Spaß mit Mutter - DER SPIEGEL
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SATIRE Spaß mit Mutter

• aus DER SPIEGEL 5/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Bild zeigt einen vierschrötigen, volltrunkenen Zecher. Sein Gesicht ist verquollen, die Nase rot angelaufen. Über strähniges Haar hat er einen Eisbeutel gestülpt.

Vor ihm steht die Flasche. Zwischen einer Bierlache und Zigarettenstummeln liegt ein Zettel mit familiärer Botschaft: »Ich habe Deine Trinkerei ertragen, solange ich konnte. Ich habe die Kinder, das Auto und das Sparbuch mitgenommen ...«

Über dem abstoßenden Genrebild ein Werbeslogan: »Elender - aber weiser. Wo es Streit gibt, gibt's auch Bier.«

Solche Anzeigen - im professionellen Werbestil gefertigt, aber mit satirischen Argumenten ausgestattet - sind Spezialität einer amerikanischen Zeitschrift, die in der Bundesrepublik keine Parallele hat. Sie ist die wohl einzige Zeitschrift der Welt, die ihre Mitarbeiter im Impressum als den »üblichen Haufen von Idioten« vorstellt. Ihr Titel ist programmatisch: »Mad« ("Verrückt").

Was »Mad« madig macht, ist das ganze Panorama amerikanischen Lebens - vom Baseball bis zum Big Business, von der Fernsehmanie bis zur Präsidentenwahl. Achtmal jährlich stellen die Redakteure eine Ausgabe zusammen, deren Beiträge - einschließlich der Anzeigen, aber ausschließlich der Leserbriefe - frei erfunden sind und dennoch eine eindeutige Beziehung zur Wirklichkeit haben: »Mad« parodiert die Mächte, die Amerikas Alltag beherrschen.

In dieser Zielsetzung weicht das Blatt kaum von satirischen Zeitschriften herkömmlicher Art ab, etwa vom »Punch« in England. In der Machart aber unterscheidet es sich grundsätzlich: »Mad« bedient sich vornehmlich der bildlichen Einfalt amerikanischer Comic strips, um zu parodieren.

Das Ergebnis ist ein für den europäischen Geschmack allzu direktes Witzblatt, dessen Humor freilich mitunter couragierter ist als die Satire einheimischer Karikaturisten. Immerhin gehört es zum »Mad«-Prinzip, die Reklame großer Konzerne zu veralbern.

,Mad' ist«, so definierte das Nachrichtenmagazin »Time«, »eine erfrischend unverschämte Reaktion auf all die glatten Geschäftsbräuche des 20. Jahrhunderts, auf seine hochgepeitschten Sensationen, seine sichtbaren und unsichtbaren Verführer.«

Derart Kulturkritik zu treiben, war anfangs keineswegs das Ziel der »Mad« -Gründer gewesen. 1952 brachten Verleger William Gaines, damals 30, und Redakteur Albert Feldstein, 26, in New York ein bescheidenes Blatt heraus, das sich zwar schon »Mad« nannte, aber nichts weiter als ein US-übliches Comic book war. Es war ein Verlustgeschäft.

Das änderte sich erst, als Gaines und Feldstein den Einfall hatten, eine Parodie auf »Lone Ranger«, einen der populärsten Comic - Helden, zu veröffentlichen. Der Weg zum Erfolg war abgesteckt: Verhöhnten Gaines und Feldstein anfangs nur den falschen Heroismus der Comic-Figuren, so entzauberten sie bald auch pathetische Reden von Politikern, sentimentale Sprüche von Film- und Fernseh-Idolen, übertriebene Versprechungen der Werbeleute.

