MODE / ZWEITFRISUREN Später Schock
Die »Weltstadt mit Herz« geht mit der Mode: Jetzt sind es Haare, die für München künden.
»Haare«, das aus den USA importierte »Schock- und Rock-Musical«, läuft seit dem vergangenen Herbst in der heimlichen Hauptstadt. Siebenmal in der Woche singen struppige Hippies auf popiger Bühne: »Bald sind Haare wieder Mode, und ich schöpf' die wahre Mode: Die Toga nur aus langem, leuchtendem, prächtigem Haar.«
Doch die Blumenkinder schocken spät und rocken Modetore ein, die nicht nur in München offenstehen. Längst schon sind Bundesdeutsche keine Haarmuffel mehr, wie das Allensbacher Institut für Demoskopie jüngst bei einer repräsentativen Umfrage für den SPIEGEL feststellte: Jede vierte deutsche Dame zwischen 16 und 29 Jahren bessert ihre Frisur mit künstlichem Haarteil oder Perücke auf, und über die Hälfte aller deutschen Männer (54 Prozent) findet das »recht hübsch«.
In der Altersklasse zwischen 30 bis 44 nennt noch jede fünfte und zwischen 45 bis 59 fast jede siebente Fremdhaar ihr eigen. Erst dann läßt dieser Mode-Trend nach. Nur noch jede sechzehnte Matrone schmückt sich mit Locken aus dem Laden.
Insgesamt brauchen 16 Prozent aller deutschen Frauen nur ins Schubfach zu greifen, wenn sie sich mit einer Zweitfrisur verschönern wollen: 15 Prozent haben ein Haarteil, eine von hundert hat eine komplette Perücke parat.
Die Damen-Gruppe, die sich gekauftes Haar einsteckt oder überstülpt, unterscheidet sich kaum nach Bildung oder Herkunft von der Schar der Fremdhaarlosen, wohl aber nach dem Einkommen. Denn Maß-Perücken kosten bis zu 850 Mark, Haarteile bis zu 350 Mark. So erklärt es sich, daß in Haushalten, wo der Hauptverdiener bis zu 1249 Mark monatlich bekommt, nur 15 Prozent der Frauen über Reserve-Haare verfügen. In den Gehaltsklassen darüber leistet sich nahezu jede vierte Deutsche diesen Zierat.
Doch auch der Wohnsitz ist mitbestimmend. Fremdhaare sind am beliebtesten in Kleinstädten, wo 22 Prozent der Damen sie tragen, und in Mittelstädten (20 Prozent). Dagegen gehen Großstädterinnen zu 84 und Dörflerinnen zu 88 Prozent oben ganz ohne.
Ebenfalls von Land zu Land differiert die Wertschätzung des Haar-Putzes. Am Eigenwuchs halten vor allem Berlinerinnen und Bayerinnen fest -- kaum jede zehnte geht mit Fremdhaar. An Rhein und Main besitzen doppelt so viele Damen gekaufte Locken.
Gleichwohl gelten Haarteile und Perücken überall noch als Luxus. Die Hälfte aller Besitzerinnen legt ihren Kopf putz »nur bei festlichen Anlässen« an, 38 Prozent tragen ihn stundenweise, und nur jede zehnte trennt sich höchstens nachts davon.
Deutschlands Männer haben sich mit den Laden-Locken abgefunden, nur jedem fünften gefallen sie nicht. Die Abneigung wächst freilich, wenn Ehemänner gefragt werden, ob sie ihrer Frau »erlauben« würden, eine Zweitfrisur zu tragen. Für knapp ein Drittel (32 Prozent) hat da die Freude an der Mode ein Ende: »Nicht erlauben.« Knapp zwei Drittel (61 Prozent) würden es jedoch gestatten.
Für jeden 13. deutschen Ehemann kam die Frage zu spät. Ob mit oder ohne sein Plazet: Die Ehefrau trägt schon Zweitfrisur.