Stich in die Seele der Nation - DER SPIEGEL
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ZEITGESCHICHTE Stich in die Seele der Nation

Wie anfällig waren französische Geistesgrößen für die Propaganda der deutschen Nationalsozialisten? Ein neues Buch enthüllt peinliche Details einer Schriftsteller-Vergnügungsreise nach Deutschland - im Jahr 1941.
Von Romain Leick
• aus DER SPIEGEL 1/2001
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Der junge Sonderführer konnte zufrieden sein. Gerhard Heller, in der Propagandatruppe der nationalsozialistischen Besatzungsmacht in Frankreich zuständig für »Schrifttum«, hatte an jenem Abend des 4. Oktober 1941 auf dem Pariser Ostbahnhof eine kleine, aber erlesene Reisegesellschaft versammelt: französische Literaten der allerersten Garnitur, eingeladen zu einer Entdeckungsfahrt ins unheimliche neue Deutschland des Führers und seines hinkenden Trommlers Joseph Goebbels.

Die Teilnehmer waren keineswegs samt und sonders überzeugte Faschisten. Es hatte Heller einige Überzeugungskünste gekostet, zwei hoch angesehene und an sich unpolitische Schriftsteller für die Expedition zu gewinnen: Jacques Chardonne, damals 57, und Marcel Jouhandeau, 53, einfühlsame Porträtisten der »France profonde«, der französischen Provinz mit ihrer tief verwurzelten Bourgeoisie, beide für die Reinheit ihres Stils gerühmt.

Mehr als ein Jahr nach der Niederlage Frankreichs kam die Annahme dieser Einladung einem stillschweigenden Bekenntnis zur Kollaboration gleich. Chardonne, Autor der vor kurzem mit Emmanuelle Béart und Isabelle Huppert verfilmten Saga »Les destinées sentimentales«, hatte bei Kriegsausbruch 1939 in einem Anfall von patriotischem Bellizismus die »Ausrottung« des deutschen Volkes verlangt. Der Besuch im Feindesland aber machte aus ihm - genauso wie aus Jouhandeau - einen überzeugten Bannerträger der neuen europäischen Ordnung unter deutscher Führung.

Die Herbstreise der Schriftsteller, nach dem Krieg schnell verdrängt, versteckt und vergessen, ist ein Paradebeispiel für die Verführbarkeit der französischen Intellektuellen durch die braunen Flötenspieler, die Geschichte eines unglaublichen moralischen Versagens von Schöngeistern, die

sich als Lehrmeister ihrer großen Kulturnation ansahen.

Gestützt auf französische und deutsche Archive sowie auf unveröffentlichte Texte hat der Publizist und Literaturwissenschaftler François Dufay die perverse Pilgerfahrt ins Tausendjährige Reich des Bösen jetzt erstmals detailliert in einem Buch nachgezeichnet - mit ihren burlesken Episoden und ihren tragischen Irrtümern**.

Obwohl der Mythos der Résistance - Frankreich als einig Volk von Widerstandskämpfern - schon lange zusammengebrochen ist, wirkte die Veröffentlichung auf die kleine Welt der Pariser Intellektuellen, die sich auch heute noch gern als Gurus für Schicksalsfragen gebärden, wie ein Schock. Seinen Rang einer Weltmacht mag Frankreich längst verloren haben; aber der Anspruch auf die »exception française«, die französische Besonderheit, wird weiter erhoben. Er gründet sich auf das Selbstbewusstsein, die Heimat des cartesianischen Rationalismus, der Aufklärung und der Menschenrechtsdeklaration zu sein - ein moralisches Vorbild mit universeller Geltung.

Deshalb schmerzt jeder nachgewiesene Sündenfall wie ein Stich in die Seele, ob es sich um die systematische Folterung durch französische Militärs im Algerien-Krieg handelt oder um die Kollaboration verblendeter Geistesgrößen im Zweiten Weltkrieg.

Die kleine Literatenschar, die der charmante und verständnisvolle Sonderführer Heller betreute, begab sich zunächst an den Rhein, für die Franzosen der Inbegriff deutscher Romantik. Man besichtigte Kirchen und Burgen, das Beethoven-Haus in Bonn und das Goethe-Haus in Frankfurt, auch Heidelberg und Freiburg. Die Besucher, großzügig bewirtet, umworben und umschmeichelt, erlagen dem Gift der Propaganda schneller als erwartet. Nach dem Krieg, glaubten die Franzosen, werde

Deutschland den Militarismus - leider eine vorübergehende Notwendigkeit - abstreifen und den »Geist« in den Lebensmittelpunkt stellen, hoffentlich gemeinsam mit Frankreich.

Unterwegs gesellte sich ein junger deutscher Dichter dazu, der eigens dafür Urlaub von der Ostfront bekommen hatte, Hans Baumann, 26, Autor des Nazi-Lieds »Es zittern die morschen Knochen«. Der Poet in Uniform kam Jouhandeau wie der biblische David vor; hingerissen erklärte er ihn - und Heller dazu - zum »Bruder«.

Tatsächlich begann Jouhandeau, sich in einer gefährlichen Liebschaft zu verzehren. Der Schriftsteller, der in seinen Werken seine homoerotischen Neigungen nie verborgen hatte (obwohl mit einer ehemaligen Tänzerin verheiratet), fühlte sich zu den beiden deutschen »Engeln des Kriegs« derart hingezogen, dass er jede Vorsicht fahren ließ. Aus seinem Körper, notierte er, wolle er »eine Brücke zwischen Deutschland und uns machen«. Heller, der nicht geahnt hatte, dass seine Verführungskunst so weit gehen würde, achtete fortan ein bisschen auf Distanz - und stürzte seinen Bewunderer in Qualen, die Jouhandeau sorgfältig in seinem Tagebuch festhielt.

