BÜCHERSHOWS Späte Mission
SPIEGEL: Frau Heidenreich, Sie waren selbst Gast in Marcel Reich-Ranickis »Literarischem Quartett« - ist es das Vorbild für Ihre neue Sendung?
Heidenreich: Nein, obwohl ich vom »Quartett« zumindest diese Leidenschaft für Bücher, die Reich-Ranicki ohne germanistisches Gedöns vermitteln konnte, für vorbildlich halte. Aber ich habe es nie als besonders fruchtbar empfunden, wenn sich da vier Leute mehr oder weniger eitel um ein Buch stritten. Letztlich haben die Zuschauer das Buch gekauft, über das der Alte gesagt hat: Das ist fabelhafte Literatur, das müsst ihr lesen!
SPIEGEL: Sie übernehmen vom »Quartett« also immerhin die Rolle des Alten?
Heidenreich: Eigentlich nicht. Ich halte es bei diesem bisschen Zeit, die das Fernsehen der Kultur überhaupt noch einräumt ...
SPIEGEL: ... Ihre Sendung bekommt eine halbe Stunde ...
Heidenreich: ... für sinnlos, sich großartig über Bücher zu zanken, die es nicht wert sind, gelesen zu werden. Das kam im »Quartett« immer wieder vor. Ich habe auch einfach keine Lust, mich zu streiten.
SPIEGEL: Sie wollen lieber gute Lektüre empfehlen als von schlechter abraten?
Heidenreich: Im Grunde ja. Ich möchte die Leute durch den Dschungel neuer Literatur führen und ihnen sagen, dies könnt ihr lesen und das könnt ihr liegen lassen, obwohl alle drüber reden - da kommt dann auch die Kritik zu ihrem Recht.
SPIEGEL: Wie sieht das konkret aus?
Heidenreich: In unserer Pilotsendung gibt es einen Beitrag über den US-Autor Richard Ford, ein sehr guter Erzähler, der leider weniger gut übersetzt wird - wir zeigen, woran das liegt. Ich werde auch regelmäßig irgendeinen Büchernarr als Gast im Studio haben. Beim ersten Mal ist es Harald Schmidt. Er wird vor Publikum, in der Kölner Kinderoper, auch aus einem Buch vorlesen, das ihm besonders wichtig ist. Dann reden wir darüber.
SPIEGEL: Leider gibt's nur einen Harald Schmidt. Aber die Sendung »Lesen« soll sechs- bis achtmal im Jahr aufleuchten.
Heidenreich: Das macht mir keine Kopfschmerzen. Warum soll nicht auch mal Senta Berger an einen Autor wie Alfred Polgar erinnern? Im Grunde kann jeder leidenschaftliche Leser Glanz in meine Fernseh-Hütte bringen.
SPIEGEL: Sie haben Ihre TV-Karriere schon einmal beendet und gesagt, das Leben ohne Fernsehen gefalle Ihnen besser.
Heidenreich: Mir gefällt dieser missionarische Gedanke, die Leute zum Lesen zu verführen. Im Übrigen: Wenn wir sehen, dass überall junge nette Mädels, an denen dransteht, welche Firma sie eingekleidet hat, alle möglichen Sendungen moderieren, dann ist es doch auch sehr nett, dass ich jetzt, genau zu meinem 60. Geburtstag, noch einmal ins Fernsehen zurückkehre - ich lass mich natürlich von keiner Firma einkleiden.