LITERATUR Touristen des Todes
Irgendwo im finsteren Schwarzwald hatten die drei jungen Finninnen alles zusammengekratzt, was ihnen geblieben war an Lebenslust. Sie hatten die Reisegesellschaft der »Anonymen Sterblichen« verlassen und waren ins nahe Elsass geflohen, hatten dort »erotische Herrenbekanntschaften gemacht, und der Sekt war dabei in Strömen geflossen«. Allerdings war nach den »Weinfesten und Fruchtbarkeitsriten« zu merken, »dass sich die einheimischen Frauen ihnen gegenüber ablehnend, ja geradezu feindselig verhielten«. Kein Wunder, dass die Bankangestellte Hellevi Nikula aus Seinäjoki, die Arbeiterin Leena Mäki-Vaula aus Haukipudas und die Friseurin Lisbeth Korhonen aus Espoo froh sind, als sie wieder in dem Bus sitzen, der sie mit anderen Lebensmüden in die Schweizer Alpen bringen soll, wo alle »etwas Wichtiges zu erledigen« haben.
Erzählt wird die bizarre Geschichte in dem Roman »Der wunderbare Massenselbstmord« vom Autor Arto Paasilinna, 60. Der Meister aberwitziger Komik ist Finnlands populärster Schriftsteller. 14 000 Liter Bier habe er bislang getrunken, »zumeist gekühltes«, und 200 Kilometer sei er eingehakt gegangen, errechnete Paasilinna in seiner unlängst erschienenen Autobiografie. Von seinen 28 Romanen liegen mit dem »Wunderbaren Massenselbstmord« jetzt 8 in deutscher Übersetzung vor. Da die Reise der merkwürdigen Gesellschaft nicht bereits am Nordkap ein Ende gefunden hat, bleibt auch noch Raum für die Schilderung des »Kriegszustandes« in einem Motel nahe Walsrode (Münchner Fußballrowdys gegen finnische Selbstmordkandidaten). Trotz der durchgeknallten Szenarien seiner Romane versteht Paasilinna sich durchaus als realistischer Erzähler: »Die Welt ist ein absurder Ort. Sie gibt die Themen vor«, sagt er, »ich kann nicht anders, als über Krieg und Selbstmord zu schreiben, über den Irrsinn und den Tod; ertragen lässt sich das nur mit irgendeiner Art von Humor.« Das Leben: nichts anderes als ein Hinauszögern des Todes? Gegen Ende seines Buchs zeigt sich auch Paasilinna nicht ohne Hoffnung: »So ändert sich die Welt. Der Mensch lernt dazu.«
Arto Paasilinna: »Der wunderbare Massenselbstmord«. Aus demFinnischen von Regine Pirschel. Edition Lübbe, Bergisch Gladbach;288 Seiten; 18 Euro.