FERNSEHEN / Telemann TRADDESSION
Als der Bürgermeister der Gemeinde Kreiensen, Kreis Gandersheim, am Abend des 1. September ins Röhrenlicht schaute, herzerhebender Eindrücke freudvoll gewärtig, was mußte er sehen? Den Bürgermeister der Gemeinde Kreiensen, Kreis Gandersheim; randvoll des niedersächsischen Bieres.
Und also mußte er ihn lallen hören: »Ssumal ja die Dissiplin annfürsich in unserem deutschen Vaterlande sehr im allgemeinen Lehm nachgelassen hat, ist aber die Zucht unserer Schüssengesellschaft so, daß sie kameradschaftlich und menschlich den Menschen wieder zu einer anstännjen Gesinnung führen kann.«
Ein anderes Gemeindemitglied erfuhr, dieweil es zur nämlichen Stunde fernsah, von seinem elektronischen Ebenbild: »Ich hatte mir nach dem Krieg geschworen, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen, und nur durch einen dummen Zufall, nur, weil mich meine Frau gereizt hat, habe ich wieder zu einem Gewehr gegriffen... Von dem Tage war ich wieder verfallen.«
Und im nahen Gandersheim hörte sich der Kreisvorsitzende des Schützenverbands zentnerzüngig erläutern: »In meiner Heimat war das Schüssenleben ssugleich auch Kultur ... Weil in jehm Schüssenverein - jä? - Traddession bewahrt wird. Und in jehm Schüssenverein herrscht eine annere Traddession. Und diese Traddession wird von Jahr zu Jahr fortjepflanzt ... Traddession, das ist das Heiligtum der Schüssengesellschaft ... Und dieses Heiligtum im einzelnen aufssuführen, das kann man mit kurzen Worten nich schildern, das ist ausjeschlossen.«
Und: »Die Kameradschaft in den Schüssengesellschaften, die ist so groß - jä? -, daß nur der gesunde Geist und die Kameradschaft bestehen kann.«
Das machte: Der Eisenbahnknotenpunkt Kreiensen war eine Weile zuvor vom Süddeutschen Rundfunk heimgesucht worden; genauer: von den TV-Zeitkritikern Dieter Ertel und Georg Friedel. Justament am 75. Gründungstag der örtlichen Schützengesellschaft. Und obstehende Äußerungen entstammen der vorgerückten Stunde der Wahrheit ("Die Zungen lösen sich, das Dorf wird mitteilsam").
Titel der Sendung: »Schützenfest in Bahnhofsnähe« (Erstes Programm).
»Geben nicht die Ideale, zu denen man sich hier bekennt, auch einen gewissen Standort an?« fragten Ertel und Friedel rhetorisch. Oder kommentierten: »Wer einen von ihnen kennt, kennt die meisten. Er braucht sich nur noch zu entscheiden, ob er ihre Begriffswelt beklemmend oder liebenswürdig antiqutert finden soll.«
Daß dem Zuschauer die richtige Entscheidung nicht schwerfiele, dafür sorgte der Bildschnitt: Marschierende Schützenbrüder wurden kinematographisch mit Schafen, Schützenschwestern mit Gänsen angereichert. Auch eine am Ort befindliche Waffenfabrik sowie etliche Straßennamensschilder ("Bismarckstraße«, »Wilhelmstraße«, »Wiederkehr") erfuhren optische Würdigung.
Daraufhin geschah folgendes: Der Bürgermeister und Ehrenvorsitzende der Schützengesellschaft von Kreiensen, Robert Schirmer, kündigte an, er wolle den Süddeutschen Rundfunk wegen Beleidigung verklagen, reichte seinen Ingrimm jedoch zur Vorsicht erst einmal an den Schützenverband Niedersachsen weiter ("weil man da irgendwie eine Tendenz vers mutet,wo man nicht so richtig hintergucken kann").
Der Verband, juristischen Weiterungen abhold, bat den Südfunk-Intendanten brieflich um Gewährung eines Fernseh-Rundgesprächs, damit die niedersächsische Schützenschaft einrenken könne, was ihre Bier-Ehrlichkeit ausgerenkt hatte (Verbands-Geschäftsführer Kramer: »Es ist an sich blamabel für uns; deprimierend").
Indes, Südfunk-Chef Bausch war nicht gewillt, die nationalistische Eiterbeule, die da seit dem 1. September klaffend bloßliegt, mit einem Pflaster zu bedecken. Sei es, weil er seine Zeitkritiker nicht entmuntern wollte, sei es, weil ihm unbekannt war, daß die Gemeinde Kreiensen am 17. September aus purer Hinterlist sozialdemokratisch gewählt hat und nicht rechtsradikal. Er lehnte die Wiedergutmachung ab.
»Ich fürchte, ich werde deutlicher werden müssen«, hatte Dieter Ertel vor zwei Jahren zu Telemann gesagt, nachdem einer seiner Filme mißverstanden worden war.
Und Ertel wurde überdeutlich.
Telemann kennt die Gefühle, die den empfindsamen Beobachter anwandeln, wenn Schützenbrüder nebst -schwestern in Marschier- oder Bierlaune geraten. Und er weiß überhaupt, wie schwer es ist, eine vorgefaßte Meinung dokumentarisch zu erhärten. Beim Herannahen von Mikrophon oder Kamera bleiben die Pferdefüße gemeinhin unterm Tisch und die Katzen im Sack. Ein bißchen Infamie möchte deshalb schon sein.
Wer sich aber meuchlerisch auf die Lauer legt und wartet, bis genügend »Zielwasser« den Bodensatz des deutschen Wesens nach oben geschwemmt hat, der sollte, selbst als TV-Zeitkritiker, nicht bierernst werden und »Standorte« oder innenpolitische Gefahrenherde aufzeigen wollen. Beduselte Dorfschützen sind, teleobjektiv betrachtet, komisch. Weiter nichts.
Ein bißchen Humor möchte nämlich auch sein.
Merke: »Blutig ist ja dein Amt, o Schlächter, drum übe es menschlich!« (Wandspruch im Schlachthaus zu Siegen in Westfalen).