Tödliches Spiel - DER SPIEGEL
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KINO Tödliches Spiel

Hollywood war dem Leben voraus: In den Filmen »Phone Booth« und »The Hunted« gehen Scharfschützen auf Menschenjagd - die Kinostarts wurden verschoben.
• aus DER SPIEGEL 44/2002
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Der General ist besessen von der Jagd. »Ich suche nach dem perfekten Beutetier«, sagt er. »Es muss über Mut, List, vor allem aber über eines verfügen: Verstand.« - »Verstand?«, fragt sein Gegenüber. »Es gibt kein Tier, das Verstand besitzt.« - »Doch«, erwidert der General, »eines gibt es schon.«

General Zaroff, der auf Menschen Jagd macht, ist eine der beiden Hauptfiguren von Richard Connells 1924 veröffentlichter Kurzgeschichte »The Most Dangerous Game«. In den letzten Wochen gewann die überaus populäre, schon neunmal verfilmte Story des 1949 verstorbenen Autors jäh bittere Aktualität: Die schillernde Beschreibung der Machtgefühle, die Zaroff empfindet, wenn er sich zum Herrn über Leben und Tod aufspielt, könnte auch einen Schlüssel zu den Motiven des mutmaßlichen Washingtoner »Snipers« geben.

Als einen »serial loser« bezeichnet die »Washington Post« den am vergangenen Donnerstag zusammen mit seinem 17-jährigen Ziehsohn verhafteten Hauptverdächtigen John Allen Muhammad. Ein mittelmäßiger Soldat, beruflich erfolglos, privat gescheitert (ein Gericht untersagte ihm, seine eigenen Kinder zu sehen) - ein Verlierer, der aus Frustration und Wut zur Waffe griff, anfing, Gott zu spielen, und Menschen abknallte wie Tiere.

Der Zufall, den der Sniper bei seinen Morden zum blutigen Prinzip erhob, will es, dass der neueste von Connells Stoff inspirierte Film gerade fertig geworden ist und ursprünglich in diesem Herbst anlaufen sollte: In »The Hunted« spielt Benicio Del Toro einen Killer, der erst in den Wäldern von Oregon Jagd auf Jäger macht und dann seinen Verfolger, einen von Tommy Lee Jones gespielten FBI-Agenten, in der Innenstadt von Portland ins Visier nimmt.

Doch »The Hunted« wird nun erst einmal ebenso wenig anlaufen wie der Thriller »Phone Booth«, in dem ein Presseagent (Colin Farrell) in einer Telefonzelle mitten in Manhattan von einem Scharfschützen ins Visier genommen wird. Ein psychopathischer Killer (Kiefer Sutherland) hält den wehrlosen Helden bis zum Ende des Films in Schach.

»The Hunted« wird voraussichtlich erst Ende Februar in die amerikanischen Kinos kommen, der Starttermin von »Phone Booth« wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Allein »Interview with an Assassin« über einen Ex-Marine, der behauptet, John F. Kennedy erschossen zu haben, soll Mitte November starten - allerdings zunächst mit einer geringen Kopienzahl.

Diese kleine Welle von Sniper-Filmen, die im amerikanischen Kino ihresgleichen sucht, überrascht, denn der Scharfschütze war Hollywood stets suspekt. Dass er aus dem Hinterhalt agiert, lässt ihn selbst dann, wenn er tötet, um Leben zu retten (wie der Präzisionsschütze bei der Polizei), zwielichtig erscheinen. So wurde er auf der Leinwand meist als Aggressor porträtiert, der besonders furchteinflößend ist, weil er völlig unvermittelt zuschlägt - wie in Hollywoods neuen Sniper-Thrillern.

Vor dem Hintergrund der Verhaftung Muhammads, der sein Handwerk beim Militär lernte und im Golfkrieg kämpfte, wirkt der Film »The Hunted« geradezu prophetisch: Er gibt seinem Protagonisten eine Vergangenheit im Balkan-Krieg. »Meine Figur«, erzählt Hauptdarsteller Del Toro, »ist ein Soldat, der aus Serbien und Kroatien heimkehrt. Dort hat er Massaker erlebt, die ihn verändert haben.«

Doch man muss nicht unbedingt im Krieg gewesen sein, um in den USA zum Waffennarren zu werden und von perfekten Schüssen zu träumen. Das zeigt der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore in seinem neuem Werk »Bowling for Columbine« (deutscher Start: 21. November), das die Hintergründe des Massakers von Littleton beleuchtet und mit scharfem Humor eine hochgerüstete Gesellschaft attackiert - ohne freilich klären zu können und zu wollen, was einen Schützen dazu bringt, den Lauf seines Gewehrs auf einen Menschen zu richten.

Wer auf Tiere schießt, schießt auch auf Menschen - ist es so einfach, wie es Connell in seiner Kurzgeschichte beschreibt? Der Serienmörder Thomas Lee Dillon jedenfalls, der zwischen 1989 und 1993 in Ohio auf Menschen Jagd machte und von der Polizei als der »Outdoorsman Sniper« gejagt wurde, hatte zunächst auf streunende Tiere geschossen und dann den Hund seines Nachbarn getötet. Doch irgendwann reichte der Thrill nicht mehr aus.

Zu den fünf Menschen, die Dillon erschoss, zählten auch Jäger. Wie bei General Zaroff in Connells Geschichte und Benicio Del Toro in »The Hunted« kehrt sich das Verhältnis von Jäger und Gejagtem auch in Wirklichkeit manchmal um. »Einen Tiger zu jagen«, sagt General Zaroff, »hat mich eine Zeit lang fasziniert. Doch nun kann mir keines dieser Tiere mehr gefährlich werden. Und ich lebe für die Gefahr.«

Von den wehrlosen Menschen, auf die im Großraum Washington geschossen wurde, ging für den oder die Täter keinerlei Gefahr aus. So musste ein anderer Gegner her: die Polizei. Es war ein tödliches Spiel: Hieß es im Fernsehen, der Sniper schieße nicht am Wochenende, wurde dies sofort widerlegt. Doch am Ende zeigte sich einmal mehr: Ein Jäger, der zwanghaft nach einem stärkeren Gegner sucht, findet ihn auch. LARS-OLAV BEIER

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