OPERN Tamino in den Fängen des Klerus
Ein kämpferischer Jüngling flieht vor einer Schlange und muss sich von hinterhältigen Damen schützen lassen, die ihn am Ende nur benutzen. Um sich im wirren Libretto von Mozarts »Zauberflöte« zurechtzufinden, brauchte man bisher selber eine: Die schöne Musik tönt die Widersprüche zu, Regisseure verzaubern die Szene und interpretieren das Werk als Märchenoper, in dem es auf Glaubhaftigkeit nicht besonders ankomme. Der Musikwissenschaftler Helmut Perl, 73, unternimmt in einem neuen Buch den eindrucksvollen Versuch, die »Zauberflöte« als konkrete ideologische Botschaft der Spätaufklärung zu dechiffrieren: als ein wegen der rigorosen Zensur getarntes Manifest der Illuminaten, eines dezidiert antiklerikalen Geheimbunds, dem Mozart und Textdichter Emanuel Schikaneder nahe gestanden hätten. Perl verweist auf überraschend viele Ähnlichkeiten zwischen dem Bühnenbild der Wiener Uraufführung und dem Versammlungsort des Ordens in Salzburg. Die drei Damen repräsentieren nach Perl ebenso die Mutter Kirche, wie die Königin der Nacht eine negative Jungfrau Maria ist. Dass die drei Damen die Schlange, Symbol der Weisheit, töten können, wird nun klar - Tamino ist in den Fängen des Klerus.