Terror im Paradies - DER SPIEGEL
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Autoren Terror im Paradies

In seinen Romanen schildert der US-Schriftsteller Carl Hiaasen Florida als Beute von Spekulanten und Kriminellen, in seinen Zeitungskolumnen wettert er gegen den Ausverkauf der Natur. Schon vor Jahren schlug einer seiner Helden vor, die Touristen mit Mord und Gewalt zu vertreiben. Die Visionen sind wahr geworden.
• aus DER SPIEGEL 5/1994
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Der Außenbordmotor springt nicht an, und der Captain rüttelt an den Kabeln, legt den Gashebel um und dreht hilflos den Zündschlüssel hin und her. Doch die Maschine gibt ein Jaulen von sich, und ein paar Rauchwolken puffen kraftlos über das Wasser.

»Es kann nicht die Batterie sein«, sagt der Mann. Und dann fährt er doch seinen Jeep ans Ufer und gibt mit Überbrückungskabeln Starthilfe.

Ganz neu sei die verdammte Batterie, brüllt er später gegen den Fahrtwind, bei einem respektablen Schiffsausrüster habe er sie gekauft, und außerdem sei das Ding ein Markenprodukt: Wem soll man noch trauen? Und wieder hat der Bursche ein Beispiel dafür, daß Florida ein einziger Sumpf aus »sleaziness«, Schmierigkeit, sei - ein stinkender Pfuhl voller Lüge, Habgier und Korruption.

Mit Sümpfen kennt Carl Hiaasen, 40, sich aus und mit sleaziness erst recht. Er ist in Florida geboren und aufgewachsen; er hat jahrelang als Enthüllungsreporter für den Miami Herald gearbeitet, und in seinen Zeitungskolumnen schleudert er auch heute noch zweimal wöchentlich den Zerstörern Floridas Wut und Zynismus entgegen.

Im Hauptberuf aber schreibt er Bücher, Thriller und Kriminalromane, die vom gleichen Thema handeln. Er berichtet davon, daß es hinter der Welt der Golfplätze und Apartmenthäuser, hinter Disney World und den pastellfarbenen Einkaufszentren noch ein anderes Florida gibt. Ein Land, in dem Natur nichts gilt und Geld alles; wo Immobilienmakler das tropische Paradies seiner Wildheit berauben, es verschachern und verbauen; wo die Enttäuschten und Ausgebeuteten ein vergessenes Leben führen und Rache geschworen haben.

Wenn im Winter die Hochsaison beginnt, fällt der Feind wieder ein in Hiaasens Land: 42 Millionen Touristen strömen nach Florida, rasen mit propellergetriebenen Airbooten durch die Everglades, mit Leihwagen über die Highways, und Tausende von Sportfischern werfen in der Biscayne Bay ihre Angeln aus und haben keine Ahnung, in welchem Sumpf sie gelandet sind.

»Eine Art Ted Bundy« haben ihn die Journalisten genannt; denn wie der berüchtigte Serienkiller aus Florida hat Hiaasen ein jungenhaftes Gesicht, hinter dem sich Haß und Wut und düstere Gedanken verbergen. Fünf Romane hat er in nur sieben Jahren veröffentlicht, und in diesem Tempo lebt er auch: Er denkt schnell, spricht schnell und fährt am liebsten Vollgas.

In 13 Sprachen sind die Romane übersetzt; vier sind auch auf deutsch erschienen, zuletzt »Große Tiere«, der jetzt den Internationalen Deutschen Krimipreis erhalten hat*.

Hiaasens neuester Thriller »Strip Tease« stand mehrere Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times, knapp hinter John Grishams Hit »The Client« - die deutschen Rechte hat Bertelsmann soeben erworben. Hiaasen findet das »very nice«. Die Filmrechte an seinen Romanen hat er Hollywood verkauft. »In gewissem Sinne«, sagt er, »mache ich gutes Geld mit diesem ganzen kranken Land.«

Manchmal scheint es, als neige Hiaasen zu Übertreibungen: Da wird zum Beispiel in »Unter die Haut« die Leiche einer jungen Frau im Baumhäcksler in schaschlikgroße Stücke zerteilt - der Fall war authentisch; Hiaasen hatte davon in der Zeitung gelesen. _(* Carl Hiaasen: »Große Tiere«. C. ) _(Bertelsmann Verlag, München; 416 Seiten; ) _(42 Mark. )

Im Oktober 1993 landete wieder eine Leiche im Häcksler: Eine Stripperin hatte »Unter die Haut« genau studiert, vernichtete nach dem Vorbild des Romans ihren Freund, verrührte die kleingestückelten Überreste mit Beton und verkleckerte das Gemisch entlang eines Highways. »Solche Dinge«, sagt Hiaasen, »passieren hier die ganze Zeit.«

In »Große Tiere« wird eine Frau von einem Delphin sexuell belästigt, mit dem sie - eine besondere Attraktion in den Vergnügungsparks Floridas - im selben Becken schwimmt. Auch so etwas passiert hier gelegentlich.

