der »Humanistischen Union«, angefeindeter und verdrängter Redakteur des Bayerischen Rundfunks, hatte seinen Verlag im Juli 1962 mit der finanziellen Unterstützung zweier Sympathisanten, der Textilkaufleute Dr. Otto Biekel und Alfred Zierler, gegründet.
Der Start war verheißungsvoll: Von seinem ersten Verlagsprodukt« von Bertrand Russelis Konfession »Warum ich kein Christ bin«, konnte Szczesny um 25 000 Exemplare absetzen. Doch das war schon der Höhepunkt -- alle folgenden 41 Szczesny-Titel blieben weit, zum Teil sehr weit hinter der Russell-Auflage zurück, darunter Bücher wie Gustav Wynekens »Abschied vom Christentum«, Joel Carmichaels »Leben und Tod des Jesus von Nazareth« und Simone de Beauvoirs »Soll man de Sade verbrennen?«.
Am schlechtesten verkauften sich die psychoanalytischen und anthropologisch n Werke, mit denen Szczesny »eine Lücke in Deutschland« hatte schließen wollen: Erik H. Eriksons Studie »Der junge Mann Luther« und Margaret Meads bedeutendes Werk »Leben in der Südsee« gehörten zu den schmerzlichsten Mißerfolgen.
Szczesny-Bücher wurden viel und auch ausreichend wohlwollend rezensiert, aber es fehlte dem kleinen Unternehmen an ausreichenden Mitteln für die Werbung. Am Ende waren 210 000 Bücher produziert, 150 000 verkauft und jährlich etwa 100 000 Mark zugeschossen worden. Szczesny-Mäzen Bickel: »Da können wir auch mit unserem Gesinnungsengagement nicht mehr weiter, so traurig das ist.«
Ende dieses Jahres endet die kurze achtbare und glücklose Geschichte des Szczesny-Verlags. Gerhard Szczesny wird eis Herausgeber des von ihm unter dem Titel »Club Voltaire« begründeten »Jahrbuchs für kritische Aufklärung« und als Autor im mächtigen Rowohlt Verlag weiterarbeiten. Rowohlt wird auch Szczesnys eigenes neues Buch »Das sogenannte Gute« herausbringen.
Während der enttäuschte Ex-Verleger Szczesny erst mal Urlaub machte, präsentierten die hoffnungsvollen Neu-Verleger Rogner & Bernhard in München ihr erstes Programm.
Die jungen Büchermacher haben sich nicht zuletzt in gemeinsamer Abneigung gegen ihren früheren Arbeitgeber Fleissner, den gebürtigen Sudetendeutschen und Verleger auch eines »Vertriebenen-Anzeigers für ein freies und ungeteiltes Deutschland«, gefunden. Sie steigen mit Klassik ("Briefe der Ninon de Lenelos") und Kunst ("Das Ludwig-Richter-Album"), mit Kriminalistik ("Vidocq, der Mann mit hundert Namen") und einem Buch des sowjetischen Erzählers Katajew ins Herbstgeschäft 1968.
Ihr Programm formulieren Rogner-Bernhard-Matthes unter anderem so: »Engagierte, nicht dogmatische Literatur werden wir vorlegen.« Das Kapital hat Gesellschafterin Dr. Maria Anna Bernhard, Tochter von Konsul Henry Bernhard, dem Mitgründer der »Stuttgarter Nachrichten«, vorgelegt.
»Die Partner«, sagt Partner Matthes, »sind im Falle einer Pleite zur Rückzahlung verpflichtet.«