Späte Einsicht - DER SPIEGEL
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STÄDTEBAU Späte Einsicht

Nach der Kahlschlag-Sanierung der sechziger Jahre betreiben die Städte jetzt »Objekt-Sanierung«. Sie gelingt, wo sie sich an Gewachsenes hält - und mißlingt, wenn sie es nur vortäuscht.
• aus DER SPIEGEL 48/1981
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Wer immer das Stadtbild von Karlsruhe beschrieb - das Viertel der schmalen Straßen und schiefen Dächer am Südostrand der Residenz schätzte jeder gering: als »Nest«, als »Fremdkörper«, als »Schlawackendörfle« - zu nichts dienlich »als den Plan der Stadt zu verderben«.

Karlsruhes Stadtplan wurde in Form eines Fächers entworfen, dessen Straßen - Symbol für fürstliche Gnadensonne - vom Schloß ausstrahlten. Den Bewohnern des »Dörfle« galt solche Gunst nicht.

Sie waren zu arm, die Bürgerrechte zu erwerben. Sie hausten vor den Palisaden, außerhalb der Residenz, in einem planlos errichteten, engen, zumeist zweigeschossigen Quartier, das schließlich - während die Stadt weiter hinauswuchs - zum Slum verfiel: Bleibe von Kümmerbetrieben und sozial Schwachen, Dorado für Dirnen und ihre Freier.

In den sechziger Jahren räumte die Karlsruher Stadtverwaltung gründlich damit auf. Von 160 000 Quadratmetern wurden 90 000 kahlgeschlagen. Eine Straße, breit wie eine Autobahn, wurde gebaut: Sie sollte das »Dörfle« durchlüften. Dann wurde ein Neubauviertel geplant: »verkehrsgerecht«, »entflochten« und beherrscht von freistehenden »Dominanten«, bis zu 20 Etagen hohen Wohntürmen - gemordete Stadt.

Bebauungspläne dieser Art sind während der sechziger Jahre von vielen Behörden ausgeheckt worden; sie entsprachen der damaligen Planungsideologie:

In Bremen sollten weite Teile des 100jährigen Ostertor-Viertels einer Rennpiste weichen - anstelle der Mozartstraße sollte eine »Mozarttrasse« zwischen Bahnhofsgegend und Weserufer entstehen, »zügig geführt«, »leistungsfähig« und »kreuzungsfrei«.

In Bad Godesberg erklärten die Planer das gewachsene alte Innenstädtchen, das »Knolleveedel«, zum Sanierungsgebiet; Straßen wurden »verkehrsgerecht« umgestaltet, die Häuser der Handwerker und kleinen Geschäftsleute eingeebnet und durch Betonkästen ersetzt.

Inzwischen sind auch die Kahlschlag-Ideologen zur Besinnung gekommen. Die einst so euphorisch propagierte »autogerechte Stadt« mit gleichförmigen Hochhäusern und überdimensionalen Komplexen für den Kommerz hat sich als verheerende Fehlplanung erwiesen.

Einsichtige Planer suchen die Fehler zu korrigieren und zu retten, was noch zu retten ist. Aber wie weit ließ sich, was in den sechziger Jahren an Stadtsubstanz leichtfertig geopfert wurde, noch reparieren oder vor Bagger und Abbruchbirne bewahren?

Die drei Musterfälle - Karlsruhe, Bremen und Bad Godesberg -, die gegenwärtig in Bau oder gerade abgeschlossen sind, zeigen die unterschiedliche Qualität von Stadtsanierung:

* In Bad Godesberg wurde das Zerstörungswerk mit einem planerischen Irrtum komplettiert - einem Großbauwerk, dessen angestrengte Künstlichkeit schon in seinem Namen »Altstadt-Center« deutlich wird.

* In Karlsruhe entschloß man sich zur Umkehr auf halbem Wege. Behutsam, aus alt und neu, wird das »Dörfle« wieder zusammengeflickt; der historische Stadtgrundriß wird beibehalten und »mit den Mitteln unserer Zeit belebt«.

* Im Bremer Ostertorviertel wird ein altes Wohnhaus-Ensemble (acht Häuser in der Weberstraße) mit hohem Aufwand saniert. Dabei bleiben Grundrisse erhalten, wie sie die moderne Wohnungsarchitektur nicht anzubieten hat.

