»Testosteron pur« - DER SPIEGEL
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TV-SHOWS »Testosteron pur«

Die Machos kommen: Amerikanische und deutsche Fernsehsender appellieren an die niederen Instinkte im Mann - Prügeleien, Pöbeleien und Primitivsex bringen Quote.
Von Titus Arnu
• aus DER SPIEGEL 3/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zotenreißer, Öko-Ignoranten, Machos und andere Minderheiten hatten in den USA bis vor kurzem einen schweren Stand. Überall lauern Warnungen vor ungesundem, illegalem, politisch unkorrektem Verhalten - auf der Käsepackung, der Zigarettenschachtel, der CD-Hülle. Nun pöbeln die Unterdrückten zurück. Jimmy Kimmel, Gastgeber der politisch nicht besonders korrekten Sendung »The Man Show« im US-Kabelsender Comedy Central, prostet seinen Zuschauern mit einem Bier zu und empfiehlt: »Schauen Sie mehr Fernsehen und essen Sie mehr Schweinefleisch - Sie werden es nicht bereuen!«

Vom Gesundheits-, Hygiene- und Jugendwahn gebeutelt, nimmt das Publikum diese Botschaft dankbar an. Ausgeleierte Jogginghosen, Bier, Zigaretten und Sexfilme sind nicht länger Teufelszeug, sondern plötzlich äußerst modern. In der populären Talkrunde »The X Show« schwafeln drei Bier trinkende Sportfans über Football, Titten und Hamburger - und die Zuschauer sind begeistert.

An jedem Wochenende gibt es bei FX Networks der Fox-Entertainment-Gruppe ein »Macho Macho Movie« zu sehen, »garantiert ohne einen Helden, der das Kind in sich entdeckt oder seine Gefühle sucht«. Stattdessen verspricht der Sender »Testosteron pur«. Geboten sind die dreckigsten, brutalsten und sexistischsten Filme, die noch im Fernsehen sendbar sind - »tough movies for tough guys«, wie es in einer Programmankündigung heißt.

Schlechte Zeiten für glotzende Weicheier, die Machos kommen: Das amerikanische Fernsehen entdeckt gerade den gemeinen Mann als Zielgruppe. Die großen amerikanischen Networks Fox, NBC, CBS, ABC und UPN wollen mit dieser Marktoffensive eine verlorene Gemeinde zurückgewinnen, die lange vernachlässigt wurde: junge, unverheiratete Männer. Denn die Nachwuchs-Machos haben in der vergangenen Zeit lieber den PC als den Fernseher eingeschaltet.

»Das Internet hat uns einen Großteil der 24- bis 49-Jährigen weggenommen«, beklagt Peter Ligouri, Präsident des Kabelsenders FX Networks. Action-Computerspiele liefen dem Fernsehen den Rang ab, weil sie schneller, lauter, bunter sind. Denn die Sehvorlieben der Männer lassen sich so beschreiben: Hauptsache, es knallt und rumst.

Nun wollen die Programmplaner die wirtschaftlich attraktiven Zuschauer zurückerobern, indem sie es ordentlich krachen lassen. Für die Fernsehindustrie sind junge männliche Singles das ideale Publikum, denn sie haben Geld, Zeit und ständig Lust auf platte Unterhaltungsangebote.

Auch im deutschen Sendebetrieb sind deutliche Anzeichen eines wiedererstarkten Macho-Gebarens auszumachen. Karl Dall agiert in seiner RTL-Show offenbar nach dem Motto: Jede Zote bringt mehr Quote. Und zu Harald Schmidts Repertoire gehört längst der gepflegte frauenfeindliche Witz. Sendungen der Kategorie Pfui-TV häufen sich, »Peep!« (RTL 2) und andere Magazin-Ausflüge ins Reich erotischer Bizarrerien bringen selbst bei Wiederholungen noch akzeptable Marktanteile.

