Töhötöm - DER SPIEGEL
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Artikel 36 / 60

UNGARN Töhötöm

• aus DER SPIEGEL 18/1960
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Ohne das übliche Premierenzeremoniell, ohne die großflächigen Zeitungsanzeigen und den obligaten Pressetee lief kürzlich in einem kleinen Münchner Kino ein normalformatiger Schwarzweiß-Film an, der von den Kritikern mit ungewöhnlichem Applaus quittiert wurde. »Es gibt Montagen, Einstellungen und Kamerafahrten«, entzückte sich der Münchner Rezensent Karsten Peters, »die ... in die Geschichte der Filmkunst eingehen werden.«

Die Hamburger- »Welt« zählte den Film gar zu den Kinostücken, »die plötzlich da sind und durch ihre Meisterschaft verblüffen«. Ebenso beeindruckt zeigte sich der Kritiker der »Süddeutschen Zeitung«, der »den künstlerischen Einfallsreichtum«, den »formalen Glanz« und vor allem die »unverbrauchte, von westlicher Konfektion weit entfernte Ursprünglichkeit« des Films rühmte.

Der Hinweis auf die »westliche Konfektion« war nicht nur eine Floskel: Der Film - Titel: »Professor Hannibal« stammt aus Ungarn. Er war 1956, knapp vier Wochen vor Beginn des Aufstands, in Budapest uraufgeführt worden, und die Premiere wurde in der ungarischen Hauptstadt allgemein als eine, wenn auch getarnte Demonstration wider die Diktatur gewertet. Denn »Professor Hannibal« verficht, unter der durchschaubaren Mimikry einer historischen Episode aus den dreißiger Jahren, die Unantastbarkeit des Individuums und das Recht auf persönliche Meinung.

Der Film ist ein Produkt der sogenannten Tauwetterperiode zwischen 1953 und 1956, in der sich junge ungarische Regisseure, fast unbehelligt von den Doktrinen der staatlichen Kunstpolitik, mit Stilproblemen und dem Studium klassischer Filmwerke befassen konnten. Ein Film dieser Ära erregte auf den Festspielen von Cannes 1956 Aufsehen: Zoltán Fabris »Karussell«. Auf dem Festival berichtete Regisseur Fabri schon von »Professor Hannibal«, seinem nächsten Projekt.

Nach einer Novelle von Ferenc Mora ("Der von den Toten auferstandene Hannibal") schildert er eine Episode aus der Zeit der faschistischen und nationalistischen Umtriebe des Horthy-Regimes, doch die Anspielungen auf das kommunistische Ungarn der fünfziger Jahre sind unverkennbar. An einem Budapester Vorstadt-Gymnasium unterrichtet der kleine, weltfremde Studienrat Bela Nyul (Nyul heißt Hase); sein Idol ist der thebanische Staatsmann und Feldherr Epaminondas, der die Spartaner 371 v. Chr. bei Leuktra besiegte und »der die Wahrheit so sehr liebte, daß er auch im Scherz nicht log«.

Nyul hat sich in seiner Freizeit historischen Studien über Hannibals Tod gewidmet und ist zu der Ansicht gelangt, daß der Feldherr nicht, wie allgemein berichtet, von eigener Hand gestorben, sondern in einer Revolution ums Leben gekommen ist.

Diese Erkenntnis, zunächst als wissenschaftliche Entdeckung ersten Ranges gefeiert, lenkt bald den Zorn der Nationalisten auf den Oberlehrer: Sie empfinden das Wort Revolution als ebenso »fäulniserregend« Wie seine These. Auf einer Massenkundgebung der nationalistischen »Töhötöm-Bewegung« hetzt ein Demagoge gegen »Bela Nyul und seinesgleichen«. Der Professor wird von der aufgeputschten Meute verfolgt, rettet sich ans Mikrophon und widerruft angsterfüllt seine These.

