Soviel Grün - DER SPIEGEL
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STADTPLANUNG Soviel Grün

Die Stadtflucht bremsen wollen der bayrische Umweltminister Streibl und ein Münchner Architekt: Aus Hinterhöfen sollen Mini-Parks werden.
• aus DER SPIEGEL 3/1976
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Das Mißbehagen an einem einzigen häßlichen Hinterhof in München-Schwabing war die Quelle für eine Utopie in Grün: neue Großstadt-Lungen zu erschwinglichen Preisen.

Das jedenfalls schwebt offenbar dem 35jährigen Münchner Architekten Hermann Grub, aber auch dem bayrischen

Österreichs Bundespräsident Rudolf Kirchschläger.

Umweitminister Max Streibl vor, den Grub für ein originelles Stadtforschungsvorhaben gewonnen hat.

Es begann mit Grubs eher privatem Wunsch, den deprimierenden Hof hinter seinem Architekturbüro nahe dem Boulevard Leopold mit ein paar angrenzenden ebenbürtigen Arealen, entrümpelt und bepflanzt, zu einem Mini-Park zu vereinen.

Auf der Suche nach Geldgebern für diese von den Anrainern akzeptierte Oasen-Bildung (SPIEGEL 23/1974) stieß Grub auch auf den Umweltpolitiker Streibl. Und der ließ sich, stets auf der Jagd nach städtischen CSU-Wählern, verlocken von dem Gedanken an die Werbewirksamkeit einer solchen Stadtsanierung auf Hinterhofebene.

Grub und seine Partner dehnten ihre anfänglich begrenzte Empfehlung auf ganze Stadt-Regionen aus. Im Januar 1975 erhielten sie vom Streibl-Ministerium einen (mit 220 000 Mark dotierten) Forschungsauftrag: am Beispiel Münchens ein auch auf andere Städte übertragbares »innerstädtisches Begrünungs- und Aktivitätskonzept« zu erarbeiten.

Das Konzept liegt jetzt vor: ein System von »Kettenparks«, das wie ein Fleckenteppich aus bisher weitgehend »fehlgenutzten« Freiflächen (etwa Grün-Inseln mitten im Verkehr) des Münchner Innenstadtbereichs zusammengestückelt wird. Grün-Kosmetiker Grub ist dabei über die Aneinanderkettung von Höfen und Hinterhöfen hinausgegangen. Mit der Einführung von Zonen planmäßig verdünnten Verkehrs, mit der Auflassung von ganzen Straßen oder auch der Einbeziehung alter Friedhofsbereiche konzipiert er eine zusammenhängende Stadtlandschaft von gehobenem Freizeitwert.

Auf diese Weise, meint Grub, könnte am Ende sogar Münchens chronische Stadtflucht (jährlich 10 000 Abwanderer) eingedämmt werden: Die Studie, an der auch Psychologen, Soziologen, Kunsthistoriker und Landschaftsplaner mitarbeiten, zeigt anhand von Befragungen, daß die Münchner Stadtmenschen die Qualität ihres Lebens vor allem am Erholungswert ihrer unmittelbaren Nachbarschaft messen. Weit weniger identifizieren sie sich mit weiter entfernten Anlagen, auch wenn es sich um Pretiosen handelt wie den Englischen Garten oder den Olympiapark.

Für die demoskopische Untermauerung des Grubschen Grün-Planes erfragte der Psychologe Peter A. Wacker vom Starnnerger »Institut für verhaltens- und leistungsorientierte Organisationsentwicklung« die Umweltbedürfnisse von 150 Testpersonen innerhalb des neun Quadratkilometer großen Untersuchungsgebietes.

Es ergab sich, daß etwa der ständige Mangel an Parkplätzen nur von jeder 20. Testperson für ein entscheidendes Manko gehalten wurde. Hingegen gab jeder dritte an, unter der baumlosen Mülltonnen-Perspektive seiner Hoffenster zu leiden.

Das Verlangen nach mehr zugänglichem Grün in Katzensprung-Entfernung stand in der Rangliste der Wünsche auch weit über dem nach Kinderspielplätzen ("Da spielen dann doch nur freche, antiautoritäre Kinder"), Schrebergärten, Flohmärkten oder Biergärten.

Konfrontiert mit Spielmodellen für eine wünschenswerte Veränderung ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, entschieden sich 98 Prozent der Befragten auf Anhieb für mehr Grün vis-a-vis. Nur acht Prozent waren für die Planung neuer Hotels, Apartmenthäuser, Parkplätze oder Parkgaragen. Auch Kommunikationszentren, kommunale Bildungseinrichtungen oder Sportplätze waren nicht sonderlich erwünscht (16 Prozent). Psychologe Wacker: »Die Bedeutung der allernächsten Umgebung für das Lebensgefühl der Leute in der Stadt ist unterschätzt worden.«

Vier Monate lang durchstreiften zwölf Studenten mit ellenlangen Checklisten das Untersuchungsgebiet, um buchstäblich jeden Strauch, jeden Hinterhofschuppen, jedes Vorgärtchen, jedes Stuckornament und jede Gedenktafel für die Computer-Erfassung im Umweltministerium festzuschreiben.

Die Nutzung einzelner Geschosse wurde erfaßt, der Stil, Erhaltungszustand und die Farbe jeder Fassade, dazu die jeweiligen Licht- und Schattenseiten und die vorhandenen Asphalt-, Stein- und Rasenflächen. Heute kann der elektronische Plotter in Sekundenschnelle topographische Schaubilder des Münchner Musterareals ausspucken, auf denen beispielsweise 17 125 Bäume, 25 404 Autoabstellplätze und 745 Sandspielkästen einzeln ausgewiesen sind. Gespeichert sind auch die Sozialdaten der 290 000 Bewohner des Untersuchungsgebietes.

Ausgangsbasis für die über Jahrzehnte hin projektierte Grünwucherung müßten, darüber herrscht bei Grub und seinem Auftraggeber Übereinstimmung, zunächst einmal Plätze und Grundstücke der öffentlichen Hand sein. Aber auch private Eigentümer, wie Brauereien, Versicherungsgesellschaften oder die Kirchen, dürfen, so sie ihre Höfe und Hinterhöfe an die Grub-Projekte ankoppeln, 50 Prozent der dazu notwendigen Investitionen in Form von Zuschüssen und zinsgünstigen Darlehen aus dem Streibl-Etat erwarten.

Schon hat die Versicherungsgesellschaft Deutscher Lloyd ihre sechs Höfe an der Schwabinger Franz-Joseph-Straße offeriert. BMW finanziert eine zur Grub-Studie gehörende Farbuntersuchung, die aus den Mitteln des Forschungsauftrags nicht mehr gedeckt werden konnte. Auch Münchens FDP und die sozialdemokratische Stadtverwaltung schalten auf grüne Welle.

Grub hofft daher, »daß ich nicht nur einen Datenfriedhof angelegt habe«. Eines seiner acht Projekte -- mit einem Katalog von Spiel- und Amüsierplätzen -wird jedenfalls, nach Absprache mit der Stadt München, auf Staatskosten realisiert, schon wegen der »Sogwirkung«, wie aus dem Streibl-Ministerium verlautet. Der Rest ist Zukunftsmusik. Max Streibl: »Für soviel Grün braucht"s ein bissel Geduld.«

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