Stolz und Geschäft - DER SPIEGEL
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Stolz und Geschäft

Im Nachlass von Erwin Strittmatter fanden sich wunderbare Prosastücke.
Von Nikolaus von Festenberg
• aus DER SPIEGEL 41/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seine Enttäuschung über die DDR behielt der vierfache Nationalpreisträger für sich. Erwin Strittmatter (1912 bis 1994) verfasste keine Resolutionen, die eigene Skepsis gegenüber dem SED-Sozialismus lieh er seinen Romanfiguren ("Ole Bienkopp"). Statt auf die trügerischen Höhen der Ideologie zu starren, betrachtete der Autor lieber den Boden, auf dem die Republik stand. Von Heimatdichterei unterschied ihn freilich der genaue Blick, die liebenswürdige Ironie, das augenzwinkernde Verständnis für die Narretei des Menschen. So gelang ihm Wunderbares wie die Entdeckung untergegangener Kindheitsmuster und die Beschreibung der unvergänglichen Natur. Das Fernsehen verliebte sich in die Figuren aus Strittmatters Romantrilogie »Der Laden«, in den wunderlichen Großvater, die sorbische Großmutter, den jähzornigen Vater und die Mutter, die so hoch hinaus will und doch immer wieder auf die Nase fällt. Und nun: »Geschichten ohne Heimat«? Der Titel täuscht. Der Dichter hätte die Umgebung, aus der er stammt, nie verleugnen können. Es handelt sich um nachgelassene Storys, kleine Skizzen, Splitter, die keinen Eingang in die Bücher fanden und in einer Mappe mit der Aufschrift »Geschichten ohne Heimat« lagen. Die Lyrikerin Eva Strittmatter, die mit dem Dichter verheiratet war, hat die Geschichten herausgegeben (leider gelang es bei den meisten Texten nicht, sie zu datieren). Einen stellvertretenden Minister kostet die hysterische Seuchenabwehr der DDR fast das Leben, kirgisische Pferdehändler zerreißt der Widerspruch zwischen Stolz und Geschäft, ein Blumenzüchter schafft Großes trotz einer kranken Hüfte, zwei geile alte Männer teilen sich die Liebe zu einer Schwachsinnigen. Kleine Texte und doch die ganze Strittmatter-Welt: Pferde, Kiefern, Frostnächte, violette Himmel, Maiglöckchenhügel - und der ganz normale Wahnsinn namens Mensch. NIKOLAUS VON FESTENBERG

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