Wieder wird er gefeiert; als er aber vor dem frenetischen Jubel der Menge, die ihn zuvor hatte lynchen wollen, entsetzt zurückweicht, kippt er rücklings über eine Mauer und stürzt zu Tode. »Die Massenszenen am Schluß«, urteilte die »Welt«, »sind vom revolutionären Film der russischen Meister inspiriert.«

In vielen Einzelheiten hält Regisseur Fabri die Atmosphäre der Horthy-Zeit fest. Die Ideologie der »Töhötöm-Bewegung« (so benannt nach einem der zwölf Stammesfürsten, die im 9. Jahrhundert unter dem Großfürsten Arpád die Magyaren in die Pußta geführt haben sollen) erscheint als eine Mischung aus Katholizismus, Rassendünkel und Nationalismus. Den italienischen Faschisten fühlen sich die »Töhötöm«-Leute verbunden: »Ausgezeichnet, die Faschisten«, schnarrt ein Abgeordneter, »sie entwässern alle Sümpfe!«

Im Unterschied zu den kleinbürgerlichen Fanatikern des »Töhötöm« zeigt sich der Regierungsvertreter an ideologischen Fragen nicht interessiert. Er verlangt von Nyul nur das Geständnis, daß er »Kontakt mit Moskau« gehabt habe. Nyul gesteht, als Kriegsgefangener in Kiew gewesen zu sein (wo ihn freilich nur römische Pergamente interessierten, »die wahrscheinlich aus Alexandrien stammten"), und daraufhin befiehlt der Regierungsemissär, den Lehrer aus der Haft zu entlassen.

So genau Regisseur Fabri das Bild der Horthy-Zeit - und einer präfaschistischen Gesellschaft überhaupt - auch gezeichnet hat, so deutlich ist doch zugleich die aktuelle Parallele zum Rákosi -Ungarn. »Besonders die Übung des Widerrufs«, notierte die »Süddeutsche Zeitung«, »die der Faschismus ja nicht kannte, deutet spürbar darauf hin.«

Das Verhör des Professors durch den Regierungsbeamten folgt bis in einzelne Formulierungen den Protokollen der Budapester Schauprozesse. Ersetzt man »Kontakt mit Moskau« durch »Kontakt mit dem Vatikan« oder »Kontakt mit den emigrierten Grundbesitzern«, so ergibt sich die Formel der Mindszenty - und Rajk-Prozesse.

Auffällig ist auch, daß Regisseur Fabri auf die üblichen ideologischen Schlenker kommunistischer Filme verzichtete. So versäumte er beispielsweise, die obligate »proletarische Gegenkraft gegen den Faschismus« in Erscheinung treten zu lassen - was darauf schließen läßt, daß es ihm nicht etwa um den Konflikt zwischen »Reaktion und Fortschritt« ging, sondern um den zwischen Wahrheit und politischer Ideologie. Auch der Rezensent der Hamburger »Welt« hielt Fabris Code für leicht entschlüsselbar: Der Regisseur habe zeigen wollen, daß »die Wahrheit unteilbar sei«.

Die Behörden des kommunistischen Premiers János Kádár attestierten dem Film denn auch politische Bedeutung, indem sie ihn sogleich nach der Niederschlagung des Aufstandes von 1956 verboten. Freilich: Nachdem sich die politischen Verhältnisse in Ungarn wieder stabilisiert hatten, wurde »Professor Hannibal«, wenn auch ohne Begründung, neuerlich zur Vorführung freigegeben.

Was die ungarischen Kulturfunktionäre zu dieser Entscheidung veranlaßt hatte, blieb ungeklärt. Nach der Münchner Premiere von »Professor Hannibal« sinnierte der Filmkritiker Klaus Hebecker über die »ungemütliche Situation für die Hersteller solcher Filme im Osten«, die sich bei einer »Analyse faschistischer Parteiideologie« und der »Unterdrückung des Individuums zugunsten der Parteilinie« zwangsläufig auch gegen das eigene Regime wenden müßten. Meinte Hebecker: »Aber vermutlich werden derlei Gedankengänge, so sie drüben aufkommen, sofort wegbefohlen.«

Ungarischer Faschistenfilm »Professor Hannibal"*: Versteckte Kritik am Kommunismus?

* Links: Ernö Szabo als Studienrat Nyul.

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