Theater: In Shakespeares Frauenzwinger
Wenn Shakespeare ein »Programm«-Dichter gewesen wäre, der seinen Zuschauern goldene Worte ins häusliche Stammbuch geschrieben hätte, dann ließe sich die Abrichtungs-Komödie »Der Widerspenstigen Zähmung« heute nur als ein böser Witz, in voller Kollision mit dem Zeitgeist inszenieren.
Wenn Shakespeare mit seinen Stücken goldene Lebensregeln geschmiedet hätte, dann hieße »Othello": »Heirate keinen Ausländer!«, »Hamlet": »Was du heute kannst besorgen ...«, »Macbeth": »Hör nicht auf den Ehrgeiz deiner Frau«, »Romeo und Julia": »Heirate nicht zu früh!« - und »Der Widerspenstigen Zähmung": »Sei deinem Manne untertan, er ist dein Herr und König!«. Alle Sprichwörter, daß es nichts Schlimmeres gäbe als ein widerborstiges Weib, gar mit Haaren auf den Zähnen und mit lockerer Hand, bekämen dann öffentlich Lacher - wie heute sonst nur noch am muffigsten Stammtisch, wenn die Späthocker über das Nudelholz oder die Bratpfanne witzeln.
Peter Zadek also, dessen Shakespeare-Erkundungen zu den aufregenden Theaterexpeditionen der letzten Jahre zählen, hat diese unzeitgemäßeste aller Shakespeare-Komödien in Berlin inszeniert: Und als die »gezähmte« Käthe am Schluß die »Botschaft« des Stücks verkündete, gab es bei der Premiere Gelächter, Pfiffe, Unruhe im Zuschauerraum.
Aber da Shakespeare keine Lebensprogramme verfaßt hat, sondern in den Komödien mit Verwechslungen, Vertauschungen, Verwandlungen ein einmaliges Experimentierfeld, eine fortgesetzte Versuchsanordnung für menschliches Verhalten, ist auch die »Widerspenstige« in erster Linie Theater-Physik, Bühnen-Chemie, ein Kapitel aus Shakespeares Anthropologie seines Zeitalters.
Die Heldin, ältere Tochter eines begüterten Kaufmanns in Padua, ist offenbar intellektuell viel weiter als ihre ergeben nach allen Seiten knicksenden, den Blick senkenden und sich blind erst väterlichem, dann ehemännlichem Willen fügenden Schwestern.
Sie riskiert Widerspruch, spielt nicht die sanfte Taube, leidet wohl auch darunter, daß sie deshalb in der Liebe ihres Vaters zurückgesetzt wird gegenüber ihrer jüngeren Schwester, die auch tut, was sie will, nur unter der koketten Maske der Ergebenheit.
Natürlich ist ein solches Mädchen schwer verkäufliche Ware, nur mit Mühe an den Mann und unter die Haube zu bringen. Da die Shakespeare-Zeit eine andere Bestimmung nicht kannte (Hure oder Komische Alte mal ausgenommen), muß diese Katharina für die männliche Weltordnung zurechtgebogen werden.
Von diesem Biegen auf Brechen handelt das Stück, und es wird einem mitten in der Komödie schon angst und bang, wenn man sieht, wie total eine Frau ihrem Mann (damals) ausgeliefert war: Petruchio, der rabaukigste aller Shakespeare-Helden, »arbeitet« mit Hunger und Folter, hält seine Frau schlaflos, zerstört ihr Schamgefühl, führt sie öffentlich als seine Äffin vor.
Zadek, dessen Qualität es unter anderen ist, daß er sich auf Shakespeare-Stücke neugierig, vorurteilsfrei, unbekümmert einläßt wie ein Reisender ohne feste Reiseroute auf ein unbekanntes Land, hat sich diesmal doch zwei erstaunlich starre Präambeln für den Zugang zur »Widerspensigen« gesetzt.
Einmal, indem er das unbeholfene Vorspiel (eine Art hölzerner »Sommernachtstraum«-Variante) mitinszenierte: Die Komödie wird einem Saufkopf und Kesselflicker vorgespielt, dem man einredet, er sei Graf und habe jahrelang nur verrückt geträumt.
Zadek machte daraus ein bald hübsches, bald nervendes Singspiel mit Bauern- und Laientheater-Rüpeleien; Anspielungen auf die tristeste deutsche Theaterprovinz und auf die plumpen Maskeraden von Stegreifspielern, die sich Schnurrbärte aufkleben oder Bäuche vorbinden.
Zadek schrieb sich damit die Stilmittel der Komödie vor, die er in Anführungszeichen setzte: Seht her, mit so groben Mitteln können feine Schauspieler Volkstheater zitieren, wieder herstellen.
Das war schön und gut und zeigte (wieder einmal), wie geschickt es Zadek versteht, das zeitgenössische Theater vor seiner Übertrechnik zu bewahren. Theater ist Schweiß, ist zerlaufende Schminke, sind verrutschende Perücken und wackelnde Kulissen.
Aber, da die Aufführung in der Freien Volksbühne mit Ausnahme von vier bis fünf Rollen absolut unzureichend besetzt war, entstand die lärmende Mühsal und chaotische Pein, die immer dann entsteht, wenn schlechte Schauspieler herablassend so tun müssen, als seien sie gute Schauspieler, die schlechte Schauspieler spielen.
