Computer Später Start
Nichts sollte nach draußen dringen, bis zum 21. Oktober. Erst dann, zur Eröffnung der gigantischen Computerschau »Comdex/Fall '91« in Las Vegas (US-Staat Nevada), wollen die Apple-Oberen dem gespannten Publikum die neuen Rechner mit dem bunten Apfel-Logo präsentieren.
Die Erwartungen sind hoch, sie wurden in den vergangenen Monaten durch kryptische Andeutungen noch systematisch gesteigert. »Produkte, für die wir bisher nicht bekannt sind«, kündigte etwa Apple-Boß John Sculley an. Bob Puette, USA-Chef des Unternehmens, versprach der Computergemeinde gar »regelrechtes Dynamit«.
Damit die Bombe nicht zu früh platzte, wurden nur wenige Vertreter der Fachpresse mit Vorabinformationen aus dem Apple-Hauptquartier im kalifornischen Cupertino gefüttert. Vorher allerdings mußten sie sich in ausgeklügelten Verträgen dazu verpflichten, während der Sperrfrist absolutes Stillschweigen zu bewahren.
Es half alles nichts. Die geplante Show könnte den Kaliforniern nun verdorben werden von einer kleinen, unabhängigen Computerzeitschrift aus Deutschland. Vier Wochen vor der größten Produktvorstellung in der Apple-Firmengeschichte enthüllt das Fachblatt Macup aus Hamburg in seiner neuen Ausgabe eines der bestgehüteten Geheimnisse der Branche.
Präsentiert werden mit einer Fülle technischer Details insgesamt sechs neue Computer aus Cupertino: drei leichtgewichtige »Notebooks«, elegante Mini-Maschinen für den mobilen Einsatz, ein würfelförmiger Tischrechner in klassischem Apple-Design sowie zwei kraftvolle Arbeitsplatzrechner ("Workstations"), die als »Tower« (Turm) unter dem Schreibtisch geparkt werden können. Die abgedruckten Grafiken der PC-Erlkönige sind laut Aussage einer Apple-Mitarbeiterin »fast wie fotografiert«.
Für Unruhe bei den Apple-Bauern im Silicon Valley hatte bereits der San Francisco Chronicle gesorgt, als er Mitte August erste Einzelheiten über die neue Produktlinie veröffentlichte.
Prompt stiegen die Kurse der Apple-Aktien an der New Yorker Börse, obwohl die Firma die Meldung nicht bestätigt hatte. Fieberhaft wurde in der Zentrale in Cupertino nach der undichten Stelle gefahndet - doch vergebens.
Per Datenleitung sickerten weitere Details durch, diesmal nach Deutschland: Nächtelang hatten die Macup-Rechercheure von Hamburg aus elektronisch ihre Informationsquellen in Kalifornien angezapft, morgens fanden sich dann vertrauliche Apple-Memos in den Computer-Postfächern der Redaktion. »Noch nie«, erklärt Macup-Redakteur Volker Riebartsch den Aufwand, »war das Interesse an einer Apple-Produkteinführung vorher so groß.«
Von »Dynamit« allerdings kann angesichts der enthüllten Hardware kaum die Rede sein. Zunächst will die Firma »auf Teufel komm raus« (Apple-Deutschland-Sprecherin Renate Knüfer) Marktbereiche erschließen, die bislang vernachlässigt wurden: *___So wird die wichtigste Neuerung, ein Notebook-Computer ____namens »Macintosh PowerBook«, gleich in drei Versionen ____("100«, »140« und »170") angeboten werden, vom ____Einsteigermodell (ohne eingebautes Diskettenlaufwerk, ____Gewicht: 2,3 Kilogramm) bis zur schnellen und ____speicherstarken Profi-Ausführung (3,1 Kilogramm) mit ____modernem »Motorola 68030«-Prozessor und eingebautem ____Telefaxmodul. Das »PowerBook 100« soll komplett beim ____japanischen Elektronikriesen Sony produziert werden. *___Unter dem Namen »Macintosh Classic II« wird ein ____würfelförmiger Schreibtisch-PC vorgestellt, gleichsam ____eine gehobene Version des erst vor einem Jahr ____eingeführten Apple-Bestsellers »Classic«. Ausgerüstet ____ebenfalls mit dem vielseitigen »68030«-Prozessor, ____eignet sich der »Classic II« (Preis: rund 4000 Mark) ____für Privatanwender wie für den Bürobereich. *___Die beiden Rechnertürme »Quadra 700« und »Quadra 900« ____wurden für den sogenannten High-End-Markt entwickelt, ____erstmals setzt Apple in diesen Maschinen die besonders ____rechenstarken »68040«-Hochleistungsprozessoren von ____Motorola ein, auch »Computer auf einem Chip« genannt. ____Die beiden »Quadras« (Preis: rund 13 000 bzw. 18 000 ____Mark) sollen vornehmlich an investitionsfreudige ____Verlage und Grafikstudios verkauft werden.
