KRÄMER-BADONI Stiche im Gemüt
Ähnlichkeit der Romanfiguren mit lebenden Figuren ist nicht zufällig. Doch sollten gerichtliche Klagen, da von jeder Figur viele Exemplare leben, nur kollektiv eingereicht werden.«
Diesen Vermerk ließ der Schriftsteller Rudolf Krämer-Badoni seinem Roman »Bewegliche Ziele«, einer Neuerscheinung dieses Herbstes, voransetzen*.
Die Präambel erwies sich als nicht ganz so kokett und unbegründet, wie sie zunächst erscheinen mochte: Krämer -Badoni ist wegen seines Buches bislang zwar nicht verklagt, wohl aber inzwischen geächtet worden - von der »Frankfurter Allgemeinen«, für die er seit einem Jahrzehnt als Buchrezensent tätig war.
Der 48jährige Autor, weniger durch literarische Großtaten als durch Polemik gegen »Linksintellektuelle« und Gruppe-47-Autoren (Krämer-Badoni: »Narren der Nation") sowie durch deren Konterpolemik (Dieter Wellershoff über Krämer-Badoni: »Scharfmacher der Nation") bekannt geworden, hat in dem Roman »Bewegliche Ziele« nicht sehr viel mehr zu Papier gebracht, als was er schon in zahlreichen Zeitungsglossen, Rezensionen und erst unlängst in einem Essay-Taschenbuch, »Vorsicht, gute Menschen von links«, publik machte: Unmut über den angeblich von Cliquenwirtschaft verdorbenen bundesdeutschen Literaturbetrieb und Warnungen vor der angeblichen Neigung westdeutscher Literaten, mit dem Kommunismus zu kollaborieren.
Die Hauptfiguren der nur notdürftig als Roman verkleideten Polemik sind ein industrieller Literaturmäzen und seine Familie, sind Schriftsteller, Journalisten und Kulturmanager. Sie sind zum Teil homosexuell und heißen etwa Enno Magnum, Josephen, Dikkerling oder Weinsteig - dieser heißt freilich nur auf Seite 167 so, auf Seite 243 heißt er Steigwein. Teils feuilleton deutsch ("Mehr Wirklichkeit hat diese Wirklichkeit heute eben nicht"), teils salopp ("veräppeln"), teils blumig («... dieses morgenfrische Frühlingsgefühl") referieren Krämer-Badonis Sprachrohre ausschließlich in Dialogen und inneren Monologen ihre Meinungen, Probleme und Affären.
Um einen Literaturpreis und um eine Zeitschrift wird intrigiert; demonstriert wird, daß auch gutgemeinte Ost-Kontakte schädlich sind; ein radikaler junger Literat attackiert prominente Kollegen öffentlich, weil sie »dem roten Basilisken entgegenrutschen«, und er nimmt sich das Leben, weil ihn Claudia,
die Fabrikantentochter mit den »tiefgründigen Augen«, nicht erhört.
Doch nicht die Beschaffenheit des verwendeten Sprachgutes, nicht literarisches Ungenügen und nicht einmal die erneut formulierte Aversion gegen »Menschen von links« schlug dem Autor des »Beweglichen Ziele« zum Nachteil aus - von der Darmstädter »Akademie für Sprache und Dichtung« wurde das Werk sogar zum »Buch des Monats Dezember« erhoben.
Unbill hat Autor Krämer-Badoni vielmehr zu erleiden, weil eine seiner Romanfiguren scheinbar zuviel Ähnlichkeit mit einer lebenden Figur besitzt. Jedenfalls sind Redaktionsmitglieder der »Frankfurter Allgemeinen« dieser Ansicht: Sie glauben in der Romangestalt des Feuilletonredakteurs Kurt Kanzel eine hämische Karikatur des »FAZ«-Mitherausgebers und Feuilletonisten
Karl Korn ("Sprache in der verwalteten Welt") zu erkennen.