Die größte Herausforderung für den Schriftsteller, sagt Hiaasen, bestehe folglich darin, etwas so Bizarres und Extremes zu erfinden, daß es bei Erscheinen des Buches noch nicht überholt ist. Denn was er sich auch ausdenke - irgendwann werde es immer wahr: Sein erstes Buch »Miami Terror« (1986) beispielsweise handelte vor allem davon, wie Touristen erschlagen, erschossen, erwürgt und den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen werden.

Haupttäter ist Skip Wiley, Hiaasens Alter ego und Kolumnist der fiktiven Miami Sun, der die Überbevölkerung in Florida nicht mehr ertragen kann und der Zerstörung der Sümpfe nicht länger zusehen will. »Was ist Florida eigentlich noch?« fragt sich Wiley und antwortet selber: »Ein riesiges sonnenbeschienenes Klo, in dem Millionen von Touristen ihr Geld herunterspülen und diesen Moment auf Kodakfilm festhalten.«

Das Gegenmittel sei simpel: Wenn die Touristen wegblieben aus lauter Angst, dann würde das ganze Pack von Spekulanten, Bankern, Anwälten, Drogenhändlern verschwinden. Hiaasen nennt seinen Helden einen »menschenmordenden Irren«, der allerdings »das Herz an der richtigen Stelle« habe. An die Wand eines Männerklos in Orlando hat jemand gekritzelt: »Skip Wiley lebt!« So etwas gefällt Hiaasen.

In den vergangenen zwölf Monaten wurden tatsächlich 23 Touristen ermordet, darunter 4 Deutsche. Die Buchungen bei deutschen Reiseveranstaltern halbierten sich, wie Wiley das vorhergesagt hat. »Das sind kosmische Dinge, die irgendwann passieren«, sagt zynisch Hiaasen, »ob ich nun darüber schreibe oder nicht.«

Manches in Florida sei so irrsinnig, daß er es in seinen Romanen nicht unterbringen könne: Miamis Bürger müssen Angst haben, von aus Flugzeugen abgeworfenen Kokainpaketen erschlagen zu werden; nach dem Hurrikan »Andrew« entwaffnete eine Drogengang eine Truppe von Soldaten, und die Cops waren tagelang unterwegs, um 3000 entlaufene Affen aus den Palmen zu schießen. Kein Leser würde diesen Wahnsinn glauben.

Diesen Killerhurrikan hatte Skip Wiley auch vorausgesagt. Als »Andrew« dann kam, im August 1992, und 16 Milliarden Dollar Schaden anrichtete, höhnte der Kolumnist Hiaasen im Miami Herald: »Hi-ho, hi-ho, und weg ist''s Dach, einfach so, uns ist''s egal, ist dein Haus nicht mehr da, hi-ho, hi-ho.«

Hiaasen wäre froh, wenn »Andrew« den Effekt gehabt hätte, den Wiley sich von so einem Sturm versprach: möglichst viele Zugezogene aus Florida zu vertreiben - 90 000 kamen tatsächlich nach der Evakuierung nicht mehr zurück - und dafür zu sorgen, daß nicht mehr 1300 Menschen pro Tag in den südlichsten Staat der USA ziehen, den nur 400 Leute täglich freiwillig (oder weil sie sterben) verlassen. Umfragen haben ergeben, daß 53 Prozent der Bewohner von Miami und Umgebung nach dem nächsten großen Hurrikan für immer wegziehen werden. »Das sagen die nur«, schimpft Hiaasen, »und dann bleiben sie doch.«

Er haßt die Rentner aus New York, New Jersey und New England, die in den Altensiedlungen den Traum vom ewigen Sommer leben und in ihren weißen Cadillacs und Oldsmobiles zum Fünf-Dollar-Lunch in die Shopping-Mall fahren. Florida ist die Billigversion von Kalifornien, wo sie alle eigentlich viel lieber hin wollten.

