Text ist Blutwurst - DER SPIEGEL
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THEATER Text ist Blutwurst

• aus DER SPIEGEL 1/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Theaterstücke schreiben als poetische Feinarbeit, das war einmal. Der Gewinner des renommiertesten deutschen Dramatikerpreises beim Autoren-Wettkampf in Mülheim an der Ruhr hieß in diesem Jahr René Pollesch - der aber ist eigentlich Regisseur und betreibt die Schreibarbeit als Textverwurstungshandwerk. Unter Titeln wie »World Wide Web-Slums« oder »Smarthouse (1 + 2)« notiert der 39-Jährige immer wieder Satzfetzen, die ihm aus Internet, Fantasy-Literatur und Politik so ins Hirn schwirrten ("Was passiert mit der Sexualität in den Zeiten des E-Kommerzes?« zum Beispiel) - und dann lässt er, in Hamburg, Luzern oder Stuttgart, eine Hand voll gut gelaunter Schauspieler mit diesen Texten Brüllpartys veranstalten. Diese Klamauk-Orgien aus Western-Nostalgie, netten Popsongs und Science-Fiction sind immer wirr und sehr fidel, und sie machten Pollesch, der neuerdings die »Prater«-Bühne in Berlin leitet, zum Trash-Triumphator des Theaterjahrs 2001. Vermutlich ist der Pollesch-Rausch aber im neuen Jahr schon wieder vorbei - dann dürfen die Zuschauer wieder den Sätzen ernsthafter junger Theaterpoeten wie Albert Ostermaier oder Roland Schimmelpfennig lauschen.

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