Starke Bindung - DER SPIEGEL
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ANTHROPOLOGIE Starke Bindung

Die Entwicklung des Menschen begann weder mit besonderer Intelligenz noch mit aufrechtem Gang oder Gebrauch von Werkzeug, erklärt ein US-Forscher: Den Erfolg der Gattung Homo sicherte die Familie.
• aus DER SPIEGEL 7/1981
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Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben«, dichtete der mit den fauligen Äpfeln in der Schublade. »Und drinnen waltet«, na ja, 182 Jahre ist es her, »die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder.«

Oder hatte Friedrich Schiller, mag »Emma« auch aufheulen, mögen die S.199 Emanzipierten nur den Kopf schütteln, etwa doch die natürliche Ordnung beschrieben? Paar-Bindung in Treue, wobei der männliche Partner für den Unterhalt sorgt und der weibliche in viel engerem Lebenskreis den Nachwuchs hegt -- kurzum die geschmähte und bedrohte »Kernfamilie« erklärt nun C. Owen Lovejoy, allerdings ein Mann, als zutiefst wesentlich-menschlich.

Den Amerikaner schert nicht das aktuelle Gezänk um Geschlechterrollen. Ihm geht es um biologisch Grundsätzliches: um den Ursprung der Art Homo sapiens.

Sein »einzigartiges Sexual- und Fortpflanzungsverhalten«, erklärte Lovejoy in der US-Zeitschrift »Science«, sei wohl überhaupt »die unerläßliche Voraussetzung für die Entstehung des Menschen« gewesen.

Lovejoy ist nicht irgendwer, sondern Professor für Anthropologie, für Anatomie und orthopädische Chirurgie an Universitäten in Kent und Cleveland (Ohio). Seine Arbeit »The Origin of Man« räumt mit so ziemlich allen herkömmlichen Vorstellungen über die menschliche Evolution auf.

Das geht gleich bei Charles Darwin los. Dem ist zwar nicht das seit einem Jahrhundert geflügelte Wort von der äffischen Abstammung des Menschen anzulasten; vielmehr hatte er, wie Lovejoy erläutert, unter dem Eindruck der großen Ähnlichkeit von Affen und Menschen einen kleinen Unterschied zu stark strapaziert.

Mächtige Eckzähne sind ein Merkmal aller Primaten -- nur nicht des Menschen. Das, folgerte Darwin, sei dem Gebrauch von Gerätschaften zuzuschreiben. Weil sich bedrohliches Blecken und scharf reißender Biß erübrigten, sei das natürliche Imponier- und Kampfutensil verkümmert.

Werkzeug und Waffen gelten seither als Errungenschaft, mit der sich die Menschheit über das Tierreich erhob. Daß die »materielle Kultur« die Evolution des Menschen beeinflußt hat, räumt auch Lovejoy ein; mit guten Gründen bezweifelt er aber, »daß sie ein wesentlicher Faktor beim Ursprung der Hominiden war«.

Denn die Gabelung im Primaten-Stammbaum, an der sich die Entwicklungslinien der ersten menschenartigen Wesen und der Menschenaffen trennten, liegt immerhin acht Millionen Jahre zurück. Die ältesten Steingeräte, einfachste Schlägel, Kratzer und Schaber, sind hingegen allenfalls zwei Millionen Jahre alt.

Ebensowenig kann überragende Intelligenz das Überleben jener Arten gesichert haben, von denen sich der Homo sapiens ableitet. Das Gehirn früher Hominiden ähnelt, wie sich an Schädelfragmenten erkennen läßt, in Größe und Struktur durchaus noch dem von Menschenaffen.

Von den ureigen menschlichen Besonderheiten scheint noch der aufrechte Gang ein besonders altes Erbteil zu sein. So fand die Anthropologin Mary Leakey am Südrand der Serengeti in Ostafrika Fußspuren von drei Hominiden, die dort vor 3,7 Millionen Jahren durch Vulkanasche getrottet waren (SPIEGEL 36/1980).

Doch Zweibeinigkeit allein half wenig im Kampf ums Dasein. Vierfüßler sind gemeinhin wendiger und schneller als der Mensch, somit für Angriff oder S.200 Flucht und für die Eroberung von Lebensräumen besser gerüstet.

Der Grund für den Erfolg der Gattung Homo, argumentiert Lovejoy, muß tiefer liegen als in körperlichen Formen und Funktionen: im Verhalten.

Zu diesem Schluß war bereits Mary Leakeys Sohn Richard, Direktor der Nationalmuseen von Kenia, gekommen (SPIEGEL 2/1978). »Der Schlüssel für die Verwandlung einer affenähnlichen Horden-Kreatur in ein kultiviertes Wesen«, postulierte der Anthropologe, »ist Teilhabenlassen.«

Ein scheinbarer biologischer Nachteil habe den Hominiden letztlich Überlegenheit gesichert: Weil das Kind besonders lange von der Mutter abhängig ist und damit beide auf zumindest zeitweilige Versorgung durch den Mann angewiesen sind, wurden starke soziale Bindungen gefördert.

So konnten die Nachkommen viel intensiver das Gruppen- und Familienwissen lernen. Darin habe auch die Sprache ihren Ursprung.

Je höher Primaten entwickelt sind, erläutert nun Professor Lovejoy, desto mehr »reproduktive Energie« müssen sie für den Nachwuchs aufwenden, also Mühe für den Bestand der Art. So nimmt die Tragezeit von 18 Wochen bei Lemuren über 30 Wochen bei Gibbons auf 34 Wochen bei Schimpansen zu (Schwangerschaft bei Menschen: 38 Wochen).

Entsprechend dehnen sich die Lebensphasen. Halbaffen sind nach wenigen Jahren erwachsen, Menschen werden erst in den anderthalb Jahrzehnten ihrer Kindheit und Jugend selbständig.

Zwanglos fügt Lovejoy die Rollenverteilung, die anatomischen Unterschiede der Geschlechter und die sexuellen Besonderheiten des Menschen in dieses Bild:

* Das zur Nahrungssuche weit ausschweifende kräftigere Hominiden-Männchen wurde vom zierlicheren heimischen Weibchen durch ganzjährige Bereitschaft zur Kopulation gleichzeitig gefesselt und belohnt.

* Die besondere Ausprägung der Geschlechtsmerkmale -- von den Schaustücken Penis und Brüsten bis zum attraktiven Geruch -- sicherte dauerndes beiderseitiges Interesse.

* Die Erkenntnis seiner Vaterschaft hielt den Mann in monogamer Bindung und begründete die ungewöhnlich starke Wechselbeziehung aller Partner, also die Familie.

Selbst der Verlust hervorragender Eckzähne könnte, meint Lovejoy, sein Gutes gehabt haben. Weil die frühen Hominiden Nahrung nicht mehr mit dem Maul zum Stammplatz zu schleppen vermochten, nahmen sie die Hände: So richteten sich Adam und Eva auf, wurden geschickter und klüger und breiteten sich über die Erde aus.

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