STABILIDÄD - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN / Telemann STABILIDÄD

• aus DER SPIEGEL 38/1965
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ende der 50er Jahre, als das europäische Fernsehen aus den Nähten seines Flügelkleides zu platzen begann, schien ein alter Parlamentarier-Wunschtraum in Erfüllung zu gehen: der Traum, man könne durch gezielte Anwendung der TV-Technik Wahlen gewinnen.

Avantgardistin war, im britischen Parlaments-Wahljahr 1959, die Labour-Partei. Sie verfertigte mit Fleiß und Witz eine fünfteilige Magazinreihe ("Britain belongs to you"), die selbst ihren Gegnern Achtung abzwang. Resultat: Labour verlor.

Das böse Exempel schreckte die Nachbarn so sehr, daß im deutschen Wahlkampf von 1961 sämtliche Parteien ein ebenso langweiliges TV-Wahl-Programm zu senden bemüht waren wie vordem die siegreichen Tories.

1965 sind alle Träume ausgeträumt. Kluge Wahlkämpfer wissen, daß man mit TV-Werbespots allenfalls Hundefutter, nicht jedoch Kanzlerkandidaten an den Verbraucher bringen kann. Aber das Fernsehen ist nun mal da, und so muß man es benützen; schon wegen der demoskopisch ermittelten 25 Prozent »Unentschlossenen«.

Beginnen wir bei den Kleinsten. Die NPD, verkörpert durch ein Diapositiv oder Adolf von Thadden, benützt ihre Sendefrist von zweieinhalb Minuten, um sich zeitraubend über diese karge Zumessung zu beklagen, die DFU jätet, wie schon beim letztenmal, etwas Passendes aus dem SPIEGEL. Beide werden nicht müde, kurzfristig einen Grafen Westphalen («... lehne jede Notstandsjesetzgebung katejorisch ab"), einen Prinzen zu Salm oder einen »Vater der Raumfahrt« auf den Schirm zu schicken. Die FDP, erstmals am 2. September im Werbegeschäft, vertraut auf den Appeal einer Boeing 727 und läßt ihren Ex-Justizminister Bücher tieftraurig sich erkundigen: »Kampf um die Macht - geht es nur darum?«

Die SPD, von allen Schön- und Feuergeistern der Nation beraten, baut auf die Schläfrigkeit der »Tagesschau«-Betrachter: Kaum hat ARD-Sprecher Köpcke sein 20-Uhr-Pensum erledigt, erscheint ein anderer, ähnlich soignierter Herr auf der Scheibe, zuweilen auch die Hausfrau und Mutter Irene Koss, verehelichte Drechsel, und weiter geht's im Nachrichtentext, »Bonner Depesche« geheißen. So wird der Rundfunk-gläubige Tele -Untertan geschickt hinter das Licht geführt, das ihm Brandt und Wehner aufstecken möchten.

Er erfährt - pseudoamtlich - von SPD-»Gesundheitsraketen«, »fahrbarer SPD-Mütterberatung«, vortrefflicher SPD-Städteplanung; hört, daß ein »Bild-Leserinnen -Parlament beim SPD-Vorsitzenden gewesen«, daß die »schleichende Inflation im Vormarsch« sei, und bekommt Ratschläge zur Briefwahl wie auch Nachricht, daß »Willy Brandt morgen um 14 Uhr in Bottrop« eintreffen werde.

Während die Sozialdemokraten vornehmlich in der Defensive agitieren (Brandts Exil-Renommee wird mit den Emigrantennamen Thomas Mann oder Albert Einstein geschönt, »heftige Angriffe« der »Prawda« gegen die SPD gelten als mitteilenswert), schießt die CDU/ CSU, im Umgang mit der Demagogie robuster, hinter bewährten Hecken hervor.

»Es vergeht kein Tag«, tönt es aus der Hecke »Kriegsangst«, »an dem wir nicht von Krisen, Unruhen, ja von Kriegen hören oder lesen, und wir fragen uns: Müssen wir uns nicht wehren?« Folgt ein Hinweis auf des Urgroßkanzlers »einfache, gerade Politik«.

Zum Thema »Wohlstand ist nicht unmoralisch« erfährt der von SPD-Tyrannei bedrohte Wahlmündige, daß er unter CDU/CSU -Ägide »ins Theater gehen-kann, in dem der Spielplan ihm und nicht dem Staat zu gefallen hat«, daß »dieses Mädchen auch künftig frei und unbeschwert ins Leben lachen« und jener »Regisseur seine Traumwelt zimmern und verkaufen dürfen soll«, günstiger noch, daß »die Zeit des Volksgerichtshofes vorbei ist«.

Und fröhlich klingt's aus dem Gehölz, wenn Ludwig Erhard höchstselbst ("65 Prozent aller Deutschen wollen, daß er unser Kanzler bleibt") zur Kundgebung federt. Da drängeln sich Ahne, Mutter und Kleinkind, da raunt es tausendfach »er kommt«. Da herrscht jähe Andacht, wenn er zu sprechen anhebt: »Was hab ich gedan? Ich habe die Wege gewiesen«; brandet Jubel, wenn er von der »Stabilidäd unseres Kondinends« kündet oder gar versichert: »Für mich bersönlich gäb's auch einen andern, bessern Job, als Bundeskanzler zu sein, aber darauf kommt's doch nicht drauf an!« Dazu die allen wohlvertraute Werbemarschweise für das Tabakerzeugnis »Peter Stuyvesant«.

Wenn's auch nicht viel nützt, das Wahlkampfmittel Fernsehen, Schaden wird es schon keinen anrichten, dachten sich die Parteihäupter.

Woran sie nicht gedacht haben, ist, daß (ungezielte) TV-Programme sehr wohl Wahlentschlüsse reifen machen oder umstürzen können. Beispiel: die Sendung »Journalisten fragen - Politiker antworten«, mit Strauß, Mende, Brandt und Gerstenmaier (ZDF, 2. September). Sonst hätte sich der eine oder andere vermutlich beim Diskussionsleiter entschuldigen lassen.

telemann
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