Trauriger Gott - DER SPIEGEL
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BALLETT Trauriger Gott

Er war der erste Popstar des Balletts. Eine neue Biographie beschreibt Tanz-Legende Rudolf Nurejew als »wildes Tier« - auf der Bühne und im Bett.
Von Joachim Kronsbein
• aus DER SPIEGEL 53/1998
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Allein die bloßen Eckdaten dieses exzessiven Lebens bieten jedem Biographen mehr Schreibstoff, als er gemeinhin hoffen darf: Geburt in der Transsibirischen Eisenbahn, Kindheit in Armut und Unwissenheit, Flucht vor den Kommunisten und dem KGB in den Westen, kometenhafter Aufstieg zu Weltruhm, Glamour und Reichtum, schließlich der langsame, quälende Abstieg und tapferer, aber vergeblicher Kampf gegen die tödliche Krankheit.

Das sind Stationen einer abenteuerlichen Lebensreise, aus denen sich leicht Legenden stricken lassen. Und Rudolf Nurejew, Megastar des Tanzes und längst zu Lebzeiten legendär, hat nun fünf Jahre nach seinem Aidstod in Paris, endlich seine gewissenhafteste Strick-Liesel gefunden.

Die amerikanische Ballett-Journalistin Diane Solway durchkämmte akribisch Archive und Bibliotheken, interviewte unermüdlich fast jeden, so scheint es, der auch nur in Nurejews Nähe kam, und setzte aus ihren Funden und Fakten auf über 600 Seiten das minutiöse Mosaik eines Tanz-Mythos zusammen: »Nureyev: His Life"*.

Hübsch chronologisch und anschaulich, aber auch mit großer Detailfreude beschreibt Solway Nurejews beispiellosen Aufstieg vom Sohn eines kulturfeindlichen Politoffiziers der Roten Armee in Ufa, einem Millionen-Kaff am Ende der sowjetischen Welt, zum ersten international gefeierten »Popstar des Balletts«.

Die Autorin erzählt ausführlich nach, wie aus Rudik, so nannten ihn Freunde und Familie in Rußland, Rudi wurde, der erste klassische Tänzer nach Vaslav Nijinsky, der von einer hysterischen Gemeinde weiblicher und männlicher Verehrer zur Ikone ihrer Bewunderung erhoben wurde. Eine Art James Dean des Tanzbodens, ein exotischer Elvis Presley der Pirouetten und Pliés.

* Diane Solway: »Nureyev: His Life«. Weidenfeld & Nicolson, London; 628 Seiten; 20 Pfund.

Rudis »sexuelles« Charisma auf der Bühne, sein erotischer »Magnetismus« wirkte schon früh. Sein rasanter Aufstieg am Leningrader Kirow-Ballett war nicht zuletzt Ergebnis seiner enormen Bühnen-Präsenz. Und Nurejew wußte, wie er wirkte. Schon im prüden Sowjetregime sorgte er mit seinen Eskapaden für Skandale.

So schnippelte er beispielsweise einmal seine lange Kostümjacke ab, weil sie seine Beine zu stummelig erscheinen ließ. Und auch die damals üblichen Pumphosen lehnte er strikt als unkleidsam ab. Mit gekürztem Oberteil und den eng anliegenden Tanz-Leggings brachte das junge Sprung-Wunder nur noch eines über die Rampe: Sex-Appeal.

Auch der Westen reagierte empfänglich. Nurejew erhitzte das Publikum in einer Zeit, in der die muffige Nachkriegstristesse der fünfziger Jahre allmählich der Libertinage der wilden Sechziger wich.

Die Röcke wurden kürzer, die Moral lockerer, und Nurejew avancierte zum animalischen Rollenmodell für eine freiheitsliebende Jugend. Klassischer Tanz, diese verstaubte, anachronistische Kunst, war plötzlich Mode geworden. Und Nurejew herrschte über Jahrzehnte als ihr unumstrittener Gott.

Auch privat wußte »der Panther« sein Potential geschickt zu nutzen. Obwohl er homosexuell fühlte, ging er immer wieder auch kurze Affären mit Frauen ein. So etwa mit Prinzessin Lee Radziwill, der eleganten Schwester von Jackie Kennedy. Die reiche Gesellschaftsdame hatte dem genital »verschwenderisch ausgestatteten« Tänzer derart unerbittlich nachgestellt, daß Nurejew schließlich der lästigen Belagerung nachgab, wenn auch nur für »ein oder zwei Nächte«.

»Mit Frauen«, so faßte Rudi bündig seine Erfahrungen mit den Geschlechtern zusammen, »muß man sich so sehr anstrengen. Das befriedigt mich nicht besonders.« Hingegen mit »Männern geht es sehr schnell. Großes Vergnügen«, Sex war für den beruflich wie privat rastlos nomadisierenden Tataren-Sprößling »wie eine gute Mahlzeit, er baute ihn wieder auf«. Sein ererbtes Tatarenblut, schrieb er einmal, »fließt nun mal schneller, es ist immer kurz davor zu kochen«.

Doch die größte Liebe seines Lebens war ein introvertierter, nobler Kollege aus Dänemark: Erik Bruhn. Der brillante Techniker war vor Nurejews Flucht in den Westen 1961 in Paris der anerkannte Premier Danseur für Connaisseure, »ein Tänzer für Tänzer«. Bruhn gab dem jüngeren Russen Halt, mannigfachen Rat und emotionale Stabilität.

Als bei Nurejew Mitte der achtziger Jahre Aids diagnostiziert wurde, litt Bruhn schon an Lungenkrebs. Er starb im April 1986 in Kanada. Nurejew tanzte weiter. In seinem letzten Lebensjahrzehnt gerieten seine Vorstellungen immer schwächer, immer unbedeutender wurden auch die Theater, in denen er auftrat. Im englischen Städtchen Sunderland buhte ihn eines Abends das Publikum aus, und 50 Zuschauer forderten empört sogar ihr Geld zurück. Aus dem Gott des Tanzes war eine tragische, traurige Figur geworden.

Aber Nurejew, der ein Vermögen angehäuft hatte, blieb seinem Motto treu. Er hatte es von seiner langjährigen Partnerin Margot Fonteyn übernommen: »Solange man noch stehen kann, solange kann man auch tanzen.«

Am Ende konnte Nurejew, inzwischen Chef-Choreograph der Pariser Oper, sich nicht mal mehr auf den Beinen halten. In guten Zeiten hatte ihn seine Willenskraft das enorme Pensum von bis zu 250 Vorstellungen im Jahr tanzen lassen. Jetzt war die Krankheit stärker. Nurejew starb, 54jährig, am 6. Januar 1993 in Paris.

Die Pretiosen seines umfangreichen Nachlasses versteigerte Christie''s zwei Jahre später in London und New York. Die Auktion war noch einmal ein glanzvolles gesellschaftliches Ereignis - ganz so wie die meisten von Nurejews Auftritten auf der Bühne.

JOACHIM KRONSBEIN

* Diane Solway: »Nureyev: His Life«. Weidenfeld & Nicolson,London; 628 Seiten; 20 Pfund.

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