Täuschend echt - DER SPIEGEL
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VIDEO Täuschend echt

Raubkopierer schädigen die deutsche Filmindustrie um jährlich 500 Millionen Mark. Fahnder orten die Videopiraten zunehmend in Grenzzonen zum organisierten Gangstertum. *
• aus DER SPIEGEL 1/1986
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Es passierte bei dem deutschen Erfolgsfilm »Das Boot«, bei der »Unendlichen Geschichte«, bei »Rambo«, »Rocky« und James Bond: Innerhalb von Stunden nach, oft auch vor dem offiziellen Kinostart kursierte auf dem Video-Schwarzmarkt heiße Ware.

Videopiraten schädigen nach Branchenschätzungen allein die deutsche Filmindustrie um jährlich 500 Millionen Mark. Damit profitieren die Raubkopierer von einem Boom, der seit Anfang der achtziger Jahre fast jedem sechsten deutschen Haushalt einen Videorecorder bescherte - 17 Prozent. Knapp die Hälfte aller dort abgespulten Bänder, so behaupten Experten der Industrie, sind Raubkopien.

Konsequent nutzen die Raubkopierer die Schwachstellen beim Weg der Spielfilmrollen in die Kinos - die Aufmerksamkeit der Piraten richtet sich auf Filmvorführer, Lageristen, gelegentlich auch Fahrer. Nur wenige Stunden genügen, damit ein Raubkopierer den gegen Bares ausgeliehenen Film auf hochwertige Magnetbänder ziehen und beliebig viele weitere Kopien herstellen kann - ein Videopirat schildert Details im SPIEGEL-Gespräch auf Seite 117.

Unterlaufen werden damit auch die Sperrfristen bis zur Vergabe der Videorechte. Solche Sperrfristen sollen eine optimale Auswertung der Filme in den Lichtspielhäusern garantieren. Aber allein »Das Boot« ging schon Wochen vor dem offiziellen Videostart in mindestens 10000 Raubkopien auf Fahrt.

Die Tricks der Raubkopierer haben sich seit der Anfangszeit erheblich verfeinert. Konnten Anfang der achtziger Jahre Raubkassetten noch leicht an den schreibmaschinengetippten Titel-Aufklebern identifiziert werden, so zieren die Videopiraten ihre Ware inzwischen mit prachtvoll gedruckten, täuschend echt wirkenden Kassettenlabels und -umschlägen.

Um Mißtrauen der Endabnehmer abzubauen, operieren gewiefte Videopiraten in internationalem Rahmen. Beispiel aus den Fahndungs-Archiven der Industrie: der US-Film »Borderline«, von dem in Deutschland unter dem Titel »Ein Mann setzt sich durch« Raubkopien seit Februar kursieren. Angeboten wurden die Kassetten von einer Schweizer Firma. Als Lizenzgeber trat (statt der eigentlich dazu berechtigten Londoner ITC Entertainment) eine ausschließlich zu (Schwarz-)Vermarktungszwecken in Panama wiederbelebte Firma auf.

Als Lizenznehmer (statt der CBS/Fox Video) erschien wiederum eine deutsche Firma, der die Rechte zur Erstellung einer deutschsprachigen Fassung übertragen wurden - per Scheinabkommen und, weiteres Verwirrspiel, nach Einschaltung eines luxemburgischen Zwischenhändlers.

Mißtrauischen Videohändlern konnten somit jederzeit Quittungen über den tatsächlich nach Panama überwiesenen Lizenzbetrag vorgelegt werden. Die Gelder jedoch flossen umgehend an die Privatkonten der Inhaber der anderen deutschen und schweizerischen Firmen zurück. »Der Grenzwolf«, so der offizielle Titel des Films, läuft seit Juni im Kino, eine legale Videofassung wird seit Oktober vertrieben.

Die kriminelle Grauzone, behaupten Polizeifahnder und Experten der Industrie, reicht von Raub und Erpressung bis zur Steuerhinterziehung. Im November wurden bei einer bundesweiten Großaktion 102 Gebäude durchsucht und gegen den Hauptbeschuldigten Haftbefehl wegen Vergehens gegen das Urheberrechtsgesetz und sogar wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung erlassen.

Anderswo sollen Filmvorführer, die anfangs gegen Entgelt einen Film kurzfristig ausgeliehen haben, mit Erpressung, Nötigung oder Gewalt gefügig gehalten worden sein. Die Raubkopiererszene grenze hart an die Prostituierten- und Zuhälterszene.

Ob in Deutschland (wie im April und November), ob bei Großrazzien in England oder - Eldorado für Raubkopierer - in Ländern Südostasiens fanden Ermittler Belastungsmaterial mitunter gleich zentnerweise vor. Ganze Müllverbrennungsanlagen wurden mit Raubkassetten gefüttert, Bulldozer türmten sie auf Behördengelände zu riesigen Bergen.

Fahndern in Berlin fiel außer Videokassetten »in Größenordnungen von mehreren hunderttausend Mark« (Staatsanwalt Lutz Waga) nebenher noch 1,6 Millionen Mark Falschgeld in die Hände. Derart »organisierte Kriminalität«, weiß etwa der Herner Kripo-Beamte Horst Siebert, »ist am ehesten noch durch Hinweise aus der Szene« zu knacken.

Die Industrie wehrt sich auf ihre Weise. Die »Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen« (GVU), eine Art Selbsthilfeorganisation der Videoanbieter, spürt mit einem Team aus meist ehemaligen Kripobeamten den Schwarzkopierern nach. Ein Videolehrfilm über die Schwarzkopiererei wird an Deutschlands Polizeischulen fleißig kopiert.

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