Szenen einer Ehe - DER SPIEGEL
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Szenen einer Ehe

Neues vom großen Unvergeßlichen: In New York veröffentlichte soeben Ernest Hemingways Witwe Mary ihre Autobiographie. Ich glaube, jeder, der ihn mal in einer Pariser Bar traf, hat ein Buch darüber geschrieben. Mary Hemingway
• aus DER SPIEGEL 42/1976
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Wie es war, als »Papa« noch lebte, schrieb und mannhaft becherte, darüber haben, nebst all den Kollegen und guten Freunden und flüchtigen Bekannten, auch schon so etliche Hemingways gewissenhaft Bericht erstattet -- angefangen mit »Ernies« jüngerem Bruder Leicester über die Schwestern Marceline und Madeleine bis hin zum Sohn Gregory aus zweiter Ehe, einst »Gigi« genannt, der erst unlängst seine Reminiszenzen zu Markte trug.

Nun, anderthalb Jahrzehnte nach den tödlichen Schüssen im Morgengrauen, meldet sich endlich Witwe Mary zu Wort: In ihrer Autobiographie, soeben in New York veröffentlicht, erzählt die vierte und letzte Frau des großen Unvergeßlichen ihrerseits, »Wie es war«, als sie mit Papa noch die vielen eiskalten Daiquiris wegputzte und vor Kuba den Speerfisch und in Afrika die Löwen jagte und nach Pamplona zur Fiesta fuhr*.

Es war tatsächlich so, wie es schon beim Hemingway-Biographen Carlos Baker ab Seite 450 im Buche steht. Schon Baker wußte zum Beispiel zu berichten, daß die »Time-Life«-Reporterin Mary Welsh damals, Kriegsjahr 1944, in jenem Londoner Restaurant mit ihrem scharfen Pullover ziemliches Aufsehen erregt hatte -- eben auch das des berühmten Hemingway, der ihr sofort heftig den Hof machte und »vereinte Operationen« vorschlug.

Doch bei »Miss Mary«, inzwischen 68, steht das alles jetzt noch viel ausführlicher. So kann sie sich noch gut entsinnen, wie sie nach dem Vormarsch der Alliierten durch Frankreich im befreiten Paris ein champagnerseliges Wiedersehen mit Hemingway feierte; wie sie beide im »Ritz« Quartier bezogen und den ganzen Hotel-Vorrat an Perrier-Jouet Brut konsumierten; wie dort ihr »Lamm« im Badezimmer »auf dem Töpfchen«, seinen Armee-Regenmantel über die Schultern gehängt, für sie ein Liebesgedicht auf Toilettenpapier schrieb; wie er seinem »Pickle« dann im Suff einen Kinnhaken verpaßte und sie ihn als »armseligen Feigling« beschimpfte und zum Teufel schickte, bis Marlene Dietrich (die ihnen übrigens oft auch »Lili Marleen« vorsang) die zwei schließlich wieder versöhnte.

Mary aus Minnesota, eine »winzige Blondine« (Baker) von 1,57 Meter, war 36 und mit einem australischen Journalisten verheiratet, als sie den acht Jahre älteren (und 26 Zentimeter größeren) literarischen He-Man, zu jener Zeit Kriegsberichterstatter für »Colliers« und Ehemann der amerikanischen Journalistin Martha Gellhorn, kennenlernte.

Anfangs, so gesteht sie, rief er zu ihrem Erstaunen »ein Gefühl der Abneigung« und »Mißbilligung« in ihr wach -- »vielleicht war es auch nur Unmut darüber, daß er nicht so aufregend schien, wie er aussah«.

Später allerdings wirkte er für ihren Geschmack dann allzu stimulierend: In der »hitzigen Überschwenglichkeit, die er in jeder Gruppe um sich herum erzeugte«, fühlte sie ihre »eigene Identität dahinschmelzen«. Und hinzu kam noch, daß er ihr mit seinem

* Mary Welsh Hemingway: »How It Was«. Verlag Alfred A. Knopf. New York; 552 Seiten; 12,50 Dollar.

»brüderlich-väterlich-ehemännlichen Interesse an meiner Arbeit« ständig auf die Nerven fiel. Kurz, sie hatte so ihre Zweifel, »ob eine formelle Bindung zwischen uns ratsam wäre«.

