AUKTIONEN Teurer Benjamin
Auch wenn die 28 eng bekritzelten Blätter nicht edel aussehen, für Experten sind sie ein kleines Heiligtum: Auf ihnen entwarf der legendäre Kulturphilosoph Walter Benjamin in den dreißiger Jahren eine Frühversion seiner Erinnerungen »Berliner Kindheit um Neunzehnhundert«. Aus dem Besitz von Benjamins Sohn Stefan ging das Manuskript durch Schenkung an den Kinderbuchforscher Klaus Doderer und seine Frau. Diesen Donnerstag nun lässt Doderer, 77, die Reliquie vom Hamburger Auktionator Hauswedell & Nolte versteigern: mit geschätzten 18 000 Euro ein Clou zum 75. Jubiläum der Firma. Zwar kam aus Frankfurt am Main, wo das Adorno-Archiv große Teile von Benjamins Nachlass hütet, eine Anfrage, ob es mit den Besitzverhältnissen »so ist, wie es ist« (Doderer) - Archivar Henri Lonitz sieht die Auktion gar als Anzeichen der »allgemeinen Verarmung des Mittelstandes«. Auf die Blätter freut er sich dennoch: Nach seiner Kenntnis will der Mäzen Jan Philipp Reemtsma, dessen Kulturstiftung auch das Adorno-Archiv trägt, sie kaufen. Reemtsma selbst gibt über seine Pläne keine Auskunft. Bleibt den Archivaren nur zu hoffen, dass kein reicherer Benjamin-Fan mehr bietet.