ARCHITEKTUR Stiller Tod
Vor zwölf Jahren, als Deutschlands Altbaubesitzer dem Stilwillen moderner Architekten folgten und das Schnörkelwerk aus Zinkguß, Gips und Terrakotta von den Gründerzeitfassaden klopften, schlug der West-Berliner Architekt Werner Düttmann, damals Senatsbaudirektor. Alarm: »Rettet den Stuck!«
Der Berliner Senat erklärte fünf Stadt-Areale zu »geschützten Baubereichen« und bewilligte Zuschüsse für originalgetreue Renovierungen. Und allenthalben in der Bundesrepublik dämmerte Hausbesitzern und Behörden die Erkenntnis, daß Überkommenes zu bewahren sei.
Übersehen wurde dabei bislang ein Baumaterial, dessen »ästhetischen Reiz« und »künstlerische Ausdrucksform« der West-Berliner Landeskonservator Dr. Helmut Engel nun als »unverzichtbaren Teil unseres Stadtbildes« bezeichnet: Eisen -- im 19. Jahrhundert geschmiedet, gegossen oder gewalzt.
Erst die Beharrlichkeit eines Wahlberliners und Einzelkämpfers leitete jetzt die neue Rettungsaktion ein. Motto: »Rettet das Eisen!« -- so der Titel einer vom West-Berliner Presse- und Informationsamt gerade publizierten Streitschrift.
Verfaßt und illustriert hat sie der Bildhauer und Kunstschmied Arturo Walb, 56. »Traurig« sah er »so manches Prunkstück vergangener Tage dem endgültigen Zerfall entgegenrosten": Trenn- und Treppengitter, Türen und Tore, Fahrstühle, Balkoneinfassungen.
»Entsetzt« verfolgte er, wie »Bulldozer auf Friedhöfen die Kulturwerte auf einen Haufen schieben":
Grabeinfassungen, Sockel, Bänke.
Der Bildhauer notierte: »Der stille Tod geht um. Über Nacht verschwindet Gitter um Gitter. Unersetzliche Kunstwerke aus
Eisen landen beim Schrotthändler« -- Griffe und Beschläge, Halter und Aufhänger, Laternen und Teppichklopfstangen.
Walb, der einst mit der Fertigung von Grabkreuzen in Tirol und von Karnevalsorden in Köln begonnen hatte und später tonnenschwere Plastiken zusammenschweißte, beschloß, den Abbruch und Zerfall zu stoppen und die »große Kunstausstellung des Eisens« zu bewahren.
Auf eigene Faust, ohne jede Unterstützung, ging er auf anderthalbjährige Photo-Safari durch das rostende Berlin. Einziger Ausweis: ein Urteil vom Arbeitsgericht Berlin, wonach ein Künstler, der »sich mit öffentlichen Aktionen befaßt, keiner geregelten Erwerbstätigkeit nachgeht«.
Walb fand »noch reichlich« filigrane Kunstschmiede- und Gußarbeiten, stieß aber auch immer wieder auf Desinteresse und Verständnislosigkeit bei Behörden. So hat er »nirgends Zuständigkeit fu Eisen festgestellt«.
In den Abräum-Ämtern der Bezirke wurde er »von Schreibtisch zu Schreibtisch gereicht. Ich: »Was ist denn hier mit Eisen los?« Der Beamte: »Nichts ist los«.
Weniger bürokratisch als die Behörden reagierten die Berliner Bürger auf Walbs Rettungsruf. Als ein Geschäftsmann von Walbs Schwierigkeiten erfuhr, sichergestelltes Kunst-Eisen zu transportieren und zu lagern, bot er spontan Hilfe an: »Für uns ist so was Klacks.«
Und als er im Tiergarten ein Gitter und aus einer Ruine eine Madonnenfigur sichern sollte, verfiel der engagierte Eisen-Sammler auf einen Trick. Walb alarmierte das Technische Hilfswerk: »Die machten 'ne Übung draus.«