Streit am Grabe - DER SPIEGEL
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KATHOLIKEN Streit am Grabe

Am Grabe von »Publik« haben sich Deutschlands Katholiken entzweit. Bischof Tenhumberg will retten, was schon verloren scheint. Für 1972 wird die Synode der Bundesrepublik zu einer Sondertagung einberufen.
• aus DER SPIEGEL 50/1971
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Bei Orangensaft Marke »hohes C« besprach Münsters Bischof Heinrich Tenhumberg am vorletzten Freitag in seinem Amtssitz die Chance, einer Leiche wieder Leben einzuhauchen: der katholischen Wochenzeitung »Publik«, die am 19. November zum letzten Male erschienen war.

Doch die Leiche wurde schon gefleddert. In die Sitzung Tenhumbergs mit sieben »Publik«-Leuten platzte die Nachricht, daß die Adressen der 70 000 Abonnenten bereits größtenteils an die Konkurrenz -- die Verlage der Wochenblätter »Die Zeit« und »Rheinischer Merkur« -- verkauft worden waren. Tenhumberg empörte sich: »Hier wird ja inzwischen alles verscherbelt. was wir noch wieder aufzubauen versuchen.

Doch »Publik« -Verlagschef Hübner, der in Münster dabei war und die Adressen zunächst nicht hatte herausrücken wollen ("Darauf habe ich die Hand"), rechtfertigte sich. Er hat auf Anweisung des »Verbandes der Diözesen Deutschlands« verkauft. In diesem Verband, der über Leben und Tod von »Publik« entschied, haben nur die katholischen Bischöfe Sitz und Stimme.

Der Streit der Bischöfe und anderer Katholiken am Grabe von »Publik« spitzte sich vergangene Woche zu. Die Mehrheit der Bischöfe im Diözesen-Verband hatte das Blatt liquidiert, weil es ihnen zu teuer (28 Millionen Mark Zuschuß in drei Jahren, künftig sechs Millionen Mark jährlich auch bei reduzierter Auflage) und vor allem zu progressiv geworden war (SPIEGEL 48/1971). Deshalb ist ihnen jeder »Publik«-Abonnent auch nur noch die eine Mark wert, die Hübner je Adresse von der Konkurrenz erhielt. ·Die von Tenhumberg angeführte Minderheit der Bischöfe aber will noch immer Geist und Redaktion von »Publik« soweit wie möglich retten.

Aufmerksame Zeitungsleser wußten in der vergangenen Woche nicht mehr, ob »Publik« nun schon gestorben oder noch zu retten sei. Während der »Publik«-Verlag für 28 Angestellte, von einer »Kaffeeköchin, 52 J.« bis zum Ressortleiter ganzseitig neue Stellen suchte, erschien in einigen Tageszeitungen der Aufruf prominenter Theologen. zumindest »die Weiterführung der geistigen Linie dieser Zeitung« zu sichern.

Nie, seit Paul VI. den katholischen Frauen die Pille verbot, hat eine Amtshandlung der kirchlichen Obrigkeit in der Bundesrepublik soviel Volkszorn ausgelöst wie die Einstellung von »Publik«.

Stellvertretend für den deutschen Priesternachwuchs erklärte die »Seminarsprecherkonferenz"« es werde »immer schwieriger, sich weiterhin mit der Institution Kirche zu identifizieren und die Entscheidung zum Priestertum aufrechtzuerhalten«. Es protestierten gegen den »Publik«-Tod der Bund der Deutschen Katholischen Jugend ebenso wie 82 von 104 Theologiestudenten des Konvikts der Erzdiözese Freiburg.

Doch andere deutsche Katholiken begnügten sich nicht mit Worten, sie schritten auch zur Tat. Leser von Bistumsblättern und anderen katholischen Zeitschriften kündigten ihre Abonnements auf -- wie Elisabeth Paulitschek, Pfarrgemeinderätin in Krefeld. Sie hatte außer »Publik« noch fünf weitere katholische Wochenblätter abonniert.

