Tendenz steigend - DER SPIEGEL
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NARKOSE-ZWISCHENFÄLLE Tendenz steigend

• aus DER SPIEGEL 48/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In er chirurgische Eingriff, der dem Patienten, einem 16jährigen Jungen, bevorstand, war harmlos: Seine Mandeln sollten entfernt werden. Der Arzt leitete die Narkose ein. Fünf Minuten danach war der Junge tot.

Die Sektion ließ die Ursache des plötzlichen Atemstillstands während der Narkose erkennen: Nebennieren und Thymusdrüse - Organe, die lebenswichtige Hormone produzieren - waren bei dem Patienten nur unvollkommen ausgebildet gewesen. Offenbar hatte die Narkose aufgrund dieser Anomalien zum Tod geführt.

Bei der Untersuchung des Todesfalls stellte sich jedoch gleichzeitig heraus, daß der behandelnde Arzt einige Anzeichen nicht beachtet hatte, die ihn zu größter Vorsicht hätten veranlassen müssen. Der Patient hatte bereits auf ein vor der Narkose verabreichtes Beruhigungsmittel unnormal reagiert: Er war zum Operationsstuhl getorkelt, und der Arzt hatte stark beschleunigten Herzschlag registriert.

Mit der Schilderung dieses plötzlichen Todesfalls eröffnete der Kieler Gerichtsmediziner Professor Otto Pribilla einen alarmierenden Bericht, den er jetzt im Fachblatt der Narkoseärzte »Der Anästhesist« veröffentlichte. Danach wurden von Anfang 1947 bis Mitte vorigen Jahres im Institut für gerichtliche und soziale Medizin der Universität Kiel 32 Todesfälle in der Narkose untersucht. Fazit: »Ein großer Teil der geschilderten Fälle wäre vermeidbar gewesen.«

Pribilla glaubt zudem eine steigende Tendenz des Narkosetodes in der Bundesrepublik zu erkennen. »Im Rahmen der gerichtsärztlichen Begutachtung«, so resümiert er, »haben wir den Eindruck gewonnen, daß die Anzahl derartiger Fälle in den letzten Jahren zunimmt.«

Die Zusammenstellung des Kieler Gerichtsmediziners verdeutlicht einen Notstand in der deutschen Medizin: Zwar wurde die Narkosetechnik nach dem Zweiten Weltkrieg in einem früher kaum vorstellbaren Ausmaß verfeinert. Aber ausgebildete Fachleute, die alle Spielarten der modernen Narkosetechnik beherrschen und sich Notsituationen gewachsen zeigen, sind gefährlich rar.

»Die hervorragenden Ergebnisse chirurgischer Zentren dürfen nicht darüber hinwegtäuschen«, so warnten die Leiter der Anästhesie-Abteilungen an den deutschen Universitäten in einer Denkschrift, »daß die Mehrzahl der Kranken bei Narkosen noch immer lebensbedrohlichen Risiken ausgesetzt ist, die vermeidbar wären, wenn genügend Fachärzte zur Verfügung stünden. Die Zahl der Todesfälle, die sich in Zusammenhang mit der Narkose ereignen, ist zu hoch.«

Nur drei Anästhesisten gibt es in Deutschland für jeweils eine Million Einwohner. Hingegen gibt es beispielsweise in Österreich 25, in Frankreich 30, in England und in den USA sogar 50 Anästhesie-Fachärzte für jede Bevölkerungs-Million. Wenn diese Fachsparte nicht intensiv gefördert werde, so erklärte 1962 der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie, werde es 15 bis 20 Jahre dauern, bis der Mangel an Narkoseärzten beseitigt sei.

Über die Ursache des Anästhesisten -Mangels in der Bundesrepublik sind sich die Experten einig - für Fachärzte dieser Sparte sind an den Kliniken kaum Aufstiegsmöglichkeiten vorgesehen. »Leider hat man in Deutschland noch nicht die Konsequenz gezogen«, so klagte Professor Hans Schulten, Direktor der Medizinischen Poliklinik an der Universität Köln, in seinem Buch »Der Arzt«, »den Anästhesisten als eigenen Chefarzt selbständig zu machen, wie es im Ausland meist geschehen ist, sondern führt ihn als Assistenten oder Oberarzt in einer Stellung, die auf die Dauer nicht befriedigen kann.«

So wenden sich in der Bundesrepublik nur wenige Mediziner dem an sich interessanten und zukunftsreichen Fach zu. Zudem wandern viele der in Westdeutschland ausgebildeten Anästhesisten ins Ausland ab, wo sie bessere Berufschancen haben.

Noch 1962 gab es im Bundesgebiet nur sechs Anästhesisten, die Stellungen als leitende Krankenhausärzte innehatten

- gegenüber beispielsweise 1062 Chirurgen, 202 Lungen-Fachärzten, 193 Spezialisten für Röntgen- und Strahlenheilkunde und 69 Urologen In unabhängigen Klinikpositionen. Nur 100 Anästhesisten waren Oberärzte oder planmäßige Assistenten. Somit saßen nur 5,7 Prozent der westdeutschen Klinik -Ärzte für Anästhesie in der erstrebten selbständigen Stellung.

