Tränen für Teena - DER SPIEGEL
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FILM Tränen für Teena

Das gefeierte Debütwerk »Boys Don't Cry« erzählt eine amerikanische Tragödie nach: Eine junge Frau musste sterben, weil sie als Mann leben wollte.
• aus DER SPIEGEL 5/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kürzer, drängelt die junge Frau, kürzer, noch kürzer. Sie rutscht auf ihrem Stuhl in einem heruntergekommenen Wohnwagen herum, und ein Freund schneidet ihr zögernd die Haare ab, kurz und immer kürzer, bis sie sich am Ende mit beiden Händen durch den Schopf fährt und ihr Ebenbild ungläubig im Spiegel anlächelt: Da lächelt ein junger Mann zurück.

Und genau das ist es, was Teena Brandon wollte. An diesem Abend, so behauptet jedenfalls »Boys Don''t Cry«, stopft sich Teena ein Paar Socken in den Schritt ihrer Jeans, schiebt ihre Schultern unter dem grobkarierten Flanellhemd auseinander und macht sich mit ausladendem Gang auf den Weg zu ihrer ersten Verabredung - mit einer jungen Frau. Es ist die Geburt eines neuen Menschen: nicht mehr Teena Brandon, verwirrter Teenager aus Lincoln, Nebraska, sondern Brandon Teena, strahlender Frauenheld.

Die Täuschung wird nicht lange gut gehen, und über »Boys Don''t Cry« hängt von der ersten Szene im Wohnwagen an die Vorahnung jener Katastrophe, die über Brandon hereinbrechen wird. Niemand bringt in der amerikanischen Provinz ungestraft die Geschlechterordnung durcheinander. Was Brandon mit irrwitziger Unschuld, Naivität und Chuzpe wagt, ist der Aufbruch in ein unlebbares Leben.

Man kann »Boys Don''t Cry« ein Dokudrama nennen, in der Tradition von großen literarischen Kriminalreportagen wie Norman Mailers »Gnadenlos: Das Lied vom Henker« oder Truman Capotes »Kaltblütig«. Der Film beruht auf einem wahren Fall, der die US-Presse wochenlang erregte. Brandon Teena wurde im Dezember 1993 von zwei Kumpel vergewaltigt, nachdem diese zufällig herausgefunden hatten, wer der charmante Bursche in ihren Reihen wirklich war. Als Brandon zur lokalen Polizei ging, brachten die Vergewaltiger ihn (und zwei zufällig anwesende Freunde) wenige Tage danach um, aus Angst, wegen ihrer ursprünglichen Tat vor Gericht gestellt zu werden. Einer der Täter wartet heute auf seine Hinrichtung, der andere wurde zu drei lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

Aber »Boys Don''t Cry« destilliert aus den chaotischen Details des Falls (der in dem Taschenbuch »All She Wanted« und dem hervorragenden Dokumentarfilm »The Brandon Teena Story« von 1998 rekapituliert wird) ein großes, klassisches Leinwanddrama: Nicht ganz wahrheitsgetreu, aber vollkommen wahrhaftig erzählt der Film, gedreht von der New Yorker Debütantin Kimberly Peirce, 32, vom uramerikanischen Traum einer Selbsterschaffung, die sich über alle Gegebenheiten hinwegzusetzen versucht.

Nach einer Barschlägerei in Brandons Heimatstadt Lincoln, bei der er erfreut ein blaues Auge davonträgt, schließt sich Brandon eines Nachts einer Gruppe junger Streuner an, die ihn noch tiefer ins amerikanische Niemandsland mitschleppen, in einen 5000-Seelen-Flecken namens Falls City. Dort kriecht Brandon (Hilary Swank), auf den in Lincoln nichts außer eine Gerichtsvorladung wegen gefälschter Schecks und geklauter Autos wartet, in einer White-Trash-Clique unter. Er trifft junge Frauen, die ernsthaft glauben, mit Karaoke das große Geld machen zu können, und vorbestrafte Typen mit Lederjacken und unsteten Augen, die an der Tankstelle herumlungern und ihr nächstes Ding planen.

Brandon verliebt sich in Lana (Chloe Sevigny), einen Teenager mit verhangenem Sphinx-Blick und einem Job in der Spinatfabrik. Brandon ist anders als die Jungen, die Lana kennt, zärtlich und zurückhaltend, und bald liegen die beiden nachts im Gras und versprechen einander, dass in Zukunft alles anders wird. Selbst als Lana die Bandagen entdeckt, mit denen Brandon seine Oberweite abbindet, zweifelt sie nicht daran, dass er ein Mann ist.

Lana und die anderen glauben Brandon, weil sie ihm glauben wollen, denn jeder Zweifel würde Fragen aufwerfen, auf die niemand in Falls City Antworten hat. Wie kann eine Frau der bessere Mann sein? Wie kann eine Frau überhaupt ein Mann sein wollen? Und wie kann man jemanden begehren, dessen Geschlecht man nicht kennt? (Viele der jungen Frauen, die tatsächlich mit Brandon ausgegangen waren, bestanden nach der Tat darauf, von ihm als Mann zu sprechen, und priesen ihn als besten Liebhaber, den sie je hatten.)

Die einzige Antwort, die Brandons Saufkumpel (Peter Sarsgaard und Brendan Sexton III) einfällt, ist eine Vergewaltigung. In ihrem einfachen Weltbild besitzt der Akt eine furchtbare Folgerichtigkeit: Er stellt klar, wer hier Mann und wer Frau ist. Er stellt die Ordnung, auch die Hierarchie, zwischen den Geschlechtern wieder her.

»Boys Don''t Cry« hat die Courage, die Täter nicht als Psychopathen abzuhaken, sondern zeigt ohne falsche Empathie, aber auch ohne Herablassung, was Brandons Täuschung für diese proletarischen Loser bedeutet: eine Attacke auf ihr wackliges Selbstwertgefühl und ihre kläglichen Macho-Sicherheiten. Wenn Brandon gegen Ende des Films gesteht, er leide an einer »sexuellen Identitätskrise«, sehen ihn die Menschen von Falls City an, als stamme sein Vokabular aus einer außerirdischen Sprache.

Die fast unbekannte Darstellerin Hilary Swank hat kantige Züge und eine so hagere Statur, dass man ihr den milchbärtigen Schlaks fast abkauft - aber auch nur fast. Sie spielt nicht den jungen Mann, der nach dem Haarschnitt im Spiegel auftaucht, sondern die junge Frau davor, die diesen Mann von Augenblick zu Augenblick neu erfindet, immer angestrengt darauf bedacht, sich in Sprache und Haltung nicht zu enttarnen. Doch immer wieder unterlaufen ihr winzige Patzer, gerade das Lächeln rutscht ihr zu schnell und zu ängstlich ins Gesicht. Die Bravour, mit der Swank die Erfindung des Brandon Teena auf der Leinwand vorlebt, hat ihr zu Recht den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin eingetragen, und in den Oscar-Prognosen liegt sie weit vorn.

Auch »Boys Don''t Cry«, ein Low-Budget-Film, der vor seinem Start auf dem Radar Hollywoods gar nicht aufgetaucht war, kann sich gute Chancen auf mehrere Oscar-Nominierungen ausrechnen. Nur in Falls City wollen die Menschen nicht viel von dem Film wissen. Zur Galavorführung dort ist die Regisseurin Kimberly Peirce nicht gefahren: Es wäre zu gefährlich gewesen. SUSANNE WEINGARTEN

* Mit Chloe Sevigny, Hilary Swank.

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