Süß oder sauer - DER SPIEGEL
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STREIKS Süß oder sauer

Die Conciergen von Paris, als gallig-gütige Hausdrachen eine französische Institution, wollen streiken.
• aus DER SPIEGEL 36/1978
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie muß aufpassen wie ein Schießhund und sechs Augen haben, die nie schlafen und mit ihrem Blick alle Bösewichte vertreiben«, notierte das Lexikon »Larousse« unter dem Buchstaben »C« 1865. Und: »Eine Concierge mit Barthaaren ist die beste Garantie für Ordnung und Sicherheit.«

Bart. Warze und böser Blick, eine greise Späherin hinter der Gardine aus vergilbtem Tüll: Dieses Image der französischen Hausverwalterin, der »Concierge«, haben über Jahrhunderte Romanciers und Filmregisseure geprägt.

»Sie können Ärger mit der Polizei haben, ja, mit der ganzen Menschheit verfeindet sein«, schrieb der Pariser Architekt und Maler James Rousseau Ende des 17. Jahrhunderts, »all das ist nicht tragisch, solange Sie sich mit dem Argus gut stehen, der vor Ihrer Haustür wacht.« Denn: Schließlich sei er es, der das Leben der Mieter »süß oder sauer gestaltet«.

In ihrer Loge, oft eng und düster, wo sie inmitten von Gummibäumen, Familien-Photos und bestickten Sesselkissen hockt, bleibt ihr nichts verborgen. Sie kennt die Familiengeschichten und liest so manche der an ihre Mieter adressierten Postkarten; sie weist den Fremden den Weg, weil die meisten Franzosen es ablehnen, mit einem Namensschild an ihrer Tür aller Welt anzuzeigen, wo sie wohnen.

»Zu Mademoiselle Francoise? Die Treppe links, im fünften Stock die Tür zu Ihrer Rechten.« Oder: »Sie ist bei ihrem Vater.« Oder: »Der ist schon seit drei Tagen nicht da.« Der Zweitschlüssel, vertrauensvoll übergeben, hängt am Haken neben dem Bett -- zuweilen ist sie die Putzfrau für ein halbes Dutzend Mieter. Zeitung, Botin, Dienerin in einer Person, von klugen Hausbewohnern zu Weihnachten reich beschenkt, umworben, um ihr den Mund zu stopfen.

Die Concierge ist französische Folklore, zugleich geliebt und gehaßt und nicht fortzudenken, beliebt und beleibt, meist überarbeitet und unterbezahlt, vergessen von den mächtigen Gewerkschaften, die um die Löhne der Spezialisten kämpfen, doch nicht für jene, die in ihren Kammern darben.

Das aber soll nun anders werden: Einen Aufstand der Conciergen propagiert die 1960 gegründete Gewerkschaft der Hausverwalter, das »Syndicat national indépendant des gardiens d'immeuble et concierges« ("Snigic"). Schluß mit »diesem Skiavendasein«, mit »dieser Misere, die sich unter dem schillernden Paris verbirgt«, fordert Snigic-Vizepräsident Jacques Simakis, dessen Berufsverband 27 000 Mitglieder zählt.

Die 60 000 Conciergen von Paris und ihre Kolleginnen in der Provinz sollen Anfang Oktober ihre Besen in die Ecke stellen und »massiv die Straßen verstopfen«, wie das Verbandsorgan »Le Courrier« (Der Bote) dieser Tage ankündigte.

Zumeist bekommen die Hausverwalter ihre Appartements mietfrei und dazu etwa 400 bis 700 Franc (200 bis 350 Mark) in bar. Damit liegen sie unter dem staatlich sanktionierten Mindestarbeitslohn (derzeit 1925 Franc), obwohl sie in vielen Fällen Tag und Nacht präsent sein müssen. Auch sind sie der Willkür der Hausbesitzer ausgesetzt: Die Conciergen können jederzeit gefeuert werden; noch bis 1936 galt eine Regelung, wonach der Entlassenen nur acht Tage Zeit blieben, ihr Hab und Gut zu bündeln und eine neue Loge zu suchen.

Erst 1951 wurde in Frankreich per Gesetz der »Cordon« abgeschafft -- die Schnur, an der die Concierge auch nachts ziehen mußte, um Spätheimkehrern die Tür zu öffnen. Doch in manch einer Loge im eleganten Pariser 16. Arrondissement, so stellte der Conciergen-Verband fest, wurde die Schnur nur durch einen elektrischen Knopf ersetzt: »Da muß die Concierge immer noch hoch, wenn nachts die Leute betrunken nach Hause kommen und das Schlüsselloch nicht finden.«

Folge solcher widrigen Arbeitsbedingungen: Rund die Hälfte aller Conciergen-Logen sind heute mit Gastarbeiterinnen besetzt, die sich mit Mann, Kind, Hund und Kanarienvogel in die meist kleinen Kammern teilen.

Die Männer arbeiten als Maurer, Chauffeure oder als Diener bei Diplomaten, die Frauen, oft des Französischen nicht kundig, schrubben für das Eigenheim im heimatlichen Spanien oder Portugal, Marokko oder Griechenland.

Mangel an Arbeitsplätzen und der teure Wohnungsmarkt treiben zudem viel Jungvolk auf Logensuche -- Leute, die »froh sind«, so der Conciergen-Verband, »erst mal ein Dach über dem Kopf zu haben«. Sie sind jedoch nicht länger bereit, die Ausbeutung hinzunehmen. Ihre Gewerkschaft will sie organisieren.

Die greisen, wegen ihrer Güte und liebevollen Gräßlichkeit wohlgelittenen Conciergen, wie sie in zahllosen Romanen und Bühnenstücken verewigt sind, werden unterdes immer rarer -- sie sterben aus. So war dem Weltblatt »Le Monde« das 44jährige Jubiläum einer Concierge auf dem Montmartre eine nostalgische Geschichte auf der Gesellschaftsseite wert.

Die Mieter des Hauses hatten Musikanten für ein Ständehen engagiert und die Alte mit buntem Konfettiregen gefeiert -- es war noch einmal schön, Concierge zu sein.

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