Irreparabel hat Bad Godesberg, einstmals Pensionärsidylle und seit 1969 Groß-Bonn einverleibt, sein Gesicht verloren; es wurde, wie schon postalisch, zu »Bonn 2« degradiert.

Die Godesberger mußten sich mit einem Sammelsurium gesichtsloser Kästen S.221 abfinden - und nun auch noch mit einer Konsumburg, die in eine 8600 Quadratmeter große Baulücke zwischen der Fußgängerzone im Stadtzentrum und der Burgruine geklotzt wurde.

87 Apartments gibt es in dem treppenreich bergan gebauten »Altstadt-Center« - bei einem Mietzins bis zu 17 Mark pro Quadratmeter vermutlich nur Luxuswohnungen für eine Minderheit. Hauptsächlich soll der Komplex als Shopping-Center dienen.

Ein halbes Jahrzehnt dauerte die Realisierung der neuen Stadtmitte, nachdem ein Hochhaus-Konzept der West-Berliner Baulöwin Sigrid Kressmann-Zschach bei den Behörden keinen Anklang gefunden hatte.

Der rheinische Kirchenbauer Gottfried Böhm - der schon ausgangs der fünfziger Jahre die Bergfried-Ruine über der Stadt mit Hotel und Restaurant aufgemöbelt hatte - und Mitglieder der Kölner Planungsgruppe »dt 8« mußten sich bei der Gestaltung des Center-Baus mit einer Planungsgruppe des Investors Heinz Barth zusammenraufen.

Der Kölner Unternehmer investierte in das Objekt über 80 Millionen Mark und bekam dafür eine monumental aufgetürmte Steinmasse mit einem Volumen von 165 000 Kubikmetern und einer Nutzfläche von mehr als 50 000 Quadratmetern.

Böhm und seine Kollegen haben inmitten der Stadt eine Burg gebaut - mit ziegelgepflasterten Straßen, gelben Kachelwänden und braunen Blechfassaden. Sie haben, immer und überall sichtbar ehrgeizig und angestrengt, »Architektur« fabriziert: aus Sockeln und Treppen, Mauern und Gängen, Vordächern und Rücksprüngen - mit einem festlichen Spalier von Laternen.

Dabei unterlief ihnen ein folgenschwerer Irrtum: Die Konsum-Burg wurde so weit angehoben, daß die Geschäftsflächen nun auf einem Hochplateau und teilweise hinter verwinkelten Sackgassen liegen - nur über eine Rampe mit unbequemer Steigung zu erreichen. Aber wer geht zum Shopping schon gern ins Gebirge? Zwölf Monate nach der Einweihung liegen weite Teile der Nutzfläche noch immer oder schon wieder ungenutzt: Die ersten Geschäftsleute im Altstadt-Center sind pleite.

Vergleichbare Planungsfehler wurden in Karlsruhe nicht begangen.

Zwar klafft im ehemaligen »Dörfle« die in den sechziger Jahren asphaltierte Fritz-Erler-Straße als Wunde im Stadtbild. Aber die Neue Heimat als Sanierungsträger und die Münchner Architekten Heinz Hilmer und Christoph Sattler als künstlerische Oberleiter versuchen nun immerhin, das restliche Kahlschlag-Areal zu heilen.

Sie haben sich in Gebäudehöhe und Fassadengestaltung den Gründerzeitbauten in der Umgebung angepaßt - und zeigen doch, in dezenter Manier, Architektur der siebziger Jahre. Die Straßenräume sind wieder geschlossen. Die Fassaden sind nicht nur aus der inneren Funktion der Häuser entwickelt, sie werden auch gleichsam als Wände für Straßen und Plätze gebaut.

An stärker befahrenen Straßen sind die Fronten hinter halböffentliche, begrünte Vorzonen zurückgenommen; zusätzlich sind den Wohnungen Wintergärten vorgelagert. Die Innenhöfe sind, nach Plänen der Landschaftsarchitekten Gottfried und Toni Hansjakob, als Parks gestaltet.

Bislang wurden mehr als 900 Wohnungen fertiggestellt und in verschiedenen Formen finanziert: als freie und soziale Mietwohnungen, als Eigentumswohnungen, als öffentlich geförderte Studenten- und Altenwohnungen.