Angesichts des Mangels an ausgebildeten Anästhesisten werden in zahlreichen deutschen Kliniken noch immer Narkosen von Nachwuchsärzten oder Schwestern vorgenommen. Bei den 32 Narkose-Zwischenfällen, die Pribilla in Kiel untersuchte, waren die Narkosen in 18 Fällen von meist jüngeren Ärzten ausgeführt worden, die keine Fachausbildung auf diesem Gebiet genossen hatten, zehnmal hatten Schwestern oder Sprechstundenhilfen die Einschläferung des Patienten vorgenommen - nur in vier Fällen waren es Fach-Anästhesisten.

Der Gerichtsmediziner registrierte eine Fülle von Fehlern und Unterlassungen als Todesursachen. Betäubungsmittel waren zu hoch dosiert oder in fehlerhafter Kombination verabreicht worden. In mehr als der Hälfte der Fälle hatten die verantwortlichen Ärzte versäumt, den Patienten - wie Lehrbuchautoren empfehlen - vor der Narkose beruhigende Medikamente zu geben. Besonders wichtig wäre diese sogenannte Prämedikation bei denjenigen Patienten gewesen, die erkennbar unter Angstgefühlen und seelischer Spannung litten.

Eine beachtliche Zahl der Narkose -Opfer war vor der Betäubung nicht hinreichend untersucht worden, oder die Ärzte hatten die Ergebnisse von Befragungen und Untersuchungen nicht genügend beachtet. Bei mehreren der Patienten blieben Herzfehler unberücksichtigt.

Erfahrene Anästhesisten richten besonderes Augenmerk darauf, daß der Magen des Patienten bei Beginn der Narkose leer ist. Bei vollem Magen besteht die Gefahr, daß der Patient während der Narkose den Mageninhalt erbricht und dabei erstickt. Wenn - etwa bei Unfall-Patienten - eine Narkose bei vollem Magen nicht zu umgehen ist, wird normalerweise eine biegsame Röhre in den Kehlkopf eingeführt, die das Eindringen von Erbrochenem in die Luftröhre verhindert.

Mehrere Narkosen in Kiel waren tödlich verlaufen, weil der verantwortliche Arzt sich nicht vergewissert hatte, daß der Magen des Patienten leer war. In anderen Fällen war die Narkose ohne Vorsichtsmaßnahmen eingeleitet worden, obwohl der Arzt wußte, daß der Patient unmittelbar zuvor gegessen hatte.

Folgerichtig betonte denn auch Professor Pribilla in mehreren Gutachten, »die Nichtbeachtung einer Magenfüllung vor Narkosebeginn (sei) als sogenannter Kunstfehler anzusehen«.

Allerdings mußte der Gutachter auch feststellen, daß selbst die Anwesenheit eines Anästhesisten in einem Krankenhaus keinen sicheren Schutz vor derartigen Kunstfehlern bietet: Bei zwei der untersuchten Todesfälle gab es ausgebildete Anästhesisten in der Klinik, aber sie wurden erst zu Rate gezogen, als die Patienten nicht mehr zu retten waren.

Meist war es für den Kieler Gutachter schwierig, den Hergang der Narkose-Todesfälle zu rekonstruieren. Die Aufzeichnungen der Ärzte, die Pribilla vorfand, waren fast ausnahmslos dürftig: »Nur in zwei unserer Fälle lag ein vorgedruckter Narkosebogen vor.« Oft fehlten, insbesondere bei solchen Eingriffen, die nicht in der Klinik, sondern in einer Arztpraxis vorgenommen worden waren, Jegliche Notizen über die Narkose-Einzelheiten«.

Als Folgerung aus seinen Untersuchungen präsentierte der Kieler Gerichtsmediziner vergangene Woche in der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift« einen Katalog von Forderungen. Pribilla regte unter anderm an,

- jeden Narkosetod amtlich zu untersuchen, wie das in Österreich bereits seit 1896 geschieht;

- eine medizinische Zentralstelle einzurichten, die jeden Narkosetod in Deutschland registriert;

- die in Deutschland - im Gegensatz etwa zu den USA und England - übliche Zurückhaltung bei Publikationen von Narkose-Zwischenfällen aufzugeben.

Allerdings suchte Pribilla sogleich jene Kollegen zu beruhigen, die wegen mangelhafter Narkose-Kenntnisse über solche Vorschläge erschreckt sein könnten. Ziel seiner Forderungen, schrieb der Kieler Mediziner, sei nicht so sehr, für tödliche Narkose-Zwischenfälle jeweils Schuldige zu finden; vielmehr gelte es, »aus den Einzelfällen und den eventuell gemachten Fehlern zu lernen«.

Narkose im Operationssaal: Notstand in der deutschen Medizin

Gerichtsmediziner Pribilla

Zu oft Tod in der Narkose?

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