SCHALLPLATTEN / NEU IN DEUTSCHLAND Tor an Bord
Vier Akte und fast vier Stunden lang dauerte bei der Uraufführung 1951 Brittens Seemanns-Oper nach der Erzählung des Amerikaners Herman Melville. Dann erst, nach viel orchestralem Meeresgewoge und heimwehkrankem Gesang vom Ausguck herab, war das Schicksal des »hübschen Matrosen«, der wegen falscher Anschuldigung einen Vorgesetzten erschlägt und dafür von seinem väterlich liebevollen Kapitän zum Tode verurteilt werden muß, besiegelt. Wen die Götter lieben ...
Das Opernpublikum hat. Brittens »Billy« nie sehr geliebt -- allzu schwer trägt das Melodram vom reinen Toren an symbolträchtigen Einlagen und langatmiger Zustandsschilderung.
Erst auf der Stereo-Bühne zeigt das Marine-Stück, vom Komponisten inzwischen auf zwei Akte komprimiert, den rechten Effekt. Aus konturenweichem Lyrismus ist ein oft drastisch belebtes Musikdrama geworden -- dank dem Aufnahmeleiter Culshaw:
Mit immer neu variierten Einsätzen der von Britten bevorzugten Blechbläser, mit hektischer Aktion und extremen Standortwechseln der handelnden Personen beweist er, daß ein Produktionschef mit Gespür und Phantasie sogar den Dirigenten an die Wand spielen kann -- auch wenn der Dirigent, wie hier, Britten heißt.