Verkehrseinrichtungen werden auf vielfältige Weise unterbrochen und belebt - so durch eine Markthalle inmitten S.223 einer Straße, durch ein Brückenrestaurant oder ein »Dorf auf dem Dach« eines achtstöckigen Parkhauses: 13 Reihenhäuser mit je 120 Quadratmeter Wohnfläche und einem Gärtchen von 50 Quadratmetern (zu je 260 000 Mark).

Daneben unternehmen Werkbund-Architekten den Versuch, Städtebau wieder »mit Steinen statt mit Klötzen« zu betreiben: Auf einem städtischen Grundstück errichten sie einen Block aus zwölf individuellen Stadthäusern.

Wo Bagger und Birne die alten Bauten des »Dörfle« verschont haben, hat sich die Stadt zur »Objektsanierung« verpflichtet: Der Charakter des Restviertels wird erhalten; die Häuser werden modernisiert und, falls erforderlich, rekonstruiert.

Auch Bremens Stadtplaner - die in den sechziger Jahren das historisch gewachsene Ostertorviertel mit einer Schnellstraße zerschlagen wollten - haben sich nun notgedrungen zur Bewahrung alter Werte entschlossen.

Allein schon die jahrelange Diskussion um das Straßenprojekt hat dem beschaulichen Kleine-Leute-Viertel schweren Schaden zugefügt: Das Quartier wurde vernachlässigt, soziale Randgruppen nisteten sich ein; Besitzer ließen die Häuser verkommen - Besetzer rückten an.

Doch beharrliche Agitation engagierter Bürger hat das Projekt »Mozarttrasse« schließlich zu Fall gebracht; und seither werden auch im Ostertorviertel alte Häuser wieder ausgebessert.

Daß auch ein hoher Preis für die Erhaltung von Bausubstanz angemessen sein kann, zeigt die derzeitige Modernisierung des Wohnhausensembles in der Weberstraße - die dort vorhandenen Jugendstilhäuser Nummer 7 bis 21 sind so reich an Variationen, daß keine Wohnung einer anderen gleicht.

Der Architekt Friedrich Wilhelm Rauschenberg, der die Häusergruppe vor 75 Jahren errichtete, hatte zuallererst das »Glück der Bewohner« und ihr »behagliches Wohnen« im Sinn.

Er arrondierte acht unregelmäßige schmale Grundstücke im Halbkreis um eine Vorgartenfläche und baute durchweg dreistöckige, gleichwohl auch in der Höhe abgestufte, verschieden breite Häuser mit unterschiedlichsten Charakteristika - mal Mansarden und Gauben, mal Terrassen und Balkönchen, hier rechteckige, dort runde Fenster, mal ein paar Stufen, dann wieder gewendelte Treppen.

Nach einem dreiviertel Jahrhundert entsprachen die Behausungen nicht mehr dem Standard des öffentlichen Wohnungsbaus - mit Ofenheizung, Klo auf der Treppe und Küche im Souterrain. Die Neue Heimat mag sie durchaus mit dem Hintergedanken an Abriß und Neubauten erworben haben.

Doch solchen Gefahren begegnete das Amt für Denkmalspflege noch beizeiten: Es nahm das Ensemble, als »Wiener Hof«, unter Schutz; und die Neue Heimat ließ von dem Architektenbüro Klocke + Partner die Pläne für den Innenraumbau zeichnen.

Dabei entstanden, im Rahmen der alten, vielgestaltigen Häusergrundrisse, originelle Wohnungen: vom Einfamilienhaus mit sieben Zimmern bis zum Mehrfamilienhaus S.225 mit vier Wohnungen; mal ein Zimmer mit Küche; mal Maisonetten. Alle 18 Wohnungen werden im Sozialprogramm gebaut und sind für kinderrei che Familien oder Studentenpaare gedacht.

Doch bei aller Modernisierung der Innenräume lassen Klocke und die Neue Heimat Rauschenbergs alte Fassaden und das Jugendstil-Dekor der Häuser unangetastet. Es bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig: Darüber wacht schon der Denkmalschutz.

S.220Links: Neubauten, rechts: noch nicht renovierte Altbauten.*

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