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Medizin Tabu gesprochen

Die erste Beratungsstelle für Erbkrankheiten wurde jetzt, finanziert vom Bundesgesundheitsministerium und der VW-Stiftung, in Marburg eröffnet.
• aus DER SPIEGEL 34/1972
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Die Ratsuchende, eine 32jährige Mutter, hatte schon zwei Kinder geboren; beide waren an einem Erbleiden, sogenanntem Mongolismus, erkrankt. Nun wünschte sich die Frau ihr drittes Kind -- doch die Ärzte rieten ab: Mit Sicherheit, so hatte eine Untersuchung ergeben, würde sie auch künftig ausschließlich erbkranke Kinder zur Welt bringen.

Bei einer anderen Klientin hingegen, ebenfalls Mutter eines an Mongolismus leidenden Kindes, kamen die Mediziner zu einem beruhigenden Befund: Die Gefahr, abermals erbkranken Nachwuchs zu bekommen, sei in diesem Fall nur ganz geringfügig größer als beim Durchschnitt gleichaltriger Mütter.

Mit Beispielen aus der eigenen Beratungspraxis warb der Medizin-Professor Gerhard Wendt. Direktor des Instituts für Humangenetik an der Universität Marburg. um Aufmerksamkeit für ein Unternehmen, das bislang in Westdeutschland einmalig ist: Wendt eröffnete am Donnerstag letzter Woche in Marburg eine »Genetische Beratungsstelle« ------ sie soll, in Zusammenarbeit mit Ärzten in Praxen und Kliniken. erstmals einen größeren Bevölkerungskreis in Fragen der Erbkrankheiten systematisch betreuen.

Das Projekt, auf zunächst drei Jahre befristet, soll eine seit langem klaffende Lücke im Gesundheitsdienst schließen: Bis heute, klagt Wendt, könne die »notwendige humangenetische Beratung« der westdeutschen Bevölkerung »nur in sehr geringem Umfang geleistet werden«.

Eine Ursache dieses Mangels sieht Wendt in dem Tabu, das seit der nationalsozialistischen Ära in Deutschland auf der Humangenetik lastet; damals konnten Erbkranke, etwa Mißgebildete oder Epileptiker. zwangsweise sterilisiert werden. Dem folgte ein kollektiver Verdrängungsprozeß. Gegenwärtig, klagt Wendt, fehle es auch den Ärzten an erbbiologischem Basiswissen.

So komme es, daß bei »den betroffenen Patienten und ihren Familien« vielfach immer noch die Überzeugung vorherrsche. »Erbkrankheiten seien grundsätzlich nicht zu heilen« und müßten als eine Art »Schande« verheimlicht werden. Den Ärzten wiederum, so Wendt. mangele es meist auch an den Möglichkeiten zur Diagnose und Therapie von Erbkranken. Die notwendigen Untersuchungen werden zudem bisher von den Krankenkassen nicht bezahlt.

Gerade in den letzten Jahren aber haben Wissenschaftler. vor allem im Ausland, immer häufiger die Forderung nach umfassenden genetischen Untersuchungen erhoben. Pessimisten unter ihnen, wie der amerikanische Genetiker Hermann J. Muller, befürchten für die nahe Zukunft eine rasche Zunahme erblieber Leiden: Da Erbkranke, die einstmals zeitig gestorben wären, inzwischen dank besserer medizinischer Fürsorge zahlreicher als früher das Heiratsalter erreichen, müsse auch beim Nachwuchs die Zahl der genetisch Kranken, glaubt etwa Müller, zwangsläufig anwachsen.

Unterdessen konnten die Mediziner freilich auch verbesserte Methoden entwickeln, um Erbkrankheiten zu erkennen, zu behandeln und zu verhüten. Sichere Kontrazeptiva, wie die Pille etwa, erleichtern es, einmal erkannte Erbleiden an der Ausbreitung zu hindern.

Insgesamt mehr als 1000 erbliche Krankheiten, die zu einem großen Teil auf angeborenen Stoffwechselstörungen beruhen, haben die Forscher bislang identifiziert. Rund 50 Prozent aller Patienten, die in westdeutschen Kinderkliniken liegen, leiden an Krankheiten, die zumindest teilweise genetisch bedingt sind -- bei jedem zweiten erbkranken Kind hätte das Leiden schon vor der Geburt im Mutterleib diagnostiziert werden können.

Mit Hilfe der sogenannten Amniozentese beispielsweise -- einem Verfahren, bei dem einer Schwangeren eine winzige Menge Fruchtblasen-Flüssigkeit abgesaugt wird -- können die Mediziner das Erbgut auch Ungeborener studieren: Im Fruchtwasser, das den Fetus umgibt, schwimmen freie, von dem Keimling abgelöste Zellen umher; an den Chromosomen im Inneren der Zellkörper, den Trägern der Erbanlagen. läßt sich in Labortests erkennen, ob das werdende Kind nach der Geburt etwa an Mongolismus, einer Form von erblichem Schwachsinn, oder anderen genetischen Krankheiten leiden wird.

Doch in vielen Fällen könnte die Frage, ob ein Elternpaar mit erbkrankem Nachwuchs rechnen muß, noch weit früher beantwortet werden. Da die Wissenschaftler bei zahlreichen genetischen Leiden den Erbgang -- das periodisch wiederkehrende Auftreten der Erbkrankheit in der Generationenfolge -- exakt ermittelt haben, können sie den Eltern mit einer hohen Trefferquote vorhersagen, ob sie gesunde oder kranke Kinder zu erwarten haben.

Statistische Erfahrungswerte verbessern derartige Wahrscheinlichkeitsrechnungen noch: So haben die Forscher festgestellt. daß bei Müttern zwischen 20 und 24 Jahren nur eins von 1600 Kindern an Mongolismus erkrankt; bei Frauen zwischen 40 und 44 Jahren kommt dagegen bereits auf 100 Geburten ein mongolismus-krankes Kind.

Frauen um die 40, die sich noch ein Kind wünschen, und Eltern, in deren Familien schon einmal Erbkrankheiten beobachtet wurden -- an diese beiden Gruppen vor allem wendet sich denn auch Professor Wendts Marburger Beratungsstelle. Wendt hofft dabei auf die Mitarbeit der Ärzteschaft: Er hat an 3500 hessische Praktiker eine Aufklärungsbroschüre versandt; sie sollen fortan ihre Patienten zur (kostenlosen) Beratung nach Marburg schicken.

Was die Ärzte dort im Genetik-Zentrum freilich jenen Frauen empfehlen werden, die mit einem erbkranken Kind schwanger gehen, bleibt einstweilen ungewiß: Früheste Untersuchungsbefunde. mittels Amniozentese, sind jeweils erst in der 14. bis 16. Schwangerschaftswoche zu erwarten -- jenseits der Toleranzgrenze von drei Monaten, die in Bonn selbst den kühnsten Konstrukteuren liberalerer Abtreibungsgesetze heilig ist.

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