FERNSEHEN Tapferer Junge
Hauptwachtmeister Schulz registrierte in seinem Notizbuch die Namen der Juden über 16 Jahre, von den jüngeren notierte er nur die Anzahl: acht.
Dann wurden alle Juden hinter der Scheune erschossen. Es war Winter 1941/42 im Dorf Krinicze nahe der ostpolnischen Stadt Mir.
Einer -- der polnische Schutzmann Oswald Rufeisen, 20 -- hatte sich geweigert mitzuschießen. Ihm passierte nichts. »Unter den Gendarmen gab es auch einige«, sagt Rufeisen heute, »die nie an Aktionen teilgenommen haben und selber nicht geschossen haben, wenn sie nicht wollten.«
Im Sommer 1942 wurde Rufeisen Zeuge, wie sein nächster Vorgesetzter, der Polizeimeister Reinhold Hein, per Telephon den Befehl entgegennahm, das Getto von Mir zu liquidieren.
Hein zu Rufeisen: »Sie sind der einzige, der davon weiß. Wenn die Sache bekannt wird, werden Sie dafür die Verantwortung tragen.«
Noch am selben Tag warnte Rufeisen die Juden von Mir. Er besorgte ihnen sogar Waffen aus dem Gewehrschrank der deutschen Polizei sowie russisches Beutegut vom Dachboden seiner Dienststelle, einer polnischen Polizeieinheit in deutschem Sold.
Als am 13. August 1942 die Vernichtungsaktion in Mir anlief, waren über 300 Juden geflüchtet. Hein vernahm Rufeisen: »Warum haben Sie mir das angetan?« Rufeisen gestand: »Herr Meister, ich bin kein Pole, ich bin Jude.«
Der galizische Jude Rufeisen, schon als Schüler Zionist, war bei Kriegsbeginn nach Mir geflüchtet -- einer durch ihre Talmud-Schule unter Juden berühmten polnischen Stadt -- und hatte sich dort als Schlesier ausgegeben. Er wurde Dolmetscher bei Polizeiführer Hein. erhielt die Uniform der einheimischen »Schutzmannschaft« und legte einen Eid auf Hitler ab.
Die seltsamen Wege des Juden Rufeisen schildert der Berliner Fernsehmann Itzchak Pruschnowski, einst selbst Getto-Insasse, in seinem Film »Auf der Suche nach einem der Gerechten«.
Mit Original-Aussagen von Augenzeugen und bislang nicht gezeigten beklemmenden Szenen, die im Krieg ein deutsches Kamera-Team in einem polnischen Getto aufgenommen hat, entstand eine Art deutscher »Holocaust«.
Pruschnowski über die US-Fernsehserie von deutschem Massenmord: »Wir brauchen keine Entwicklungshilfe aus den USA, wir können unsere eigene Geschichte filmdokumentarisch seihst aufarbeiten -- billiger, besser und ohne falsches Pathos.«
Pruschnowski hatte Rufeisen in Israel ausfindig gemacht. Nach der Enthüllung seiner jüdischen Herkunft, erinnerte sich Rufeisen, habe ihm Polizeimeister Hein die Hand auf die Schulter gelegt: »Sie sind ein tapferer Junge.« Dann habe er ihn in ein katholisches Nonnenkloster fliehen lassen.
Dort ließ sich Held Rufeisen taufen und ging nach 15 Monaten in die Wälder, zu sowjetischen Partisanen. Die erteilten ihm nach dem Krieg ein Führungszeugnis: »diszipliniert, tapfer, mutig«.
Er ging zurück in ein Kloster, studierte Theologie und wurde 1952 in Krakau als Karmeliter-Mönch zum Priester geweiht: Aus dem jüdischen Ex-Polizisten und Ex-Partisanen Oswald Rufeisen wurde Pater Daniel.
Die Wirrungen waren damit nicht zu Ende: Sein Orden schickte ihn nach Israel. Dort aber gilt der abtrünnige Jude als Verräter. Er klagte auf Anerkennung als Israeli.
Der Oberste Gerichtshof entschied, Katholik Daniel könne dem Volke Israel nicht angehören. Er erhielt zwar die israelische Staatsbürgerschaft, die Anerkennung einer israelischen Nationalität jedoch blieb ihm versagt.
In der nationalen Gedenkstätte Jadwaschem in Jerusalem sind in der »Allee der Gerechten der Welt« für christliche Retter jüdischen Lebens Bäume gepflanzt -- doch keiner für den Retter Rufeisen, der hier nun wieder als Jude gilt.
»In Oswald sah ich einen großen, aufrichtigen und begeisterten Menschen«, erklärt im Film Israel Schifron aus dem Getto Mir, der dank Oswald Rufeisen vor dem Tod bewahrt blieb. Durch den Taufakt aber, so Schifron, hat »das jüdische Volk einen seiner besten Söhne verloren«.
Auszeichnungen hat der Retter denn auch nicht erhalten, keine Stiftung trägt seinen Namen. Nur die West-Berliner Polizei machte ihn zu ihrem Ehrenmitglied.