Dieser Kanzel wird von Krämer-Badoni als ein Sprachkritiker geschildert, dem selbst nicht wenige Sprachschnitzer unterlaufen. Ferner ist Kanzel erst unlängst als intellektueller Nazi-Helfer denunziert worden; er konstatiert erleichtert, daß »diese verdammte Denunziation inzwischen eingeschlafen« ist: »Gott sei Dank kann ich mit erhobenem Haupt reden.«
Dennoch ist er nicht mit sich im reinen. Er beklagt verlorene Hoffnungen und verpaßte Chancen: »Als genialischer Jüngling bewundert, Vorgaben bekommen von allen Seiten, aber nur sporadische Studien, nichts Zusammenhängendes... Und da sitzt man also, erfolgreich. Erfolgreicher Chef eines Feuilletons, Intellektueller, wichtige Funktion, Position, aber nicht Person. Nicht genug Person.«
Und, ganz privat: »Spät erst das Ehebett, vorher immer nur Notbehelf, mal so, mal so, mal mit Stichen im Gemüt, mal mit Stichen im Kreuz, und schließlich das Ehebett, und schon ist's vorüber, so gut wie vorüber.«
Schließlich wird Feuilletonchef Kanzel durch mangelndes Schreibtalent charakterisiert. Vor allem für Glossen fehlt ihm die leichte Hand. »Da liegt sie (die Glosse)«, meditiert er, »ein paar Sätze erst, und nicht die besten, ich muß von vorn anfangen, es ist unendlich schwierig, Frau und Söhnchen hineinzubringen, aber schließlich möchte man doch auch einmal so was Hübsches machen.« Kommentiert eine andere Romanfigur: »Kann halt doch nicht schreiben, der Glossen-Kanzel.«
Nachdem das Kanzel-Konterfei in der FAZ-Redaktion als böswillige Korn -Karikatur empfunden worden war, verlangten Kollegen - freilich nicht Korn selbst - vom Chef des FAZ-Literaturblattes, Friedrich Sieburg, er solle die »Beweglichen Ziele« nicht rezensieren lassen und den Autor nicht mehr als Buchkritiker beschäftigen.
Wegen des ersten Ansinnens warb Sieburg bei Autor Krämer-Badoni um Verständnis; das zweite Ansinnen, so informierte er seinen Mitarbeiter Krämer-Badoni, wollte er nötigenfalls unter der Drohung seines Rücktritts als FAZ -Literaturpapst zurückweisen.
Indes, Rudolf Krämer-Badoni ersparte der »Frankfurter Allgemeinen« die Führungskrise: Er verzichtete von sich aus auf weitere Mitarbeit.
In einem Brief an Friedrich Sieburg bestritt er, mit Kurt Kanzel partout Karl Korn gemeint zu haben: »Feuilletonchefs gibt es viele, in Literaturpreisjurys sitzen viele, spät geheiratet haben manche, sprachkritischer Neigungen bei sprachlichen Unfällen befleißigen wir uns alle, und wer von der Literatengeneration, die damals im Lande blieb, ist eigentlich nicht als Naziserviteur verdächtig? Ich habe... ein Phänomen behandelt, worin wir alle, ich eingeschlossen, uns mehr oder weniger erkennen müssen.«
Daß sein Roman nun in der FAZ totgeschwiegen werde, so prophezeite Krämer-Badoni, könne sich allerdings für die »scheinbar siegreichen Herren« nicht unbedingt vorteilhaft auswirken: »Denn gerade dadurch verstärkt sich das Geflüster, dem man durch unbefangene, sachliche Behandlung des Buches den Boden entzogen hätte.«
* Rudolf Krämer-Badoni: »Bewegliche Ziele«. Limes Verlag, Wiesbaden; 268 Seiten; 16,50 Mark.
Romanautor Kramer-Badoni
Spät geheiratet haben manche FAZ-Herausgeber Korn
Feuilletonchefs gibt es viele