POLITOLOGEN Spatz oder Taube
Die Politikwissenschaft sei von Spaltung bedroht. Der Konsensus zwischen den marxistischen und marxistisch inspirierten Politologen und den Verteidigern des Rechtsstaats sei »radikal in Frage gestellt«.
Die Klage des Münchner Professors Kurt Sontheimer über die Zerstrittenheit seines Faches betrifft keine geringe Sache. Schließlich bildet die Universitäts-Politologie jene Gymnasiallehrer aus, welche die Oberschüler Westdeutschlands darüber unterrichten, was Politik ist und was sie sein soll. Politikwissenschaft von heute ist Politik von morgen, ihre gegenwärtige Spaltung also künftiger Kampf.
Sontheimers traurige »Zustandsbeschreibung« stand am vorletzten Sonnabend in der »FAZ«. Drei Tage später begann in Duisburg ein Kongreß der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft. Die Zeichen des Kongresses standen, so schien es, auf Sturm, und tatsächlich gab es nicht wenige Teilnehmer, die eine Wiederholung des tumultuösen vorangegangenen befürchteten. Damals -- im Oktober 1973 in Hamburg -- hatten Neo-Marxisten mit radikalistischen Anträgen den Exodus von rund 20 Gelehrten provoziert, darunter den des Professors Dolf Sternberger.
Diesmal kam alles ganz anders. Die über 800 im Audimax der Duisburger Gesamthochschule versammelten Verbandsmitglieder und Studenten verhielten sich höchst manierlich. Es gab keine Zwischenrufe und keine Transparente. Einige angegraute Apo-Veteranen aus den sechziger Jahren wirkten prähistorisch -- »wie Alt-Wandervögel mit Stachelbeerbeinen«.
Dabei hatte die Verbandsleitung durchaus für Brisanz gesorgt. Als Rahmenthema« des Kongresses hatte sie ein modernes Reizwort ausgesucht: »Legitimationsprobleme politischer Systeme«, und als Redner der Eröffnungssitzung schickte sie zwei entschiedene Kontrahenten in die Arena:
>den Freiburger Professor Wilhelm Hennis, ehemals SPD- und seit 1971 CDU-Mitglied, und
* Jürgen Habermas, Mitdirektor eines sozio-philosophischen Max-Planck-Instituts, und dem linken Flügel der SPD zuzurechnen.
Hennis, ein Redner von cholerischem Temperament, gab sich denn auch alle Mühe, seinen Kontrahenten Habermas zu reizen. Dessen These, die Bundesrepublik und der »Spätkapitalismus« befänden sich in einer Legitimationskrise, wurde von Hennis rundweg für abwegig erklärt. Kein Westdeutscher habe heute »sittlichen Zweifel an der Möglichkeit, dem legalen Herrscher weiterhin gehorchen zu können Wenn es anders wäre, müßten »bedeutsame Exilierungen« zu verzeichnen sein.
Hennis bestritt auch die Habermas-Behauptung, die Klassenstruktur der Bundesrepublik habe die Legitimationskrise erzeugt: »Nie haben die Klassenauseinandersetzungen im Kapitalismus auch nur einen Hauch jenes Hasses erzeugt« wie etwa religiöse oder ethnische. Zu Habermas gewandt: Wie kann man nur die heutigen »wirklich harmlosen« Verteilungskämpfe »so aufplustern«!
Habermas suche, meinte Hennis, »letzte Gründe« für Herrschaft und Ordnung. Das aber bedeute tendenziell: Wiederherstellung der mittelalterlichen Gesellschaft, des Gottesgnadentums und die Neubegründung einer totalitären Gesellschaft. Demgegenüber vertrete er den Standpunkt, daß sich die moderne Gesellschaft auf »vorletzte (Legitimitäts-)Gründe« verlassen solle: den Rechtsstaat vornehmlich.
Die Hennis-Rede glich dem Versuch eines Bandilleros, dem Stier schmerzende Lanzen in den Nacken zu setzen. Mit Habermas betrat indes ein recht sanftmütiger Gegner den Schauplatz. Auf »Antipolemik« ausdrücklich verzichtend, legte er das Dilemma des modernen Staates dar: Einerseits werde ihm »Generalzuständigkeit«, zumal für wirtschaftlichen Wohlstand, aufgebürdet, andererseits aber verweigere ihm die kapitalistische Gesellschaft die Legimitation, selber zu wirtschaften.
Dieser Widerspruch spiegele das Dilemma einer »Lebensform«, in der es nur um Geld, arbeitsfreie Zeit und Sicherheit gehe -- einen »possessiven Individualismus«. Daß dieser »pursuit of happiness« allerdings noch legitim sei, bezweifle er. Es könne ja sein, meinte Habermas, daß es den Bürgern eines Tages nicht mehr auf die »Anhäufung privat verfügbarer materieller Gegenstände« ankomme, sondern auf eine Gesellschaft, in der »die Befriedigung des einen nicht mehr den Preis der Repression von Bedürfnissen eines anderen fordert«.
Hennis über Habermas: »Einer der vielen ambitiösen Taubenliebhaber in der Geschichte.« Hennis über Hennis: »Ein Spatzenheger«, dem der Spatz rechtsstaatlicher Legitimation in der Hand lieber sei als die Taube einer Staatslegitimation aus »letzten Gründen« auf dem Dach.