Fernsehen Talk so
Das war ein live. In der einen Ecke kabbelte sich Gert von Paczensky mit einem ganz linken Typ. mit Klaus Rainer Röhl. befragte ihn, »private Abschweifung«, ob der noch seinen Schießstand im Keller habe, und fand schön, daß Röhls Memoiren so teuer sind. »Da wird sie hoffentlich keiner kaufen.«
In der anderen Ecke wirkte ein Mensch. der vollinhaltlich den Begriff Eierkopf widerspiegelte. Wolfgang Menge. Alfred Tetzlaffs kahler Vater. Er stocherte zerstreut im Friseur des Bundeshauses. Herrn Mönch, und gestand, es war nicht bös gemeint: »Mein Interesse an Friseuren ist gering.«
In der dritten Ecke wurde Spruchkammer gespielt. Marianne Koch, ganz strenge Domina mit Soziologie-Ambitionen, nahm den NS-Maler ("Der Führer spricht") Paul Mathias Padua in Zucht. Sie fragte nicht gerade, ob er Blut am Pinsel habe, aber immerhin doch, warum er sich damals mit
* Mit Gast Wolfram Siebeck und den Talk-Mastern Gert von Paczensky, Marianne Koch und Wolfgang Menge.
den Entarteten« nicht »solidarisierte«, und warum er heute statt Strauß und Karajan nicht Wehner male.
Drumherum schleppten Leute Kabel, ein Mann am Klavier spielte Schräges. die Regie trompetete dazwischen, und eine menetekelhafte Geisterschrift am Bildschirm kündete: »Noch 93 Minuten bis zum Buß- und Bettag.«
Am Dienstag letzter Woche kam aus dem Bremer Studio 3. wo sonst der »Musikladen« Popsänger heulen läßt. die erste Talk-Show der Nordkette. »III nach neun« genannt. mit drei Mastern und der Botschaft: Der Fernseher muß kein toter Briefkasten sein.
Denn wenn Talk-Show, dann so oder ähnlich: kein feines Posieren auf teuren Gestühlen nach Schönherren-Art, mit Blabla vor imaginären Kaminen. Sondern Leben in der Bude, Highlive sozusagen, und Flitter-Aufwand samt technischer Perfektion den Schmock-Shows überlassend,
Und die Sendung, ab nächstem .Jahr läuft sie alle vier Wochen, kam an. In den zehn Jahren von Bremens III. Programm, sagte der »III nach neun«-Redakteur Alfred Mensak, habe es »noch nie eine so ungeheure, positive Reaktion gegeben«; die sechs Telephone, über die Zuschauer in die Sendung funken sollten, waren ständig blockiert.
Die Bremer hatten mit ihrer Show aus »eingefahrenen Gleisen« und »ver krusteten Schemata« herauskommen wollen: und um »Politik, Kultur und Unterhaltung« recht zu mischen, verpflichteten sie eine »nicht homogen aussehende« Master-Mannschaft.
Als Meister dieses Fachs entpuppte sich dabei Gert von Paczensky, auch Chefredakteur von Radio Bremen. Der einst grämliche »Panorama«-Spitzbart ist ins joviale Väter-Fach übergewechselt, fragt tückisch, weiß Bescheid und schlägt trocken unter den Gürtel. Habemus Papam.
Marianne Koch freilich war noch nicht Manns genug, die NS-malerische Umweltverschmutzung abzuklären. Der biedere Padua, fesche Weste und Zigarillo, ließ sich sein gutes Gewissen nicht rauben. »Wenn der Kopf gut ist«, beschied er, »ist mir der Charakter wurscht beim Malen.«
Es gab auch schlicht Peinliches, je später der Abend wurde, Da rückten die Herren zusammen, der Satiriker und Kochkünstler Wolfram Siebeck war dazugestoßen. und diskutierten mit Paczensky. just vom Welt-Hunger-Kongreß aus Rom zurück, die Freuden des Gaumens:
Ein linker Fett-Set genoß sieh da. konzentrierte sein kritisches Bewußtsein auf Schlemmer-Restaurants und beklagte deren Seltenheit. Erst als gegen Schluß. die zweite Stunde hatte geschlagen, eine knackige Eisprinzessin in die Runde trat, kamen die Kulinaris auf andere Gedanken.
»III nach neun«-Redakteur Mensak, der sich mit Regisseur Leckebusch mitten im Studio-Trubel aufgebaut hatte. sieht noch »viele Verbesserungs-Möglichkeiten«. Korrekturen nahm er auch während der Sendung vor. Als Röhl für seine Memoiren »Fünf Finger sind keine Faust« Reklame machte, ließ Mensak ins Bild einblenden: »Zehn Finger sind kein Faust II.«