Unterhaltung Spaß mache
Badesalz« ist wie Parsifal, meint der Kabarettist Matthias Beltz. Er kennt beides, und zum Vergleich für das Phänomen, das derzeit von Hessen aus die Bundesrepublik erobert, fällt dem Frankfurter Bühnenprofi nur das Wagnersche Weihspiel ein.
»Erlösung durch Mitleid« wollte der Meister in Bayreuth erzeugen; es wurde ein Massenspektakel. Ähnlich überraschend kommt der Erfolg für jene zwei Herren, die mit der Idee, sich preiswert selbst zu unterhalten, nun ein Millionenpublikum vergnügen.
»Es konnte nur Badesalz heißen«, sagt Gerd Knebel, der eine Herr. Daß es mit B anfangen mußte, sei »doch wohl klar«. Klar. Und da es »Markennamen wie Bap, Rainer Barzel und Borussia Dortmund leider schon gab«, sagt Hendrik Nachtsheim, der andere, »blieb nur noch Badesalz«. Auch klar. Nachtsheim & Knebel klänge nach Spedition oder Spirituosen-Großhandel.
Badesalz hingegen vertreiben ausschließlich sich selbst, das aber mit kultischem Erfolg. Drei CDs sind derzeit im Angebot; die neueste mit dem Titel »Ich hätt gern die Platt von dene zwei DI-WODASO Spaß mache, habbe Sie die?« ist mit 150 000 verkauften Exemplaren an den Toten Hosen und den Fantastischen Vier vorbei auf Platz eins der nationalen Hitparade gezogen.
Vor drei Jahren lockte der Badesalz-Blödsinn bis zu sechs Millionen ARD-Zuschauer vor die Fernsehapparate. Bei Konzerten kreischen und trampeln Fans aller Altersklassen, als ob Madonna in Begleitung von Heinz Schenk aufträte. Badesalz Open air, Badesalz auf Video, ein Buch ist gerade erschienen, an einem Kinofilm arbeitet das Duo.
Die Frankfurter Allgemeine sieht die beiden »auf dem besten Weg, der Nation das hessische (Un-)Wesen so einzuprägen wie Jürgen von Manger den Kohlenpott-Charakter oder Gerhard Polt den bayerischen Grantlhuber«. Andere stehen ungerührt vor der kometenhaften Lachnummer: »Wer versteht eigentlich, was auf der Bühne passiert?« fragt die Frankfurter Rundschau.
Egal. Schwachsinnig oder genial - lauwarm lassen die Buben, die aus ihrem Alter ein Geheimnis machen, jedenfalls keinen. Im Idiom ihrer Heimat spiegeln sie den alltäglichen Wahnsinn wider, wie er in Wohnküchen, Kinderzimmern, Fußballstadien, Fernsehserien, Rat- und Freudenhäusern, aber auch in Hochschulen, Kreißsälen oder Waschsalons zu belauschen ist.
Für jedes Lach-Temperament soll etwas dabeisein. Der sanguinische Schenkelklopfer kommt auf seine Kosten, wenn die Hessen mit Sandalen, Strohhut und Bermudas in Japan bei der Suche nach dem Herrenklo der fremden Zeichensprache erliegen: »Es hat sisch äledischt, du Idiot, hat sisch äledischt.«
Melancholische Schmunzler freut die traurige Geschichte, die Knödelkaiser Knebel vor der Haustür seiner geliebten Evi besingt: »Wase day, isch denk nanuhuhu, isch kann's net verstehn, ei, wo steckst dann duhuhu?«
Ohne Rücksicht auf Szene-Empfindlichkeiten suchen sich die Babbelbarden Vorbilder für ihre Karikaturen. Herbert und Gisela, die sich mit Gitarre und Saxophon duettieren, weil sie beim Waschen eine seiner Lieblingssocken verschlampt hat, bieten sie ebenso munter dar wie den Wohngemeinschafts-Softie. Der macht sich »starke Vorwürfe«, weil sein Versuch gescheitert ist, mit einer Lichterkette den Mord an einem Inder zu verhindern.
»Message ist gut«, sagt Knebel, »aber Magic ist besser.«
Nur mit Zauberkräften ist zu erklären, daß Fuhrunternehmer ihre Lkw mit Badesalz-Kassetten ausstatten und flotte Sekretärinnen im Publikum »die Miniröcksche hochschiebe« - Knebel: »Wir sind doch net Richard Gere.«
Und auch nicht Arnold Schwarzenegger. Es ist wohl das entwaffnend Durchschnittliche, was die beiden Prol-Popper begehrenswert macht. Henni mit Nickelbrille kann präzise so verführerisch lächeln wie der Sozius von Kreuzberg-Anwalt Liebling. Und die dralle Catcher-Erotik des glattrasierten Knebel ist für keinen deutschen Mann eine Konkurrenz - so speckig ist er selber.
Daß die Jungs zum Knutschen sind, hat mit Selbstironie zu tun. Egal, welche Inkarnation sie annehmen: Badesalz machen sich nicht auf Kosten ihrer Typen lustig, sondern mit deren Hilfe.
Wenn die Komiker ins deutsche Familienalbum schauen, in deutschen Schlafzimmern recherchieren, an deutschen Biertischen horchen, sind sie nicht von ihren Figuren zu unterscheiden. Soviel Nähe schafft Identifikation - und Irritation. Auf Frau getrimmt, weckt Henrietta Nachtsheim typisch männliche Beschützerinstinkte. Und Gerda Knebel wirkt genauso sexy wie Mutti in Mörfelden-Walldorf, wenn sie für Vati auf Teresa Orlowski macht.
Schwul oder hetero, alt oder jung, gut oder böse, links oder rechts, Knebel oder Nachtsheim - Klarheit stiften durch Verwirrung, das gehört zum Badesalz-Programm. Obwohl die Komödianten einander so ähnlich sehen wie Salzfaß und Salzstange, können selbst Fans die beiden nur mit Eselsbrücken auseinanderhalten: Gerd wie Glatze, Henni wie Haare.
Böse und britisch wirkt die Reality-Comedy, weil sie das allzu Menschliche gnadenlos von allen Seiten zeigt. Wer lachen will, muß vor allem über sich lachen können.
Auch über Leute, die, rein rational, kaum erträglich sind: Der Herr Schneider, der seine hakenkreuzgeschmückten Unterhosen aus der Wäscherei abholt, erweckt weniger Abscheu als Mitleid. Er errötet, als die Waschfrau durch den ganzen Laden krakeelt: »'s war schwer sauber zu kriesche, Ihr Wäsch, Herr Schneider, aber fasse Se mal drüber« - sie streichelt das schwarz-weiß-rote Motiv -, »das is wieder so rischtisch kuschelisch und flauschisch geworde.«
Schräg, schwarz, stark: Humor von dieser Sorte, gepaart mit Kasperltheater, Marke »Kinder, seid ihr alle da?«, und der Volksnähe eines Komödienstadl - bei dieser zeitgenössischen Variante parsifalscher Oppulenz bleiben MTV- und Gameshow-Zuschauer einfach länger dran als bei zwei Stunden Riechling pur, zwei Stunden Roland Kaiser oder zwei Stunden Rodgau Monotones, bei denen Nachtsheim mal als Sänger angefangen hat.
Badesalz, sagt Matthias Beltz, verbreite die »Botschaft des Mitleids mit den kleinen Deppen, den Arschlöchern und Knallköppen dieser Welt«.
Das ist doch schon was.