Tor auf - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 67 / 86

FERNSEHEN / DDR-FILM Tor auf

• aus DER SPIEGEL 7/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Ulbricht 1961 seinen Westwall mauerte, da faßten die Intendanten der westdeutschen Fernsehanstalten einen abendländischen Entschluß: Mit den Brüdern vorn Ost-»Deutschen Fernsehfunk« wollten sie fortan keine Geschäfte mehr machen.

Das ist, zum Glück, lange her. Seit zwei Jahren sind die unguten Vorsätze vergessen, nun kommen »Ulbrichts trojanische Fernsehpferde« -- so die »Deutsche National-Zeitung« -- ab und zu in die bundesrepublikanische Bürgerstube.

Der DDR-Film »Wolf unter Wölfen« nach Hans Fallada« 1968 vom ZDF in der BRD ausgestrahlt -- der Originalton wurde geändert --, machte den Anfang, und er wurde, laut Infratest und Infratam, so gern gesehen, daß sich die ARD nicht länger zurückhalten wollte:

Noch im selben Jahr brachte der Bayerische Rundfunk den Spielfilm »Der geteilte Himmel« nach dem Roman der DDR-Autorin Christa Wolf; der Südwestfunk zog nach mit einer Ost-Verfilmung des westdeutschen Ruhrkumpel-Romans »Irrlicht und Feuer« von Max von der Grün.

Nun hat auch der Hessische Rundfunk das Tor aufgemacht. An zwei Abenden (Sonntag, 15. Februar, 20.15 Uhr; Dienstag, 17. Februar, 21.00 Uhr) senden die Frankfurter den »Streit um den Sergeanten Grischa«. Sie hatten in diesem dreistündigen TV-Epos, das ihnen die West-Berliner Agentur »Intercinevision« für 100 000 Mark zum Kauf anbot -- westdeutsche Produktionen sind um ein Vielfaches teurer -, die »sehr werkgetreue Verfilmung eines großen deutschen Antikriegsromans« entdeckt. Arnold Zweig heißt sein Autor. Er ist in der Bundesrepublik wenig bekannt, in der DDR als großer realistischer Romancier hochgeschätzt.

Dabei ist der Kleinbürgersohn Zweig, 1887 im schlesischen Groß-Glogau geboren, 1968 nach vielen Ehrungen (Orden »Banner der Arbeit«, Vaterländischer Verdienstorden, DUR-Nationalpreis, Lenin-Friedenspreis) in Ost-Berlin gestorben, nie ein militanter Kommunist gewesen.

Er war Jude und Preuße, konservativ im Stil, liberal im Geist; er war, auch im palästinensischen Exil, ein deutscher Patriot und vor allem ein Pazifist. Sein »Grischa«, 1927 erschienen, Teil eines großangelegten (sieben Bände) und unvollendeten Weltkrieg-I-Zyklus, bringt Zweigs idealistisches Preußentum und seinen Pazifismus deutlich an den Tag. Und der DDR-Film, von Helmut Schiemann mit erstrangigen Schauspielern aufwendig in Szene gesetzt, Illustriert beides nicht minder deutlich.

Schiemann zeigt kriegsmüde Landser des Jahres 1917 und dünkelhafte deutsche Offiziere; er zeigt die mörderische Maschinerie des Militärs; aber er zeigt auch den General von Lychow, eine Figur à la Fontane, die mit preußischer Rechtschaffenheit für »göttliche Gerechtigkeit« kämpft -- für das Leben des russischen Soldaten Grischa Paprotkin.

Denn Grischa ist unschuldig. Er ist aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager geflohen, hat in den Wäldern bei Partisanen Asyl gefunden, wird von den Deutschen wiederaufgespürt und soll als vermeintlicher Spion hingerichtet werden: General Schieffenzahn -- gemeint ist Ludendorff -- will ein Exempel statuieren, Lychow hingegen will Grischa und damit Preußens Ehre retten. Doch er verliert den Streit um den Sergeanten: Grischa, der arme Kerl (eindringlich dargestellt vom Tschechen Josef Karlik), wird exekutiert,

So düster und elegisch endet Zweigs psychologischer Roman. Für seinen kunstvoll inszenierten Film hat sich Schiemann einen sozialistischen Schluß ausgedacht. »Die Revolution«, sagt ein Unteroffizier, »kommt auch in Deutschland, weil es sein muß.« Das allerdings klingt, bei aller Werktreue, gar nicht nach Zweig.

Der Film, vom SPIEGEL in Ost-Berlin besichtigt, soll, anders als »Wolf unter Wölfen«, nach Auskunft der ARD »unverändert gesendet« werden.

Zur Ausgabe
Artikel 67 / 86

Mehr lesen über