So schritt die deutsch-französische Freundschaft munter voran. In München erklärte den Gästen Hanns Johst, Präsident der Reichsschrifttumskammer und Autor eines Stücks über Schlageter (den von französischen Truppen 1923 während der Ruhrbesetzung erschossenen Freikorps-Kämpfer), dass Deutschland anders als 1914 keine imperialistischen Ziele verfolge: »Wir empfinden einen aufrichtigen und tiefen Respekt vor Frankreich. Wenn unsere beiden Vaterländer ihren blutigen Flitter ablegen und sich nackt betrachten, erleben wir einen Umsturz der Geschichte.«

Auch Chardonne, obwohl erotisch immun, ließ sich erobern und kam auf Ideen, die heute seltsam modern erscheinen: »Eines Tages, da bin ich sicher, wird das vernünftige Europa aus föderierten Nationen bestehen, die in Frieden leben sowie ihre Leidenschaften und ihre Interessen in Einklang gebracht haben werden.«

Und sollten die Deutschen in diesem Europa eine wohlwollende Hegemonie ausüben, sei''s drum. »Ich bin getäuscht worden«, schrieb Chardonne, »alles, was ich über die Deutschen gelesen habe, war falsch.« Er verstieg sich gar zu dem Satz: »Der Nationalsozialismus macht den Menschen frei.« Jouhandeaus Verirrungen fielen womöglich noch phantastischer aus: »Ich für meinen Teil fühle mich unseren ehemaligen deutschen Feinden instinktiv tausendmal näher als all diesem vorgeblich französisch-jüdischen Pack.«

Über Salzburg, wo ihnen »Die Hochzeit des Figaro« geboten wird, und Wien, wo der Reichsstatthalter Baldur von Schirach ihnen Komplimente in exzellentem Französisch macht, geht es nach Berlin, das der Führer zur künftigen Welthauptstadt Germania ausbauen will. Die Besucher - am Ende zu einer internationalen Delegation von 31 Schriftstellern aus 14 Ländern angewachsen - haben die Ehre, das Arbeitszimmer des abwesenden Hitler in der Reichskanzlei besichtigen zu dürfen, 400 Quadratmeter kalten Kitsches.

Dann ein Empfang beim Bücherverbrenner Joseph Goebbels, politischer Höhepunkt dieser Reise ins Land der Dämonen. »Wie viele zerbombte Häuser haben Sie gesehen? Wie viele Maschinengewehre bewachen meinen Amtssitz?«, fragt der Minister für Volksaufklärung und Propaganda sarkastisch. Noch haben englische Luftangriffe nicht allzu große Schäden angerichtet, noch rückt die Wehrmacht auf Moskau vor, noch hängt in Paris an der Fassade der französischen Nationalversammlung ein riesiges Transparent mit der Aufschrift: »Deutschland siegt an allen Fronten.«

Doch merkwürdigerweise will Goebbels die Möglichkeit einer Niederlage nicht ganz ausschließen. Aber selbst für diesen Fall sagt er hellseherisch voraus: »Die Dynamik unseres Landes ist so groß, dass es seine Macht wiedererlangen wird, früher oder später.« Der Rattenfänger des NS-Regimes entwirft die Vision eines vereinten Europas, einer Gemeinschaft, in der jede Nation ihren Platz und ihre unversehrte Persönlichkeit behalten werde.

Goebbels fordert die Intellektuellen auf, sich zu entscheiden: »Es gibt nur drei Haltungen: mit Deutschland, gegen Deutschland oder eine Neutralität, die eines Mannes unwürdig ist.« Und er fügt eine Drohung hinzu, gekleidet in eine Metapher, die ihm vor Schriftstellern wohl besonders passend scheint: »Die sich gegen Deutschland stellen, werden plattgedrückt wie ein Blatt Papier.«

Die französischen Gäste haben ihre Wahl schon getroffen, zumal jetzt auch einige Rechtsextremisten und Kollaborateure dazugestoßen sind. Pierre Drieu La Rochelle zum Beispiel, Herausgeber der Zeitschrift »La Nouvelle Revue française«, Robert Brasillach, der für Vichy und die Nazis Propaganda macht, oder Abel Bonnard, wenig später Erziehungsminister des Vichy-Regimes.

Einen Tag danach übrigens notiert Goebbels in seinem Tagebuch, dass in der Gegend von Nantes etwa 50 französische Geiseln hingerichtet worden sind.

Drieu La Rochelle beging im März 1945 Selbstmord. Brasillach wurde hingerichtet, Bonnard, der nach Spanien fliehen konnte, in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Chardonne und Jouhandeau aber kamen unbescholten mit dem Schrecken davon.

Nach seiner Rückkehr aus Deutschland hatte Chardonne am 8. Dezember 1941 dem greisen Marschall Pétain in Vichy Bericht erstattet über seine »außerordentlich guten und starken Eindrücke«. Er beschwor den alten Mann, die Zusammenarbeit mit Hitler zu verstärken. Die Deutschen seien ein Volk von »Baumeistern, die von den besiegten Nationen nur ein bisschen Verstand erwarteten«. Frankreich biete sich eine einmalige Chance: »Es geht um unser Leben oder unseren Tod.« Das war sogar den beflissenen Vichy-Kollaborateuren zu viel. Chardonne, so hielt der Kabinettschef des Marschalls fest, »gab uns das Gefühl, bei vollem Bewusstsein einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben«. ROMAIN LEICK

* Bei der Ankunft in Paris nach der Deutschland-Reise imNovember 1941.** François Dufay: »Le voyage d''automne«. Plon, Paris; 238Seiten; 110 Francs.

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