Squaw Polly - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 60 / 82

HACKS Squaw Polly

• aus DER SPIEGEL 9/1971
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Polly Macheath, geborene Peachum, ist »von der Insel Britannia nach der Insel Amerika« gesegelt. »Europasatt«, will sie in den »Kolonien« nach ihrem deportierten Gatten, dem Räuberhauptmann Mackie Messer, fahnden, bei dem sie sich einst »einfach hinlegen« mußte.

Doch Polly hat auf der anderen »Seite des Heringsteiches« nicht viel Glück -- so will es der DDR-Dramatiker Peter Hacks, 42, dessen Stück »Polly oder Die Bataille am Bluewater Creek« am letzten Samstag in Göttingen erstmals auf dem Programm eines westdeutschen Theaters stand. Die Emigrantin wird ihrer Barschaft (500 Pfund) beraubt, gerät in ein Bordell, wird an einen reichen Siedler veräußert und prügelt sich mit Piraten und bigotten Pflanzern, bevor sie ihren -- sterbenden -- Ehemann in die Arme schließen darf. Schließlich muß die Witwe noch froh sein, daß der Sohn eines Indianerhäuptlings sie zur Squaw nimmt.

Dieses Stückchen deftig-parodistischen Unterhaltungstheaters mit einer kaum störenden Musik war nach der Uraufführung (1965 in Halle) für Jahre aus dem Verkehr gezogen worden, weil sich der Autor mit dem Komponisten André Asriel nicht über die Verteilung der Tantiemen einigen konnte. Musik indessen gehört traditionell zum »Polly«-Stoff, den Hacks, wie vor ihm Bertolt Brecht, beim Briten John Gay gefunden hatte -- in einer Fortsetzung der »Beggar's Opera«.

Doch während Brecht mit der »Dreigroschenoper« die Gesellschaft der zwanziger Jahre karikierte, hat Hacks mit Songs und saftigem Vokabular ("Dein Hintern wird zu wählen haben zwischen meinen Küssen und meiner Peitsche") ein Lehrstück von abstrakter Moral erschaffen.

Darin werden Indianer, wahre Tugendbolde, gleichzeitig von offen amoralischen Piraten und heuchlerischen Siedlern bedrängt: Die Siedler wollen das Blauwassertal, die Piraten das Gold der Rothäute. Doch wider alle Vernunft gewinnen die Gerechten. »Nicht Krieg führen ist besser als siegen«, spricht Pollys Schwiegervater, der siegreiche Häuptling Pohetohee, verscharrt das Kriegsbeil und schließt einen milden Friedensvertrag. Ein schlimmes Ende.

Wer nämlich die wahren Sieger sind, das verdeutlicht in Göttingen Regisseur Günther Fleckenstein durch ein sinnfälliges Schluß-Tableau: Über die feiernden Indianer senkt sich vom Schnürboden herab die Freiheitsstatue und wird von weißen Pflanzern, Pfaffen, Piraten sowie Huren umtanzt. Hello, Polly.

Zur Ausgabe
Artikel 60 / 82