Doch der Beharrlichkeit, mit der er seine Heiratsanträge wiederholte, konnte sie sich auf die Dauer nicht versagen. Mary hängte den Journalismus an den Nagel und wurde Hausherrin auf Hemingways kubanischer Finca Vigia. Ihre erste düstere Bilanz: »Ich war ein unabhängiger Mensch gewesen; jetzt war ich ein Anhängsel.«

Sie hatte in den folgenden Jahren noch oft zu klagen, etwa über den endlosen Auftrieb vorwiegend männlicher Gäste, die das Haus »in eine sturmfreie Jungenbude voller Lärm und rauhbeiniger Herzlichkeit verwandelten« und Ernest so beanspruchten, »daß er mich in der Landschaft einfach nicht sah«.

Aber sie gedenkt auch mancher Zeiten »ruhiger Routine«, in denen Papa nach dem morgendlichen Schreibpensum mit ihr auf der »Pilar« zum Fischen hinausfuhr, der »friedlichen und beglückenden Tage«, in denen er ihr und sie ihm »neue Entzückungen« beibrachte, der liebevollen Briefe, die er ihr schickte, sobald er von seinem »Kätzchen« getrennt war. »Wenn ich einen Brief von Dir erhalte«, schrieb er ihr, »dann ist das genauso, als kämen frische Truppen, Munition und Verpflegung an die Front.«

Hemingway, diese Vaterfigur, zu der er sich selbst hinaufstilisiert hatte, war ein gutmütiger, großherziger Partner, dazu ein »trefflicher Mann für alle Notzeiten«, der ihr bei einer Fehlgeburt das Leben gerettet hatte. »Wenn Papa gut ist«, schrieb Mary in ihr Tagebuch, »ist er sehr, sehr gut und liebenswert.«

Nur war er leider nicht immer gut. Nach vier Jahren Ehe informierte sie ihn, daß sie von ihm und seiner ewigen Sauferei genug habe und ihn verlassen wolle: »1944 hielt ich Dich für einen aufrechten und ehrlichen und tapferen Mann . . . Aber jetzt, im Mai 1950, sehe ich, daß wir beide in dieser Ehe versagt haben. Mein Hauptversagen besteht darin, daß ich Dein Interesse, Deine Zuneigung und auch Deinen Respekt verloren habe. Dein Hauptversagen ist, daß Du unbekümmert und immer gleichgültiger meine Gefühle mißachtest und disziplinlos in den Tag hineinlebst. Sowohl privat wie in aller Öffentlichkeit hast Du mich und meine Menschenwürde beleidigt.«

Es war nicht das einzige Mal, daß sie unter Papas »Mißachtung, Flegelei, Gleichgültigkeit, beleidigenden Reden, ungerechter Kritik, falschen Anschuldigungen, Mangel an Höflichkeit und Freundlichkeit« zu leiden hatte. Doch sie blieb trotz allem, führte ihm das Haus und ertrug schweren Herzens selbst die eine oder andere Liebesaffäre des Autors mit dem »stählernen Ego« -- etwa die mit der 20jährigen Italienerin Adriana Ivancich, die er in Venedig kennengelernt und nach Kuba eingeladen hatte.

Während Adrianas Anwesenheit auf der Finca und möglicherweise beflügelt von ihren »strahlenden, bewundernden Blicken«, schrieb Hemingway seine Geschichte vom »Alten Mann und dem Meer« -- auf Mary, die sie zuerst lesen durfte, wirkte sie wie »eine Bach-Fuge« oder »ein Picasso-Bild ohne Fehl und Tadel«. Sie blieb sein letztes Werk, dem Welterfolg beschieden war, dem er schließlich den Nobelpreis verdankte.

Er war jetzt jenseits der 50 und fühlte sich selbst bisweilen alt und verschlissen.,. Unter seiner lebhaft-heiteren Miene«, schreibt die Witwe, »verbarg sich eine tiefinnerliche Müdigkeit.« Als die Nachricht vom Tod seiner zweiten Frau Pauline Pfeiffer eintraf, sagte er: »Jetzt sterben schon Leute, die früher nie gestorben sind.« Er hat sein trauriges Apercu noch oft wiederholt.

