Sternzeit - DER SPIEGEL
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AM RANDE Sternzeit

• aus DER SPIEGEL 11/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Da faßt man einen Stern ins Auge, und schon spielt die Zeit eine Rolle. Denn was man da am Himmel sieht, Millionen Lichtjahre entfernt, kann längst erloschen oder implodiert, ein Schwarzes Loch geworden sein; aber weil der Lichtstrahl eben seine Zeit braucht, tritt vors Auge, was es womöglich gar nicht mehr gibt.

Die Beziehung zwischen Stern und Zeit ist also eine innige, die zwischen stern und zeit war es mal. Die beiden Blätter, jedweden Donnerstag am Kiosk, das eine mehr für den Hurtigen, das andere mehr für den Artigen gemacht, haben ein kosmisches Beben in der Gutenberg-Galaxis ausgelöst; mit starker Hintergrundstrahlung, kryptischen Signalen aus der Tiefe und Schwärmen von Meteoriten.

Denn am vergangenen Donnerstag bargen die beiden Blätter in ihrem Inneren Lavamassen, die sich jeweils über den anderen ergossen. Der Grund für die Eruptionen ist nicht ganz klar, das ist er bei Titanenkämpfen und Ehekrächen auch nie. Aber als himmlisches Schauspiel war es sehr schön.

Es ist nun nicht so, daß man den stern noch sieht, weil es die zeit gibt, oder daß einem die zeit so lang vorkommt, weil es den stern gibt. Es ist vielmehr so, daß man so etwas überhaupt gern sieht, eine Sternstunde gewissermaßen, ein Zeitzeichen.

Der stern avisierte seine Schnuppe nicht in der Rubrik »Humor«, vielmehr unter »Wirtschaft« und apokalyptisch: »Das betuliche Wochenblatt ,Die Zeit' verliert Leser. Verlag und Redaktionsspitze haben keinen Mut zu Veränderungen.« Also höchste Zeit, zeit.

Die zeit stählte ihre Inhaltsrubrik hingegen mit Worten zwischen Wetter und Weihnacht: »Keiner füllt mehr Nannens Wundertüte«, stand da rot und groß, und schwarz auf weiß darunter, beim stern gebe es »Turbulenzen«. Eben genau das, was der zeit offenbar fehlt. Und sinnigerweise erschien die stern-Schelte auf der Seite »Themen der Zeit«.

Was dann im Inneren der Hefte stand, wird Insidern vorkommen, wie ihnen der Alltag vorkommt, nämlich vertraut. Und für Menschen, die im Leben stehen, also Zeitungen nur lesen, wird schon am nächsten Donnerstag nicht mehr klar sein, welchem von beiden Blättern es nun an Mut mangelt oder an Turbulenzen - oder ob der Mut zu Turbulenzen das kosmische Beben auslöste.

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