Die zweite Einengung ist das Bühnenbild, das der phantasievolle und wundersame Ost-Berliner Bühnenbildner Horst Sagert (Benno Bessons kongenialer Partner bei den schönen Aufführungen am Deutschen Theater der sechziger Jahre) ihm aus tausend bunten Fetzen zusammengeschnitten hatte. Sagerts Bühnenbild, das für diese Frauenzwinger-Welt ein orientalisches Märchenbuch-Pendant fand, ist wunderschön und Shakespeare-nah in seiner sperrigen Hauchzartheit: Der Orient entspricht dem Frauenbild der Stückzeit, das Märchenhafte aus duftzarten Palmen, schäbig-bezaubernden Fabelpferden und mit seinen in jedem Lufthauch zitternden Stofftürmchen und -häusern entspricht dem Komödiengeist, dem Stoff, aus dem die Träume sind.
Trotzdem, gegen die Inszenierung Zadeks, der ja Shakespeare auch schon ganz ohne gebaute Bühne, nur zwischen Rumpelkammer-Requisiten und Theater-Sperrmüll aufgeführt hat, setzte sich dieses Bühnenbild zur Wehr. Es entstand Reibung und Widerstand statt Ergänzung und Einheit.
So sah man über weite Strecken der langen Aufführung Zadeks Absichten und Sagerts Scherenschnitt-Träume übereinander stolpern. Slapstick-Nummern, die sich lärmend in sich selbst erschöpften, Schauspieler, deren Radebrechereien im Dialekt nicht Herr-Knecht-Vertauschungen deutlich machten, sondern nur schlechtes Sprechen, Kostümierungen, die lustig waren, aber dem Witz des Stücks widersprachen.
Wenn also Petruchios Diener aus genug guten Gründen im Hause seines Herrn einen Weiberrock anzieht (er ist männliches und weibliches Dienstpersonal in einem), wenn die männlichen Dandys in Padua Frauenschuhe tragen, dann kann es nicht mehr so komisch sein, daß später die total dressierte Käthe einen Greis als Dame anreden muß, weil es ihr Eheherr und Meister so will.
Daß in der Inszenierung dennoch ein freies und abenteuerliches Erproben shakespearescher Menschen, ihrer Beziehungen stattfand, ist einigen wenigen Schauspielern (Dietrich Mattausch etwa), vor allem aber drei Protagonisten zu danken.
Heinz Schubert spielte den Vater der beiden Töchter mit einem irritierenden Schwanken zwischen mühsam aufrechterhaltener, dauernd komisch bedrohter Autorität und der nahezu erotischen Besetzung seiner Tochterbindung, und er war auch der wasserköpfige gnomhaft-böse Diener seines Herrn Petruchio.
Da gibt es eine Szene, in der er Katharina im Sinne seines Herrn quält, indem er der Hungernden Mahlzeiten ausmalt, verspricht und dann verweigert.
Was da Schubert an sadistischen Mechanismen, an Gutmütigkeit, die in Grausamkeit umschlägt, an ergaunerter Herrenwürde und verstohlener Dienerrache spielt, das macht einsichtig, wie vergnüglich das Theater etwas vom Menschen lehrt und vermittelt.
Das Paar, dessen Spannungen Zadek freisetzte, wird gespielt von Eva Mattes und Ulrich Wildgruber - eine Neuauflage der Hamburger Schlacht zwischen Othello und Desdemona, bei der der abfärbende Mohr ihre blutverschmierte Leiche über eine Wäscheleine hängte und nicht zuletzt dadurch einen Theaterskandal provozierte.
Wildgruber war lange nicht in einer so nervös-ergiebigen Laune zu sehen: ein Schauspieler, in dessen Körper- und Mienenspiel es immer wieder zuckt und aufbegehrt; Wildgruber, dessen Kraft und Spielwitz die Rolle immer wieder aufbricht, um sie zu erfüllen.
Seinem Petruchio fällt es schwer, den Folterer zu spielen, er »zeigt« es seiner Frau auch mit dem heimlichen Hinweis, daß sich dieses Spiel, sobald das gewünschte konventionelle Verhalten erreicht ist, abbrechen läßt.
Eva Mattes' Wiederkehr zum Theater nach langer Zeit als Katharina ist von einer solchen Kraft, daß sie den Akt der Persönlichkeitsvernichtung gleichzeitig spielen und widerlegen kann. In diesem Käthchen ist nichts von der psychischen Verklemmung der Jungfrau, die aus Angst und Scham kratzbürstig ist - rauhe Schale, süßer Kern.
Diese landläufige Deutung gibt Eva Mattes ganz zugunsten der spöttischen Klugheit einer Frau auf, die nur eines »lernt": daß man in der Welt der Stärkeren die Schwächere spielen muß. Sie sieht im männlichen Kraftgehabe die Schwäche.
Ihre »Ergebenheitsadresse« am Schluß ist ein Meisterwerk souveräner Doppelzüngigkeit. Sklavensprache hätte das Brecht genannt.