Teller mit Legende - DER SPIEGEL
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Freizeit Teller mit Legende

Die Invasion durch ein neues Spielmittel aus Amerika steht bevor: die »Frisbees« kommen.
• aus DER SPIEGEL 19/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schwärme von fliegenden Untertassen schwirren mal wieder über den amerikanischen Kontinent. Und wieder blickt eine große Gemeinde gläubig zu ihnen auf.

Freilich, diesmal sind es keine Ufos aus extraterrestrischen Bereichen, sondern ganz irdische Plastikteller, die von Menschenhand gestartet werden, doch ihre Anhänger sind womöglich noch zahlreicher als die der grünen Wesen von der Wega: Frisbees sind Amerikas populärster Freizeitartikel seit Yoyo und Hula-Hoop.

Die anspruchslose Frisbee-Technik mag schuld daran sein, daß die Nation so anhaltend ins Schleudern geraten ist: Die leichtgewichtige Scheibe wird mit einem einfachen Schlenker aus dem Handgelenk in die Luft geschnellt.

Dabei kann das mit konzentrischen Rippen versehene Geschoß, das sich beim Flug um die eigene Achse dreht. eine Geschwindigkeit bis zu beinahe 100 Kilometer in der Stunde erreichen und bis zu 100 Meter weit gleiten.

Das Wurf- und Fangspiel wird zumeist so betrieben, daß der Partner den Teller möglichst im Flug auffängt und retourniert. In die Frisbee-Aeronautik besser Eingeweihte, die einen größeren Anstellwinkel zur Luftströmung wählen, sollen den pfiffigen Diskus sogar wie einen Bumerang zur Rückkehr bewegen können.

Das Ding ist in den USA so erfolgreich und beliebt, daß es bereits die ersten Frisbee-Mythen angesetzt hat.

So soll der Frisbee-Produzent »Wham-O« in die Entwicklung des Prototyps zehn Jahre Arbeit investiert haben. Dann brachte die Firma, die als Hula-Hoop-Hersteller im Marotten-Machen schon Erfahrungen hatte, das Objekt auf den Markt -- und setzte bislang 50 Millionen Exemplare davon ab. 1971 allein zehn Millionen.

In einer »International Frisbee Association« (IFA), die jährlich Meisterschaften organisiert, scharten sich 70000 eingeschriebene Mitglieder um ihr Lieblingsspiel; eine regelmäßige Postille informiert die Gemeinde.

Da ist es kein Wunder, daß die Frisbee-Beiwegung auch bereits Kulturkritiker und Psychologen mobilisiert hat.

Sie deuten die Werferei gern als unbewußten Protest gegen Leistungszwänge. »Frisbee«, ·schwärmt beispielsweise der kalifornische Psychologe Stancil Johnson, »scheint mit Freiheit identisch zu sein« Die »New York limes« bescheinigte den Teller-Werfern »Ironie gegenüber der überorganisierten, überkommerzialisierten Welt des Sports« und konstatierte: »Ein Anti-Sport also!«

Die Ursprünge des Freiheit-Fetischs sind bereits Legende. Angeblich haben sich Yale-Studenten nach einer improvisierten Kuchenschlacht die abgegessenen Teller von »Mother Frisbees Obsttorte« zugeworfen und dabei den Namen der Bäckerin gerufen: »Frisbee.«

Ein Yale-Hauswart namens Fred Morrison soll sie dabei beobachtet und dann selbst den ganz großen Wurf gemacht haben: Er produzierte in Heimarbeit die ersten Wurfteller aus Plastik, hielt sie auf Jahrmärkten feil und verramschte schließlich die Idee an die »Wham-O«, von der er, so heißt es, inzwischen eine halbe Million Dollar Tantiemen kassierte.

Nun sollen auch deutsche Freizeitler mit dem umfunktionierten Kuchenteller beglückt werden. In »diesen Tagen bringt eine eigens für den europäischen Frisbee-Vertrieb in München gegründete »Spiel-Sport-Freizeit GmbH zwei Modelle (Preis: 9,95 und 14,50 Mark) auf den Markt. Geschäftsführer Bodo Nibbe: »Das wird auch bei uns ein Millionen-Spiel!«

Daß in Deutschland gelegentlich schon fliegende Teller aufgetaucht waren, ohne jedoch zum Erfolgsartikel zu werden, schmälert Nibbes Optimismus kaum: »Das waren doch alles nur Imitationen. Wir bringen zum erstenmal den echten Original-Frisbee.«

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