Vom Erfolg der neuen Produkte (zu denen die Firma sich nicht näher äußern will) hängt für Apple viel ab, das angekratzte Apple-Image könnte etwas Politur gut vertragen. So bescherte zwar die Entscheidung, mit Geräten wie dem »Classic« (für rund 3000 Mark) Personalcomputer auch der unteren Preisklasse anzubieten, der früheren Edelmarke steigende Umsätze und wachsende Marktanteile; in den USA liegt Apple heute beim PC-Verkauf auf Platz zwei hinter IBM. Im Sommer hat Apple sogar eine strategische Allianz mit dem Marktführer angekündigt (SPIEGEL 26/1991).
Gleichzeitig aber sanken in den vergangenen Monaten auch die Gewinne des Unternehmens. Als Folge von Sparmaßnahmen mußten im Juni rund 1500 der weltweit 15 000 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz räumen.
Absatzrückgänge in den USA wurden auf die Gerüchte um neue Apple-Computer und Preissenkungen zurückgeführt. Auch in Deutschland reagierten Apple-Kunden verunsichert. So will etwa Apple-Anwender Stefan Melzer, Chef des Autoteilegroßhandels »Adam & Melzer« in Hamburg, »mit weiteren Investitionen bis Ende des Jahres warten«.
Besonders schwer zu tragen hatte Apple am »Macintosh Portable«, dem Erstversuch der kalifornischen Firma auf dem Gebiet der tragbaren Laptop-Computer. Selbst die berühmt »benutzerfreundliche« Software aus Cupertino, so zeigte sich bald nach der Markteinführung im Herbst 1989, konnte die gewichtigen Nachteile des kapitalen 14-Pfünders nicht aufwiegen.
Während der plumpe Apple"Schlepptop« (Verkaufspreis in Deutschland: rund 9000 Mark) bleiern in den Händlerregalen ruhte, verkauften japanische und amerikanische Konkurrenten wie Toshiba (deutscher Marktanteil: 44 Prozent) und Compaq (28 Prozent) immer kleinere und leichtere »Notebook«-PC in Din-A4-Größe.
Mit den neuen »PowerBook«-Minis, hofft etwa Archibald Horlitz, Geschäftsführer der Computer-Handelsfirma HSD in Berlin, komme Apple nun »endlich aus der Nische raus«. Auffälligstes Merkmal der vergleichsweise leichtgewichtigen neuen Notebook-Computer ist ein drehbarer »Trackball«, der unterhalb der Tastatur in die Konsole eingelassen ist. Damit können wie sonst mit der sogenannten Maus Symbole auf dem Bildschirm angesteuert und »angeklickt« werden.
Als Nachteil könnte sich erweisen, daß dem »PowerBook 100« kein eingebautes Diskettenlaufwerk mitgegeben wurde, nur ein externes kann angeschlossen werden. Vorgesehene Verkaufspreise der neuen Apple-Portablen in Deutschland: zwischen 4800 und 8500 Mark.
Mit dem späten Start in den Notebook-Markt hat Apple seine Produktprobleme allerdings noch lange nicht gelöst, Nachholbedarf besteht auch im Workstation-Bereich. Der bisherige Leistungsträger »Macintosh IIfx« ist unter Druck geraten, selbst eingefleischte Apple-Anhänger finden die Maschinen von US-Konkurrenzfirmen wie Sun oder Next immer attraktiver.
So soll sich der grafikstarke »Quadra 900«, das neue Hochkantkraftpaket aus Cupertino, auch zum leistungsfähigen »Server« eignen, als zentrale Bedieneinheit für betriebsinterne Netzwerke also. Noch in der vergangenen Woche allerdings gab es Probleme bei der Programmierung der hochkomplexen Maschine, die den Terminplan für die Vorstellung zu gefährden drohten.
Viel Zeit kann sich Apple (die Firmengründer Steve Jobs und Stephen Wozniak hatten 1977 in einer Garage den ersten Personalcomputer zusammengelötet) mit seinen neuen »Quadra«-Spitzenmodellen nicht lassen. Der einstmals sichere Vorsprung ist längst dahin.
Bereits im Juli hatte die US-Firma Silicon Graphics, Marktführer bei den gehobenen Grafik-Workstations, ihre neueste Kreation vorgezeigt, die den »Quadras« schwer zu schaffen machen könnte. Ihre »Indigo« basiert auf einem hochspezialisierten RISC-Prozessor, der aufwendige dreidimensionale Grafiken und Audiobearbeitung in DAT-Qualität ermöglicht.
Das Preisrennen geht weiter. Mit 9995 Dollar kostet die »Indigo« in den USA kaum mehr als der »Quadra 900«, und auch der Geschwindigkeitsrausch hält unvermindert an: Der »Indigo«-Chip schafft 30 Millionen Rechenschritte pro Sekunde, fast doppelt so viele wie der »Quadra 900«. o