Trotzdem, so ganz waren die glorreichen, turbulenten, abenteuerlichen Zeiten doch noch nicht zu Ende. Die Hemingways reisten, sie kehrten zurück zu den Schauplätzen von Papas Jugend und literarischem Ruhm: Paris und Italien, Fiestas in Sevilla, Granada, Pamplona, Madrid.

Und dann noch einmal, 1954, die grünen Hügel Afrikas, die Safaris unterm Schnee am Kilimandscharo, die glücklichen Nächte im Camp unterm Zelt, die erregenden Tage der Jagd

zu ihrer Beute von insgesamt 51 Tieren gehörten unter anderem: ein Büffel, zwei Grant- und elf Thompson-Gazellen, ein Kudu, sechs Gnus, acht Zebras, zwei Gerenuks, sieben Impalas, zwei Löwen und ein Leopard.

In Uganda überstand das Paar zwei Flugzeugabstürze -- Mary mit Rippenbrüchen, Ernest mit einem Rückgratschaden und einer Schulterverletzung, mit Leber- und Nierenrissen und einem Schädelbruch. Kurz darauf, bei der Bekämpfung eines Buschbrandes, holte er sich solche Verbrennungen, daß »seine beiden Beine, Bauch und Brust und Kinn wie rohes Steak und seine Hände und Arme wie Hamburger aussahen«.

Papa war in übler Verfassung, er klagte über »halb-unerträgliche Schmerzen«, doch unter seinen Trabanten posierte er unerschüttert als der altvertraute Hem, der, so Mary, seine »schon oft erzählten Witze, stolzbescheidenen Heldengesänge, hausgemachten Philosophien« zum Besten gab.

Er hat diese Hemingway-Rolle, zum Verdruß seiner Frau, noch über Jahre hinweg weitergespielt und dabei selbstredend das Trinken nicht vergessen. Mehr als die Hälfte ihres Budgets, hat Mary einmal errechnet, ging bei ihnen für Weine und Spirituosen drauf -- verständlich, daß da die Leber rebellierte und der Blutdruck stieg.

1959, während eines Aufenthalts in Ketchum, Idaho, bemerkte Mary an ihrem Ehemann erste Zeichen von Verfolgungswahn: Er fühlte sich vom FBI bespitzelt.

Ein Jahr später schrieb er ihr aus Spanien, wo er für seinen Stierkämpfer-Bericht »Der gefährliche Sommer« recherchierte, mehrere verzweifelte Briefe: »Ich wünschte, Du wärest hier, um nach mir zu sehen und mir zu helfen und mich vorm Überschnappen zu bewahren.« Sie habe, gesteht Mary, »die Bedeutung dieser wiederholten Warnsignale einfach nicht erkannt«.

Nach mehreren Selbstmordversuchen wurde Hemingway 1961 in die Mayo-Klinik in Rochester eingeliefert und mit Elektroschocks behandelt. Mary holte ihn heim ins Haus nach Ketchum. Sie erinnert sich jenes Morgens nach seiner Rückkehr:

Am nächsten Morgen weckte mich der Krach zweier zuschlagender Schubladen, und ich ging wie betäubt hinunter, sah einen zerknüllten Haufen -- Bademantel und Blut in der Diele vorm Wohnzimmer und rannte nach George. Während er nach den Ärzten telephonierte, ging ich hinauf, rief unsere Freunde, die Atkonsons, an und fragte. ob ich den Tag über bei ihnen sein dürfe.

»Sie holten mich ab und gaben mir in ihrer Wohnung über dem Lebensmittelladen eine Beruhigungspille und steckten mich wieder ins Bett. Eine Stunde lang schüttelte es mich, ohne daß ich meine Muskeln beherrschen konnte. Dann, in einem Anflug geistiger Klarheit, fragte ich mich, weshalb mich eigentlich dieser plötzliche Schlag, den ich lang schon, wenn auch vage, vorausgesehen hatte, so niederschmettern sollte.«

Nein, Papas Witwe und Erbin gab sich nicht geschlagen. Sie ging weiter auf Reisen, diesmal allein, und besuchte Spanien und Afrika, Neuseeland und Alaska, die Antarktis und die Sowjet-Union. Und bis heute verwaltet sie treu Hemingways Nachlaß, in dem sich, wie sie beteuert, doch noch einige Kostbarkeiten befinden -- unter anderem ein langer Roman, der in den zwanziger Jahren an der Riviera spielt. Titel: »Der Garten Eden«.

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