Technik Starkes Recken
»Q'Kote«, so preisen es die japanischen Hersteller, »ist eine Revolution.« Doch um das neue, teure Material an den Mann zu bringen, ließen sie sich einen alten, billigen Werbegag einfallen -- ein nacktes Mädchen.
Der Schau-Effekt von Licht- und Schattentönen seidiger Haut demonstriert immerhin auch den Vorzug des Produkts: Q'Kote ist ein Papierersatz, chemisch und technisch maßgeschneidert für zarteste Nuancen beim Druck.
Zwei Jahrtausende lang fertigten die Papiermacher ihre Ware aus pflanzlichen Fasern, aus Bambus, Stroh, Flachs, Hanf und vor allem aus dem Holz kanadischer Tannen und finnischer Fichten. Jetzt aber hat auch für Bilder und Buchstaben die Plastik-Ära begonnen.
»Plaper« -- die Amerikaner prägten bereits dieses eingängige Kürzel für »plastic paper«. Und wie die Q"Kote-Hersteller, die Japan Synthetic Paper Company, experimentieren Papiermühlen und Chemiekonzerne in nahezu allen Industrieländern mit papierähnlichen Folien und Vliesen.
Viele Konsumenten haben solche Kunststoffblatter, meist ohne es zu erkennen, schon in der Hand gehabt. Bundesdeutsche Führerscheine etwa werden seit längerem auf solchem Papierersatz aus Erdöl gedruckt.
Schrittmacher dieser Entwicklung waren die Japaner. Denn Holz, das wichtigste Papiermaterial, ist auf den fernöstlichen Inseln rar. Allein acht japanische Firmen stellen derzeit Folien für Druck- und Schreibzwecke her.
Zwar ist die anfängliche Euphorie geschwunden. Vor vier Jahren, als das erste japanische Synthetikpapier in den Handel kam, hatte Nippons Rohstoff-Forschungsrat für 1971 einen Umsatz von 120 000 Tonnen prophezeit; tatsächlich wurden nur 4000 Tonnen verkauft. Die Jahresweltproduktion hat bislang kaum 50 000 Tonnen (Papier: 130 Millionen Tonnen) erreicht.
Nun, während die Papierindustrie steigende Kosten und zusätzlich Milliardenbeträge für den Umweltschutz einkalkulieren muß, zeichnen sich die realen Chancen für Plastik-Papiere ab. Vorerst seien es Nischen und Lücken im Markt für spezielle Sorten, erläutern Professor Lothar Göttsching, Leiter des Instituts für Papierfabrikation der TH Darmstadt, und sein Doktorand Ulrich Scheufelen in einer Dokumentation, die demnächst in der Druckfachzeitschrift »Polygraph« erscheint:
* Die synthetischen Folien- und Faserblätter sind reiß- und wasserfest. schmutzabweisend und unverrottbar; sie eignen sich deshalb besonders für harten Dauergebrauch, bei dem herkömmliche Papiere eher verschleißen -- so für Banknoten und Dokumente, Landkarten, Tapeten.
Plakate und Etiketten, Buchumschläge, Kinderbücher, Lexika und Wörterbücher und als Rollenware zum Einwickeln von Lebensmitteln und Blumen.
* Den Reiz des Neuen und Teuren und die Druckqualität etlicher »Plapiere« nutzen Firmen für repräsentative Drucksachen wie Offerten, Kunstkataloge und Glückwunschkarten.
* Einige Hersteller haben dazu exotische Anwendungsmöglichkeiten entdeckt. Sie offerieren etwa Notizblöcke für Taucher und Streckenkarten für Wildwasser-Kanuten; und in Le Havre erscheint die erste Kunststoffzeitung -- die »Voix de l'homme grenouille« (Stimme des Froschmanns) kann auch unter dem Meeresspiegel gelesen werden. Westdeutsche Papiermacher und petrochemische Fabriken rüsten sich, rechtzeitig mitbieten zu können. So vereinbarten die Farbwerke Hoechst mit dem britischen Papierkonzern Reed International, gemeinsam alle Kunstpapiere zu studieren. Die BASF bot auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse letzten Jahres Polystyrol-Papier feil.
Papier und weichen Karton aus Synthesefasern wie für den Führerschein liefert die Feldmühle-Tochtergesellschaft Faserprodukte GmbH. Und die Papierfabrik Scheufelen in Oberlenningen produziert neuerdings eine Folie, die mit normalen Farben und nach allen herkömmlichen Verfahren bedruckt werden kann; in den Labors der schwäbischen Familienfirma wird außerdem daran gearbeitet, Papiere aus Plastik-Schäumen zu fertigen -- »weil«, so der in Darmstadt einschlägig promovierende Junior Ulrich Scheufelen, »Luft nichts kostet beziehungsweise Treibgas sehr billig ist«.
Hoher Aufwand für die Retortenprodukte ist noch immer ihr Hauptnachteil. Papiere aus künstlichen Fasern kosten je Kilogramm zehn bis 14, Folien drei bis sechs Mark (herkömmliches Papier für Kunstdruck etwa zwei Mark, für Zeitungen etwa 60 Pfennig).
In den nächsten Wochen lassen allerdings der US-Papierkonzern Crown Zellerbach und die japanische Firma Mitsui Petrochemical bei Tokio eine Anlage anlaufen, die testweise jährlich 10 000 Tonnen Kunstpapier der zweiten Generation herstellen soll: Grundstoff ist eine billige synthetische Zellulose. Sie wird -- wie Holzschliff oder natürliche Zellulose -- aus einer Aufschwemmung in Wasser auf herkömmlichen Papiermaschinen gesiebt.
Mittlerweile haben die Kunststofftechniker aber auch gelernt, unerwünschte Eigenschaften der Plastikfolien auszumerzen. »Ein brillanter Druck in feinem Raster ist möglich«, konstatieren die Experten Göttsching und Scheufelen, aber er sei noch immer »schwieriger zu erzielen als beim natürlichen Papier
Unbehandelte Folien, als dünnwandiger Schlauch geblasen oder aus breiten Düsen gepreßt, nehmen schlecht Farbe an und sind lappig. Starkes Recken macht sie jedoch hinreichend steif, durch Aufrauhen der Oberfläche oder Bestreichen mit einer Pigmentschicht werden sie gut bedruckbar.
Wer freilich ein Folien-Pin-up aufhängen will, muß kleben. Der Stich einer Heftzwecke genügt, das sonst zähe Material leicht einreißen zu lassen.
Ein Vorzug des »Plapiers«, seine fast unbegrenzte Haltbarkeit, könnte überdies zum Nachteil geraten. »Solange keine billigen verrottbaren Kunststoffe entwickelt werden«, erklären Göttsching und Scheufelen, sei damit zu rechnen, »daß der Gesetzgeber« die Verwendung von Plastik für den Wegwerf-Massenkonsum -- etwa für Zeitschriften -- »limitieren wird.
Gänzlich verdrängen werden die Folien und Faserprodukte das altbewährte Papier ohnehin nie: Der Rohstoff Erdöl, so geben die Darmstädter Forscher zu bedenken, ist auf der Erde nur begrenzt vorhanden -- Holz aber wächst nach.