»Man meint wohl«, fand Chefredakteur Feldstein, »Gott, Mutter und das Vaterland sollten verschont werden. Aber wir haben einigen Spaß mit dem Vaterland gehabt, und wir haben einigen Spaß mit Mutter gehabt.«

Spaß mit »Mom« (wie die allesbeherrschende Mutterfigur der amerikanischen Matriarchatsgesellschaft in nationalem Slang genannt wird) trieb »Mad«, indem es etwa anregte, Väter und Töchter möchten dem weiblichen Familien-Boß zum Muttertag eine Blinddarmoperation spendieren: »Soll Mom die einzige im Bridge-Club sein, die keine Operation vorweisen kann, mit der sie angeben könnte?«

Spaß mit dem Vaterland trieb »Mad«, indem es führende Politiker wie Zahnpasta-Idole anpries. Amerikas heutiger Vizepräsident Johnson etwa sah sich unter dem »Mad«-Motto »Nichts befriedigt so wie Johnson« als Kapitalistenfreund hingestellt, der von einem Ölmagnaten seines Heimatstaates ("Nouveau Riche, Texas, Besitzer von 36 Ölquellen und 55 Millionen Dollar") unterstützt wird. Kennedys republikanischer Wahlgegner Richard M. Nixon figurierte als »echte, süße, liebenswerte Persönlichkeit«, zwar ohne politische Qualifikation für das höchste Amt im Staate, aber - in vergleichbare deutsche Reklamesprache übersetzt - »echt, mit dem echten republikanischen Gütezeichen«.

Zum Redaktionssymbol erhob das Witzblatt ein Zerrbild jenes ewig frischen US-Jünglings, wie er etwa auf den in »Hör zu«-Manier gezeichneten Titelseiten der Millionen-Illustrierten »Saturday Evening Post« zu sehen ist. Es ist das Konterfei eines rothaarigen Jungamerikaners mit Löffelohren und Zahnlücken namens Alfred E. Neuman.

Alfreds einfältiges Grinsen zierte fortan jedes Titelblatt von »Mad«. Die neueste Nummer etwa zeigt ihn als USTiroler mit Wadenstrümpfen, blauen Lederhosen und einem Wilhelm-Tell -Pfeil als Kopfschmuck. Mit Alfred E. Neuman kletterte die »Mad«-Auflage auf 1,3 Millionen, und eine Schar Nachahmer bemüht sich, an dem Erfolgsrezept teilzuhaben. Feldstein hat eine einfache Erklärung für den Aufschwung: »Die Leute haben Spaß an Satire, weil sich die Satire über Dinge lustig macht, von denen die Leute mißbraucht werden.«

Nahezu jedes »Mad«-Heft offenbart, wovon sich die »Mad«-Leute am meisten mißbraucht fühlen - von den Verkaufs- und Werbepraktiken der Industrie. Feldstein: »Viele Anzeigen beleidigen die Intelligenz.«

Anzeigen-Parodien wurden denn auch die berühmteste »Mad«-Spezialität. Das Blatt

- pries Drops als Zahnzerstörer mit dem Slogan: »Der beste Freund, den Ihr Zahnarzt je hatte«;

- schmückte eine ganzseitige Aufnahme

vom luxuriösen Interieur eines Autos mit dem Abdruck eines Strafmandats und warb: »Nur eine der vielen Unannehmlichkeiten, die Sie als Autofahrer erwarten, aber Beweis genug: Sie sollten sich nicht Ford-bewegen«;

- stellte den Volkswagen ("Deutschland, Deutschland über alles, über alles in Detroit") in einem unübersetzbaren Kauderwelsch aus amerikanischem Slang und deutschen Sprachfetzen als »Der Car Kraut« vor und zitierte als Verbraucherstimme:

»Das Kinder: We don't like it! Better ve should have gotten a Renault!«

Ähnlich mokierten sich die »Mad« -Leute über die repräsentativen Farbanzeigen von Cadillac, die,dem Betrachter offenbar das Gefühl geben sollten, der Besitz eines Cadillac-Straßenkreuzers zeuge nicht von Wohlhabenheit schlechthin, sondern von kultiviertem Reichtum. Auf den Anzeigen prangte der Wagen jeweils vor einem kostbaren, bestickten Stoff; das Firmenzeichen darauf war mit Juwelen geschmückt.