Die Männer-Disziplinen Formel 1 und Fußball rangieren weit vor eigenproduzierten TV-Movies mit romantischer Handlung. Die Produktionsfirma Team Entertainment hat sich vorsorglich den Titel »Macho TV« schützen lassen.

Selbst absolut bizarre Männlichkeitsrituale stoßen noch auf Interesse - wie etwa die Show »Austrian Giants« (DSF), bei der wütende Muskelmänner Telefonbücher zerreißen, Bierfässer werfen und Lastwagen an Stahlketten über Baumarkt-Parkplätze ziehen.

»Piranha-TV«, ein Internet-TV-Anbieter aus der Schweiz, verspricht »wahres Fernsehen ohne Rücksicht auf Hirnies«; zu sehen gibt es unter anderem »biceps - Das Männermagazin (''heute: Hausbesuch bei Macho 2000'')«, einen HipHop- und einen Paragliding-Film.

Blüht das Testosteron-TV auf, weil der Mann in einer gesellschaftlichen Krise steckt? »Sie lernen Berufe ohne Zukunft, als Väter fallen sie aus, und anstatt sich als Arbeitslose sozial nützlich zu machen, werden sie kriminell«, schrieb gerade »Die Woche« über die Nöte der »von Frauen domestizierten Männer«; Männer erniedrigende Bücher über den »Niedergang des Mannes« oder den »Ursprung männlicher Gewalt« erobern den Markt.

Das negative Bild des Mannes in den Medien, so stellten Forscher fest, führe zum Verlust des Selbstwertgefühls beim ehemals starken Geschlecht (siehe auch Seite 204). Genau an diesem Punkt setzen die fast ausschließlich männlichen Senderchefs bei ihrer Programmoffensive an. Die verunsicherten Machos bekommen ihre liebsten Spielzeuge - Frauen, Fußball, Formel 1 - zurück, damit sie wieder zufrieden sind. Die Message des modernen Männer-Fernsehens heißt: Wir sind wieder wer!

Aber wer genau? Ist der neue Fernsehheld ein Superman oder ein bekennender Schlaffi? Die Helden der Macho-Sendungen sehen nicht alle aus wie Muskelmann Arnold Schwarzenegger. Fest steht nur, dass die TV-Machos bewusst das Gegenteil von dem verkörpern, was Frauen sich unter einem zivilisierten Mann vorstellen. Also saufen, grölen, grabbeln und prügeln sie. In den USA eroberte diese Anti- »PC«-Bewegung schnell und brutal neues Sende-Terrain.

Innerhalb eines Jahres stieg der Gewaltanteil im amerikanischen Fernsehprogramm um 75 Prozent, wie einer vom Parents Television Council (PTC) unlängst veröffentlichten Studie zu entnehmen war. Sexfilme, in den USA früher nur bei Pay-TV-Kanälen wie HBO im Programm, sind mittlerweile regelmäßig bei den großen Kabelsendern zu sehen.

Der Erotikgehalt während der Hauptsendezeit ist laut PTC um 77 Prozent gestiegen. Wobei die Definition von »Erotik« in Amerika immer noch etwas spießiger

ausfällt als in Europa. Wenn sich bei »Ally McBeal« zwei Frauen innig küssen, erregt das in den USA Aufsehen - in der »Lindenstraße« und im »Marienhof« dagegen gehören Lesben seit Jahren zum Personal.

Sender wie FX Networks haben den Testosteron-Trend kräftig angeschoben. FX-Networks-Präsident Peter Ligouri will die Macho-Welle als »neue Marktoffensive« in diesem Jahr gezielt ausbauen. Geplant sind unter anderem die Action-Serie »Son Of the Beach«, in der ein Bademeister namens Notch Johnson regelmäßig mit mehreren sexy Gehilfinnen am Strand von Malibu entlangschlendert.

Bei Konkurrent UPN gibt es die Serie »Shasta McNasty« mit Geschichten aus einer Männer-WG in Venice Beach. Fox will mit seiner Brutalo-Sport-Reihe an den Erfolg des Films »Fight Club« anknüpfen. In den »Toughman World Championship Series« dreschen Männer aufeinander ein. Ziel der Übung ist der Gewinn des Titels »Toughest Man Alive«.

