Revue Sublim, eigenartig
Am Tage trägt Jerôme Mittelscheitel und studiert. Allmitternachts kauert er als Belle de May, Mai-Schöne -- in kurzem Seidenrock auf einem kantigen Barhocker, den Mund grellrot, die Augen langbewimpert, Locken über nackten Schultern, und streift langsam und lasziv in lässigem Strip die Strümpfe von den Beinen. Und sonst gar nichts.
Belle de May und zehn andere ranke Herren -- keiner über 25 Jahre und keineswegs alle homosexuell -- zelebrieren im »Grande Eugène« in der Rue de Marignan an den Champs-Elysées nicht den Vulgär-Transvestismus, sondern die hohe Kunst der Transvestie. »Sie verleihen diesem Genre Noblesse«, schwärmt der »Express«. Die »Herald Tribune« preist sie als »die vielleicht beste Unterhaltung von Paris -- ein Stadtgespräch«.
Die Noblesse verdankt die 33-Sketchs-Revue dem Regisseur Francis Sahen, 42, einem Maler, der mit Cocteau Filme drehte und auch Shakespeare inszenierte. Spektakel, wo fette Tunten fette Tanten mimen, sind ihm ein Greuel. Er benutzt die Verkleidungstricks als Mittel der Magie und Verwandlung in seltsame Zwischengefilde. »Le Monde": »Ein No Man's Land.«
Niemand braucht sich da zu fragen, »ob sie nun ein Kerl ist«. Sahen läßt trotz 120 Perücken, 77 Kostümen, falschen Wimpern und vielen Kilos Schminke keinen Zweifel, daß seine Damen Herren sind. Auch Haarflaum um die Brustwarzen wird nicht abrasiert. »Aber es sind nicht mehr Jungen oder Mädchen auf der Bühne«, beunruhigt sich der »Express«, »sondern sublime, eigenartige Kreaturen.«
So umhüllt ein grader weißer Damen-Mantel einen 1,88 Meter langen Jean-Claude. Der streicht sich mit den schmalen Fingern durch blonde Locken, während im Play-back unsere deutsche Lili Marleen unter der Laterne singt (denn deutsch ist ja derzeit große Mode in Paris). Er fingert süchtig an der Brust von Matrosen, die wie zu Matrosen verkleidete Mädchen aussehen. Dann nestelt er träge die Mantelknöpfe auf und offenbart Hüften in silbrigem Akrobatentrikot. Und dann erst streift er die Lili-Marleen-Locken vom Kopf und zeigt seine kurze Männerfrisur, während Brechts Kanonen-Song die Whisky-Gläser (50 Franc) der Zuschauer erschüttert.
Mistinguetts in rauschenden Federboas oder Juliette Grécos im schwarzen Sackkleid zu parodieren, verschmäht Sahen schon. Dafür gleitet eine Angela Davis ("Herald Tribune": »Ein seltsamer Tribut") in feuerroten Pailletten, Afro-Frisur und glitzernder Silberbrille wie eine Schlange über die Bühne. Und ein Herodes in schwarzen Tüllvolants und Schnürstiefeln -- doppelt transvestiert -- stampft wie ein Todesvogel über Jesus Superstar her.
Dazu läßt Francis Sahen, der sich mit modischem Deutschtümel-Tick Frantz nennt, Bach, Mozart und Pop lärmen, und die Transvestiten bewegen fleißig, aber stumm den Mund zu Platten- Songs. »Der Zuschauer taucht in eine Welt der Reflexionen und Metamorphosen«, staunt hochgestochen »Le Monde«. »wo sich die Identitäten brechen.«
Nüchterner beurteilt »France Soir« die Meriten der Transvestiten: »Das »Grande Eugène« setzt einen Schlußpunkt unter die miserablen Darbietungen von exhibitionistischen Transvestiten und sogenannten »Spezialisierten«, die gewissen Voyeurs eine Reise nach Tanger ersparen.«
Nur auf echte Nackte verzichtet Frantz in seinem neuen Programm. Dabei servierte er vor vier Jahren -- noch in einem Keller an der Oper -- den kessesten Strip von ganz Paris: Ein schmucker junger SA-Mann entledigte sich langsam seiner maßgeschneiderten Breeches, seiner juchtenledernen Schaftstiefel, seines Koppels und trug schließlich nur noch einen Revolver. Vor einem Jahr entblößten sich im dusteren Halbdunkel des »Grande Eugène« zwei junge Herren. Der eine blieb im Slip, der Nackte war nur ein Rücken-Akt. Dafür mußte Salieri, mitten in der »Calcutta«-Ära, 10 000 Franc Strafe zahlen.
Weniger veredelte Transvestiten tummeln sich auch sonst derzeit für teures Geld im schlaflosen Paris. »Transvestiten«. notiert »Le Monde«, »sind in Mode.« Im »Alcazar« am Rive gauche (Diner rund 100 Franc) fietscht eine falsche Mireille Mathieu, im »Michou« am Montmartre (Diner rund 90 Franc) kringeln sich falsche Edith Piafs und Melina Mercouris. Aber nächtliche Snobs und Kunsthascher quetschen sich auf die 150 Plüschhocker in der Rue de Marignan.
»Das »Grande Eugène"«, vermerkt der »France Soir«, »gehört -- neben dem Lido, dem Casino de Paris und dem Crazy Horse -- jetzt zu den Orten, wo die Großen der Welt sich nicht mehr scheuen hinzugehen, wenn sie durch Paris reisen« -- so Leonard Bernstein, Maurice Béjart, die Callas und der unermüdliche Ted Kennedy.
Die gesellschaftliche Avantgarde ist indes schon wieder einen Schritt weiter; sie guckt nicht nur zu, sie macht selbst mit. So veranstaltete der amerikanische Rock-Theatraliker Alice Cooper eine Party in Paris. bei der alle männlichen Gäste zum Transvestieren gezwungen waren: Einlaß hatte nur, wer als Raquel Welch erschien.