Eine von Frankfurter Priestern und Studenten der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen sowie Dominikanern des Klosters Walberberg bei Bonn gegründete »Leserinitiative Publik« sammelte durch Protest-Rundschreiben und Anzeigen in Tageszeitungen mit Bestell-Coupon innerhalb von vier Tagen 3680 Abonnements-Zusagen« »falls »Publik« in irgendeiner Weise fortgeführt werden kann«.

Vor das größte Forum, das Deutschlands Katholiken zur Verfügung steht. haben der Mainzer Theologiestudent Alois Buch und der Essener Pfarrer Norbert Essink den »Publik«-Fall getragen. Sie sammelten vergangene Woche bei den 314 Mitgliedern der Synode der Bistümer in der Bundesrepublik 83 Unterschriften für eine außerordentliche Tagung dieses Katholiken-Parlaments Anfang 1972. Notwendig sind dafür nur 79 Unterschriften. Einziges Thema der Sonder-Synode: das Ende von »Publik«.

Münsters Bischof Tenhumberg prophezeit für eine solche Tagung ein »furchtbares Scherbengericht, wenn nichts Konstruktives angeboten wird. Das gibt ein Bischofstribunal«.

Intensiv bemüht sich Tenhumberg selber, etwas Konstruktives zustande zu bringen. Der Münsteraner Oberhirte war nach dem Königsteiner Einstellungsbeschluß »in tiefe Depression und Ratlosigkeit« verfallen -- so sein Pressesprecher Günter Graf. Nach fünf Tagen jedoch trotzte Tenhumberg: »Wir können diesen Beschluß nicht hinnehmen.«

Der von Chefredakteur Alois Schardt angeführten »Publik«-Delegation eröffnete er: Nach Kontakten mit den Ordinariaten in Mainz, Rottenburg und Limburg sehe er die Möglichkeit, in absehbarer Zeit zwei Millionen Mark für einen Neubeginn zusammenzubringen. Tenhumberg aufmunternd: »Jetzt dürfen wir die Flinte nicht ins Korn werfen, eine verlorene Schlacht ist kein verlorener Krieg.«

Vor allem »Publik«-Verlagschef Hübner schilderte dem Bischof die Zwangslage der Redakteure. Wenn nicht sofort Geld beschafft würde, müsse die Redaktion auseinanderlaufen. Hübner: »Jeder Redakteur ist arbeitsrechtlich verpflichtet, sich sofort einen neuen Job zu suchen.«

Für einen Neubeginn aber brauche man, so Hübner, etwa sechs Monate Vorbereitungszeit und mindestens acht Millionen Mark. Tenhumberg: »Eine schnelle Lösung ist nicht möglich, die diözesanen Etats für 1972 sind bereits aufgestellt.« Man könne lediglich versuchen, hier und da Abstriche zu machen. An acht Millionen Mark sei »überhaupt nicht zu denken«.

Aber auch als Tenhumberg seinen Zwei-Millionen-Plan darlegte, warnte sein Finanzreferent« der Domkapitular Wilhelm Gertz, ihn und seine Gäste vor allzu kühner Hoffnung: »Aber Heinrich, der Bischof kann hier keine unbefristeten Finanzzusagen machen. Es muß auch künftig noch möglich sein, zwischen der Förderung einer Zeitung und dem Bau einer Kirche zu entscheiden.«

Erschöpft trennte sich die Runde nach vier Stunden. »Publik«-Redakteur Harald Pawlowski nach dem Gespräch: »Tenhumberg hat Respekt verdient, weil er Mut beweist. Aber es ist alles noch die reinste Idee.«

An Mut jedoch, die Idee des Münsteraner Oberhirten zu realisieren, mangelt es inzwischen etlichen Frankfurter Redakteuren. Friedhelm Merz: »Seit der Einstellung ist »Publik« zu einem Mythos geworden. Den wird keiner von uns je erfüllen können.«

Tenhumberg aber will noch nicht aufgeben. Für Dienstag dieser Woche hat er ein weiteres Gespräch mit »Publik«-Redakteuren anberaumt.

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