ZEITGESCHICHTE »Stichproben«
SPIEGEL: Herr Kempowski, Sie haben in Ihrem Archiv Hunderte von Tagebüchern gesammelt. Gibt Ihnen das Sicherheit genug, um ein Gutachten über das Tagebuch »Eine Frau in Berlin« abzugeben?
Kempowski: Ich kenne mich mit der Materie aus. Und dass ein Tagebuch vor der Publikation bearbeitet wird, wie in diesem Fall, ist nicht selten. Das hat es in der Literaturgeschichte oft gegeben: bei Max Frisch, Ernst Jünger, André Gide.
SPIEGEL: Die Frage war aber, wie verlässlich die Edition der »Frau in Berlin« ist. Sie sind der erste Außenstehende, der Einsicht in das Originaltagebuch und die Abschrift nehmen konnte.
Kempowski: Die Nachlassverwalterin, Frau Marek, und ein Eichborn-Lektor besuchten mich. Das handschriftliche Tagebuch trug alle Merkmale der Authentizität. Aber letzte Sicherheit gibt es nie - denken Sie nur, wie viele Fachleute sich bei den angeblichen Hitler-Tagebüchern geirrt haben. Das Typoskript stammt aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, es sind gut 120 einzeilig und eng beschriebene Seiten. Ich habe Stichproben gemacht: Es basiert auf dem ursprünglichen Tagebuch.
SPIEGEL: Aber kann man sicher sein, wer es getippt, also wer die Sache ausgeschmückt hat?
Kempowski: Nein, aber warum sollte es die Tagebuchautorin nicht selbst gewesen sein? Es ist doch inzwischen bekannt, dass sie Journalistin war.
SPIEGEL: Wie viel Zeit hatten Sie zur Begutachtung? Gab es ein Honorar?
Kempowski: Einige Stunden, ein Honorar habe ich natürlich nicht erhalten. Ich hatte die Hoffnung, man würde mir die Tagebücher für mein Archiv überlassen. »Hier ist das doch am besten aufgehoben«, habe ich gesagt. Aber nicht einmal eine Fotokopie wollte man mir gönnen. Vielleicht kommt das ja noch.
SPIEGEL: Nun wird von der »Neuen Zürcher Zeitung« Frau Marek damit zitiert, es habe zwischen dem Typoskript und der Buchausgabe noch eine Zwischenstufe gegeben.
Kempowski: Das ist sehr merkwürdig. Wenn es die wirklich gibt, hätte man mir das unbedingt sagen müssen. Das wäre sonst ein Vertrauensbruch.