Durch nur kleine Änderungen wurde daraus eine Parodie: Die »Mad«-Redakteure deuteten auf dem Stoff Falten und Schatten an, als umspanne er den Busen einer fülligen Matrone; das Firmenzeichen »Cadillac« versahen sie mit dem Zusatz: »Wir besitzen einen.«

In einer anderen Glosse suchte »Mad« die Absurdität mancher Fernsehwerbung aufzuzeigen. Motto: »Was wäre, wenn die Produkte nur unter den Bedingungen funktionierten, unter denen sie uns gezeigt werden?«

Die Antwort demonstrierte eine männliche Comic-strip-Figur, die vergebens versucht, einen Rasierapparat mit Batterieantrieb der Marke Remington in Gang zu setzen. »Du machst das nur nicht richtig«, belehrt die Gattin, fährt ihren Mann zum Flughafen, klettert mit ihm in eine Maschine und schubst ihn in 4000 Meter Höhe aus dem Flugzeug: »Ich will dir zeigen, wie man den Rasierapparat richtig benutzt.«

»Jetzt versuch's mal!« ruft sie ihm nach.

»Du hast recht, Selma!« schreit er zurück, »der Apparat geht prima, wenn man aus einem Flugzeug fällt genau wie im Fernsehen. Nur: Ich habe keinen Fallschirm.«

Ähnlich umständlich, aber durchaus pointiert sind die meisten »Mad«-Witze konstruiert. In einer ganzen Comic-Serie wird beispielsweise die alltägliche Begebenheit geschildert, wie ein Mann einen anderen nach der Uhrzeit fragt.

Der Uhrenbesitzer schleppt ein Faß auf dem Rücken: Im Faß steckt ein Außenbordmotor. Der Gefragte ("Ich bin so froh, daß Sie mich gefragt haben") beginnt eine umständliche Prozedur: Er setzt die Last nieder, wirft den Motor an, schaltet ihn wieder ab und zieht ihn aus dem Wasserfaß. Dann blickt er auf seine Armbanduhr der Marke Timex, die an der Schraube befestigt ist (wie es im Fernsehen gezeigt wurde, um die Widerstandsfähigkeit der Uhr zu demonstrieren), und gibt dem verblüfften Fragesteller endlich Auskunft: »Es ist genau 4.09 Uhr!«

Trotz solcher scheinbar geschäftsschädigenden Praktiken hat noch nie eine US-Firma die Zeitschrift verklagt. Im Gegenteil: Viele Firmen witterten in den »Mad«-Parodien bald einen echten Reklame-Effekt und bedrängten die Redaktion mit finanziell verlockenden Angeboten: »Mad« solle sich über ihre Produkte lustig machen.

Gaines aber lehnt alle derartigen Offerten ab. Er wartet stets darauf, daß sich die Firmen zunächst im Anzeigenteil der Zeitungen oder im Fernsehen Blößen geben. Erst dann können sie damit rechnen, von »Mad« parodiert zu werden - unentgeltlich.

»Mad«-Gründer Gaines, Feldstein (vor Redaktionssymbol): Erfolg mit Alfred

Satirische »Mad«-Anzeigen für Volkswagen, Bier*, Drops**: Verriß erbeten

* Übersetzung des Textes: Elender ... aber weiser (aber weiser - But wiser= Verballhornung der amerikanischen Biermarke »Budweiser"). Wo es Streit gibt, gibt's auch Bier. - Was für ein Kopf! Wer hat gesagt, man könnte von Bier nicht besoffen werden? Hier Ist ein Kerl, der »das Getränk der Mäßigung« trinkt, und seit einem Monat ist er im Bierdusel.

** Dr. med. dent. Moe Lahr (das englische Wort »molar« bedeutet »Backenzahn"), Plymouth, Washington, Abszeßplatz 32. - Für zahnärztliche Leistungen

8. Juli 1 Füllung. - 1 Dollar

15. Juli 1 Füllung. - 1 Dollar

22. Juli 1 Füllung. - 1 Dollar

29. Juli Extraktion - 2 Dollar

Zusammen. - 5 Dollar Bitte zahlen Sie unverzüglich. - Der beste Freund, den Ihr Zahnarzt je hatte. In fünferlei Geschmack: Zahnzerstörer. Der Drops, der Löcher verursacht ... noch immer nur 5 Cent. (Slogan der Dropssorte »Life Saver": »Der Drops mit dem Loch.")

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