Die Programmplaner verpassen dem Fernsehen einen Adrenalinstoß, nicht weil es Mode ist, sondern weil sich damit Geld verdienen lässt. Prügeleien, Pöbeleien und Primitivsex wirken wie Aufputschmittel auf die Einschaltquoten. Und im Umfeld der Macho-Sendungen kann prima für alles geworben werden, was Männern Spaß macht und viel Geld bringt - Autos, Stereoanlagen, Bier und Bohrmaschinen.

Die Werbeindustrie ist begeistert, denn sie kann mit primitiven, sexistischen Spots wieder jede Menge Produkte verkaufen, ohne antiquiert zu wirken. Die Macho-Masche hat bereits Spots der Branchengrößen erreicht. In einem Werbeclip für »Bud Light« lassen Biertrinker eine hübsche Blondine an der Bar sitzen, um sich lieber genüsslich einem kühlen Blonden zu widmen.

Eine der witzigeren Erscheinungsformen der Macho-Welle, »The Man Show« auf Comedy Central, entstand nicht aus einer Marketing-Idee heraus, sondern aus Trotz. Jimmy Kimmel, Moderator der mit einem Emmy ausgezeichneten Comedy-Show »Win Ben Stein''s Money«, sollte nach Ansicht seines Senders ernsthaft »versuchen, mehr Frauen zu gewinnen«. Aber anstatt eine Unterhaltungsshow speziell für Frauen zu entwerfen, machte er das Gegenteil. Er mobilisierte seinen alten Kumpel Adam Carolla, den er beim KROQ-Radio kennen gelernt hatte, und startete »The Man Show«.

Das erklärte Ziel der Sendung: die niedrigsten Instinkte der männlichen Zuschauer befriedigen. Es dreht sich alles um die zwei großen S: Saufen und Sex. Kimmel und Carolla sitzen auf einem hässlichen Ledersofa, trinken Bier und lassen eine halbe Stunde lang frauenfeindliche Witze ab. Zwischendurch hüpfen knapp bekleidete vollbusige Blondinen auf Trampolinen.

Kurze Ausschnitte aus Pornofilmen und Gastauftritte von Sexvideo-Sternchen sorgen für wahre Quoten-Erektionen. Die weiblichen Gäste der »Man Show« sucht Kimmel nach eigenen Angaben in einem »komplexen Auswahlprozess« aus, der »Vaseline und einen Kompass« einschließt.

Angeblich transportiert die Show eine »männliche Philosophie«. Kimmel und Carolla lassen aber höchstens Gemeinplätze ab und diskutieren über verschiedene Arten von Fürzen. Gerade durch den Verzicht auf Anstand und Moral kommt die Mischung aus Machismo, Dumpfbeuteltum und Zynismus außerordentlich gut an. Die Fan-Site im Internet ist ständig gut besucht von den ausschließlich männlichen Anhängern der »Man Show«. Der Sender Comedy Central bestellte gerade 26 neue Folgen bei Kimmel & Co.

Die Kritik an dem Mann-Wahn hält sich noch in Grenzen. In einer Online-Diskussion über »The Man Show« erntete Moderator Kimmel vor allem Lob und nur eine ernsthafte Frage zur Verwendung von Porno-Clips in seiner Sendung: »Wie fühlen Sie sich, wenn Sie die heutige Jugend verderben?« Kimmels Antwort: »Es ist schwer, Pornos auszuleihen.«

Die Botschaft der »Man Show«, dass viele Männer an billigem Genuss interessiert und triebgesteuert sind, deckt sich durchaus mit der Ansicht feministischer Kritikerinnen. Neu ist nur, dass immer mehr Männer mit dieser Botschaft wunderbar klarzukommen scheinen. TITUS ARNU

* Mit Roberto Blanco, Stefan Raab und Assistentinnen.

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