Für 30 000 Dollar beispielsweise kann man in Sunrise Lakes bei Fort Lauderdale eine Zweizimmerwohnung kaufen. 1100 Familien leben dort in den Reihenhäusern, die um einen Kunstsee herum angesiedelt sind. 55 Jahre ist das Mindestalter; umgezogen wird nur noch auf den Friedhof. »Ich spiele Canasta, ich spiele Majong, ich spiele Pool, und ab und zu spiele ich mit meinem Ehemann«, erzählt Shirley Drier, 62, während sie im Wasser plantscht, »ich bin die Freizeit-Lady.«

Daß für viele der Alten das Rentnerleben weniger lustig ist, weil das Gesparte kaum noch Zinsen abwirft und die Krankenversicherungen die Klinikrechnungen nicht bezahlen, kümmert Hiaasen einen Dreck: »Sorry, bringt eure Probleme nicht hierher, werdet damit in New Jersey fertig.«

Und da ist wieder diese Wut in dem sonst so glatten und freundlichen Gesicht, eine Wut, die ihn nicht mehr verlassen hat, seit sich sein bester Freund Clyde vor vielen Jahren das Leben nahm, weil seine Heimat, so vermutet Hiaasen, verhökert und versaut wurde: Wo die beiden früher ihr Zelt aufschlugen, steht heute das Kaufhaus Macy''s. Seitdem teilt Hiaasen die Welt in gut und böse. Die Guten sind alle, die für Floridas Flora und Fauna kämpfen.

Die Bösen haben Miami zum Zentrum der Drogenkriminalität gemacht und zu einer der ärmsten Städte in den USA. Die Bösen lassen die Everglades verdursten. In »Strip Tease« beschreibt Hiaasen, wie die Zuckerindustrie und die Gemüsefarmer das Wasser aus dem Lake Okeechobee, das einst in die großen Feuchtgebiete floß, in Kanäle leiten. Die Fische im Sumpf sterben aus, die Vögel fliegen weg. 250 000 Wasservögel _(* Mit Delphinen in einem ) _(Vergnügungspark. ) haben früher in den Everglades genistet, heute sind es noch 5000.

Touristen bemerken nichts vom langsamen Tod der Everglades. Wenn sie Alligatoren in der Sonne dösen sehen, glauben sie, daß die Welt hier noch in Ordnung sei. Daß kaum ein Vogel zu sehen ist, fällt ihnen nicht auf.

In »Strip Tease« klagt Hiaasen die hochsubventionierte Agrarindustrie Floridas eines weiteren Verbrechens an: Für rund 40 Dollar Tageslohn schneiden Arbeiter aus Jamaika das abgebrannte Zuckerrohr von den Feldern - ein Ausbeuterlohn für Schwerstarbeit, die kein weißer Amerikaner übernehmen würde.

Seit »Strip Tease« ein Bestseller wurde, ist Hiaasen bei den Zuckerproduzenten verhaßt. Und nicht nur bei denen. Ein Stadtrat von Miami habe ihn mal »sinngemäß ein wertloses Stück Scheiße genannt«, erzählt er. Und natürlich muß das auch so sein. Denn sonst, so Hiaasen, »würde ich meinen Job nicht machen«.

Die Drecksarbeit tun andere. Hiaasen kennt sie kaum, diese guten Menschen Floridas, jedenfalls nicht Laura Quinn, 65, obwohl sie nur vier Meilen von ihm entfernt das »Florida Keys Wild Bird Rehabilitation Center« betreibt. Tausenden von Pelikanen hat sie schon die von Angelhaken aufgerissenen Schnabelsäcke zugenäht oder angeschossenen Vögeln das Schrot herausoperiert.

Dabei stand ausgerechnet im Miami Herald gerade noch ein großer Bericht über die ehemalige Lehrerin. 70 000 Dollar kostet die Station pro Jahr; Geld, das sie mit Hilfe von Spenden zusammenbekommen muß. »Carl Hiaasen hat alles, ein Luxusleben, zwei Häuser, ein Boot«, sagt die Frau frustriert, »aber keine Idee, daß er etwas von seinem Geld abgeben sollte.« Bücher über den Untergang der Natur zu schreiben, das sei lukrativ; die Natur zu retten, nicht.

Doch mit seinen Kolumnen im Miami Herald, glaubt Hiaasen, habe er etwas bewirkt. Mit seinen Romanen ist er nur reich geworden. Und mit denen wird er weiter Wind machen. Wie Skip Wiley, der nach sinnlosen Morden und Terroranschlägen einen einzigen Vogel vor dem Tod zu bewahren versucht. Er klettert auf einen Baum, auf dem ein junger Weißkopf-Seeadler, das Wappentier der USA, sitzt, und wedelt verzweifelt mit seiner Jacke. Er will das Tier verscheuchen, bevor die ganze Insel gesprengt wird für den Bau einer Hotelanlage.

Ob es Wiley gelingt, hat Hiaasen verschwiegen. Y

* Carl Hiaasen: »Große Tiere«. C. Bertelsmann Verlag, München; 416Seiten; 42 Mark.* Mit Delphinen in einem Vergnügungspark.

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