RAUMFAHRT Teures Pflaster
Der Weg nach oben«, sagte einen Tag vor dem geplanten Start der »Europa 2« der Münchner Raumfahrtingenieur Julius Henrici, »ist bei Raketen stets mit Mißerfolgen gepflastert gewesen.«
Würde Radio Eriwan gefragt, ob die Äußerung zutreffe, könnte die Antwort lauten: Im« Prinzip ja, aber nur für europäische Raketen. und nur, wenn man mit »oben« die Tiefen des Atlantik meint.
Dort versank am Freitag letzter Woche, knapp 500 Kilometer vom Startplatz Kourou in Französisch-Guayana entfernt, das vierstufige Renommier-Stück der europäischen Raumfahrttechnik. Die zweite Stufe der Europa-2-Rakete, gebaut von den Franzosen, hatte sich von der ersten Stufe (Lieferland: Großbritannien) nicht gelöst.
Insgesamt elfmal seit 1964 haben Europas Raumfahrtteams Trägerraketen zum Testflug auf die Startrampen gestellt -- und kein einziges Mal konnten sie einen einwandfreien Start und Flug verzeichnen.
Eine solche Versagerserie, wäre sie den Amerikanern oder den Sowjets je unterlaufen, hätte dort mutmaßlich längst zur Einstellung des betroffenen Programms geführt. Zum Vergleich: Die von Wernher von Braun konzipierte Baureihe der »Saturn I«- und »Saturn V«-Raketen -- weit größer, schubstärker und technisch komplizierter als die europäischen Modelle -- hatte bei bislang 25 Starts nicht einen einzigen Fehlschlag.
Mehr als zehn Milliarden Mark haben die Europäer innerhalb eines Jahrzehnts für ihren Traum aufgewendet, dritter Partner im All zu sein.
Doch außer einigen Mini-Satelliten für Forschung (die meist noch von amerikanischen Raketen ins All gehoben wurden) ist dabei nichts Vorzeigbares herausgekommen. Mit nahezu zwei Milliarden Mark hat sich die Bundesrepublik, als Fünftel-Partner, an diesem Weltraum-Verlustgeschäft beteiligt.
Europas Trägerrakete, kabelte nach dem Fehlstart letzten Freitag der dpa-Korrespondent aus Kourou, sei »vom Pech verfolgt«. Doch als zufälliges Mißgeschick läßt sich der unrühmliche Sturz ins Meer kaum mehr verbuchen. Europas Raumfahrtprogramm kränkelte schon von Anbeginn, so auch mit der vierstufigen Trägerrakete. die
* gerade etwa soviel Schub liefert wie die in den späten fünfziger Jahren entwickelten amerikanischen Raketen vom Typ Thor-Delta;
* sechs Jahre später (und auch dann noch erfolglos) auf die Startrampe gestellt wurde als ursprünglich vorgesehen;
* statt ursprünglich geplanter 200 Millionen nun 800 Millionen Dollar an Entwicklungs- und Baukosten verschlungen hat. Zudem schrumpfte die Nutzlast des Raumträgers auf ein Drittel der anfangs angestrebten Größenordnung.
Jahrelang sind die Bonner Raumfahrt-Milliarden als Zuschuß zu einem »Lernprogramm« gerechtfertigt worden, das den internationalen Standard europäischer Ingenieure gewährleisten sollte. Aber wie relativ wenig etwa westdeutsche Techniker von diesem Lernprogramm profitiert haben, verdeutlicht ein Beispiel: Als vor zwei Jahren Angebote für den Bau moderner Nachrichtensatelliten vom Typ Intelsat eingeholt wurden, konnten die Deutschen mit nicht viel mehr als einigen Sonnenzellen aufwarten; und auch die waren noch um knapp 50 Prozent teurer als vergleichbare Angebote amerikanischer Firmen.
So nimmt kaum wunder, daß ein wirtschaftlicher Nutzen aus der Raumfahrttechnik, wie ihn die Amerikaner etwa mit ihren Nachrichtensatelliten längst erzielen, für die Europäer bislang nicht in Sicht ist.
9000 Telephongespräche oder 12 Fernsehprogramme gleichzeitig können amerikanische Nachrichtensatelliten vom Typ Intelsat IV übermitteln, je TV-Sendeminute zu einem Mietpreis von 253 bis 911 Mark. Jahresgewinn der Intelsat-Betriebsgesellschaft »Comsat« 1970: rund 17,5 Millionen Dollar.
Demgegenüber sind die Europäer bei der Entwicklung von Fernmeldesatelliten noch im Stadium der Labortests. Frühestens 1973 soll der deutsch-französische Gemeinschaftssatellit »Symphonie« (geschätzte Entwicklungs- und Startkosten für die Bundesrepublik: rund 230 Millionen Mark) in Betrieb genommen werden. Seine Leistungsfähigkeit: etwa ein Oreißigstel des schon gewinnbringenden Intelsat IV.
Für einen Europa-Satelliten mit der Leistung von Intelsat IV müßte zuvor eine schubstärkere Rakete entwickelt werden, die »Europa 3«. Doch der früheste Starttermin wäre, hoffnungsfroh geschätzt, das Jahr 1979, und die Entwicklung dieser Trägerrakete würde noch einmal mindestens zwei Milliarden Mark verschlingen. Zudem wäre es wieder nur ein mühsames Nachvollziehen technischer Entwicklungsschritte, die Sowjets und Amerikaner schon längst hinter sich gebracht haben.
Nach dem Fehlstart vom Freitag letzter Woche müßten sich Politiker in Bonn wie in Paris und Brüssel (die anderen Europa-Nationen sind schon ausgeschieden) wohl die Frage stellen, ob die Etats für europäische Raumraketen unvermindert beibehalten werden sollen.
Bislang hat die Lobby der Raumfahrtfirmen mit der Behauptung argumentiert, die Amerikaner seien unter keinen Umständen gewillt, Europa mit Tragerraketen für Nachrichtensatelliten zu beliefern.
In Wahrheit aber haben die zuständigen europäischen Raumfahrt-Organisationen jahrelang versäumt oder unterlassen, offiziell wegen solcher amerikanischen Zulieferungen bei der Nasa anzufragen. Erst im vergangenen Jahr schickten sie einen Emissar, den belgischen Wissenschaftsminister Theo Lefèvre, nach Washington.
Letzte Woche wurde bekannt, daß der Belgier eine positive Antwort aus den USA erhalten hat. Die Amerikaner wollen jede gewünschte Art von Trägerraketen an Europa liefern -- zwar nicht für Konkurrenzsatelliten zum weltumspannenden Intelsat-System, wohl aber für regionale Nachrichtenübermittlung zwischen Nordkap und Südafrika.
Allerdings wiederholten die Amerikaner dabei auch den Vorschlag, Europa möge sich finanziell und mit technischem Know-how am Bau der amerikanischen Raumfähre beteiligen. Dann freilich müßte die teure Entwicklung der »Europa 3«-Rakete wohl gestoppt werden.