BÖHM Tempo 80
Vor Jahren noch mißbilligte er den internationalen Flugverkehr zeitgenössischer Musik-Stars und philosophierte: »Was die Künstler in der Welt herumtreibt, ist die Angst vor der Zukunft.«
Doch inzwischen ist auch Karl Böhm 72, überaus weltläufig geworden: Der Maestro aus der Steiermark, bis 1956 Chef der Wiener Staatsoper, fungiert längst als einer der emsigsten Wanderdirigenten der Gegenwart - und als einer der bedeutendsten.
Ob vor den Opern-Bühnen in Salzburg oder Bayreuth, in Tokio oder Buenos Aires, ob an der »Scala« in Mailand oder der »Met« in New York - Böhms Interpretationen von Mozarts »Don Giovanni«, Beethovens »Fidelio« und Wagners »Tristan«, von Richard Straussens »Frau ohne Schatten« und Alban Bergs »Wozzeck« erregen mit ihrer Präzision und äußersten Werktreue allemal »jene stürmischen Ovationen, wie sie gewöhnlich nur einer Primadonna vorbehalten sind« ("Time"). Folge dieses Ruhms, laut Böhm: »Für die nächsten vier Jahre bin ich ausgebucht.«
Und vollbeschäftigt ist der Interkontinental-Musikant fürs nächste auch als Konzert-Meister der »Deutschen Grammophon Gesellschaft«. Nachdem Böhm, Wiederentdecker der Mozart-Oper »Cosi fan tutte«, in den letzten Jahren mehrere Mozart-Bühnenwerke auf Platten eingespielt hat - ein Böhmscher »Don Giovanni« soll kommenden Februar in Prag aufgenommen werden -, will er nun mit den Berliner Philharmonikern sämtliche 41 großen Mozart -Symphonien auf Platten konservieren. (Die ersten vier Platten mit zehn Symphonien sind bereits erschienen.)
Denn die Musik seines großen Landsmanns ist ihm besonders teuer. Während einer Autofahrt nach Salzburg hatte der Mozart-Fanatiker Richard Strauss einst im Freund »Böhmerl« ein »wahres Mozart-Fieber« (Böhm) geweckt.
Dieses Fieber ist seither nicht mehr gewichen: Böhm, der in der neuen Mozart-Gesamtausgabe des Bärenreiter-Verlags insgesamt 300 Fehler entdeckte und berichtigte, gilt als prominenter Mozart-Kenner und Initiator eines modernen Mozart-Stils - einer völlig
unsentimentalen, bisweilen spröden Wiedergabe, die auf alles Rokoko-Tändeln und Romantiker-Pathos, auf Ritardandi und ähnliche Süßigkeiten verzichtet. Böhm: »Das 'Wichtigste bei Mozart ist das Zeitmaß.' Ich dehne die Andantesätze nicht, was ja meist gemacht wird. Bei mir heißt es Tempo 80.«
Dabei hatte Böhm seine Karriere nicht eben als Mozartianer begonnen. Vater Leopold, Advokat in Graz, nebenbei Syndikus des Grazer Stadttheaters, vor allem jedoch ein entschiedener Wagner-Fan, sorgte rechtzeitig dafür, daß sein Sohn »durch die Tristan -Klänge förmlich benebelt« wurde.
Karl Böhm erlernte die Kunst des Kontrapunkts, er studierte allerdings auch, nach Vaters Weisung, gleichzeitig die Juristerei. Mit 25 beurlaubte sich der Erste Kapellmeister des Grazer Theaters von den Proben, erwarb den Grad eines Doktors der Rechte und dirigierte noch am selben Abend den »Fliegenden Holländer«.
In Wagners Nornen-Nebel wandelte Böhm weiter. Zwar lernte er in München, als Vierter Kapellmeister unter dem berühmten Mozart-Dirigenten Bruno Walter erstmals »den Mozart mit seinen ewigen Textwiederholungen« schätzen; zwar durfte er als Generalmusikdirektor in Darmstadt Avantgarde-Opern von Hindemith -("Neues vom Tage") und Krenek ("Leben des Orest") aufführen.
Doch als er 1933 in Dresden die Nachfolge des von den Nationalsozialisten vertriebenen Fritz Busch antrat (Böhm: »Ich kenne nur eine Partei - die der Musiker"), war sein erstes Idol noch immer Richard Wagner. Sein zweites: Richard ("Der Rosenkavalier") Strauss, der dem »lieben Freunde und congenialen Interpreten dankbar ergeben« 1944 seine Oper »Daphne« widmete und ihm zudem ein sparsames Dirigieren anempfahl. Strass: »Die Linke gehört in die Hosentasche.«
Den Nachkriegs-Wienern schien dann freilich die Dirigentenschaft ihres Opernhaus-Chefs, der von 1954 an für ein Jahresgehalt von 100 000 Mark den Taktstock schwang, allzu sparsam. Als Böhm 1956 von einer US-Tournee zurückkam, pfiff ihn das Publikum im Haus am Ring, ungehalten über seine
lange Abwesenheit, beim »Fidelio« aus. Böhm entschied: »Ich denke nicht daran, meine internationale Karriere der Wiener Staatsoper zu opfern.«
Seitdem ist der, von Blindheit bedrohte Meisterdirigent - sein Sohn ist der Filmschauspieler Karlheinz Böhm - ständig auf Reisen. Seine tägliche Zwei-Stunden-Promenade absolviert er mal im Wienerwald, mal im Grunewald, mal im New Yorker Central Park, mal in Münchner Gehegen. In seiner Wiener Wohnung zeugen 15 synchron tikkende Uhren für Böhms Präzisionssinn.
Letztes Jahr in Bayreuth schließlich hat Karl Böhm die zwei Wider-Seelen in seiner Brust, Wagner und Mozart, zu einer Synthese vereinigt: Er präsentierte mit dem »Ring des Nibelungen« einen durch Mozart geläuterten Richard Wagner.
Dirigent Böhm, Ehefrau
»Ich kenne nur eine Partei«