KINO Triumph des Will
Der Junge redet wie ein Boulevardblatt: lauter riesengroße Buchstaben, reichlich Ausrufezeichen und jeder Gedanke verpackt in eine Geschichte, die ans Herz geht oder wenigstens ans Zwerchfell. Er haut rein wie eine gutgedichtete Schlagzeile - und ist genauso unwiderstehlich.
Nach Hollywood, wohl kaum ein Hort des gehobenen Worts, paßt er mit dieser charmanten großen Klappe bestens. Im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich Will Smith zielstrebig nach ganz oben gerappt, gekalauert, charmiert, geballert.
Etliche Außerirdische mischten bei dieser Laufbahn mit: Es waren die Alien-Knallereien »Independence Day« (1996) und »Men in Black« (1997), die Smith zum schwarzen Star der Stunde gemacht haben. Jetzt darf er zeigen, ob er auch ohne extraterrestrische Hilfe zurechtkommt: Der Thriller »Der Staatsfeind Nr. 1« ist der erste Film, den er als Titelheld zum Erfolg bringen soll, und an ihm wird sich zeigen, ob er den Rassen-Crossover schafft und weltweit weiße wie schwarze Zielgruppen anlockt. Klappt es, dann wird sich Smiths nächste Gage der 20-Millionen-Dollar-Marke nähern. Damit hätte er als erster Schwarzer die Gehaltsklasse von Harrison Ford, Tom Hanks und Mel Gibson erreicht: der Triumph des Will.
Das Geheimnis seines Erfolgs ist einfach: Wenn er lächelt, vergessen die weißen Zuschauer, daß er schwarz ist. Und er lächelt fast immer - so jungenhaft, optimistisch und unschuldig, als hätte er gar nicht bemerkt, daß es für einen jungen schwarzen Mann in Amerika eigentlich nicht viel zu lächeln gibt. Die Weißen werden den Schwarzen die Sklaverei wohl nie verzeihen - aber der nette Will erlaubt ihnen wenigstens, ihr schlechtes Gewissen ein paar Stunden lang zu vergessen. Sein Lächeln läßt sie aufatmen. Es wäscht das Trauma des Rassismus von ihnen ab.
Dem bis heute durch das amerikanische Unterbewußte geisternden Archetypus des aggressiven, von Gewalt und Sex besessenen schwarzen Mannes hat sich Smith entzogen, indem er nie den erwachsenen Kerl herausgekehrt hat, sondern stets den schlagfertigen, schlaksigen Halbstarken, der die Welt als großen Abenteuerspielplatz betrachtet. Darin erinnert er an Eddie Murphy, den anderen schwarzen Schnellsprecher, aber bei dem war stets eine unterschwellige urbane Härte zu spüren. Die fehlt Smith. Gewalt wendet er vorzugsweise gegen schlechterzogene Außerirdische an, und seinen unbestreitbaren Sex-Appeal unterläuft er gern mit einem hilflosen Zappeln - im »Staatsfeind« etwa reagiert er äußerst verwirrt, als ihm in einem Unterwäscheladen die Ware am lebenden Modell vorgeführt wird.
In seinen beiden ersten Karrieren, als Rapper und als Titelheld einer von 1990 bis 1996 ausgestrahlten Fernseh-Vorabendreihe, war Smith als »Fresh Prince« bekannt - immer der Thronfolger, nie der Herrscher. Aber seit ein paar Monaten ist Smith 30, und diese Berufsjugendlichkeit wird ihn nicht durch ein weiteres Jahrzehnt tragen. Und weil Prince Will eines Tages genauso lächerlich zu werden drohte wie sein britischer Kollege Charles, mußte Smith sein Image korrigieren.
Zu diesem Zweck hat er in diesem Sommer aus seinem Bestseller-Album »Big Willie Style« den Rap-Titel »Just The Two Of Us« ausgekoppelt, in dem er als alleinerziehender Vater seinen neugeborenen Sohn anhimmelt und die Freuden der Elternschaft zelebriert. Und zu demselben Zweck hat Smith jetzt den »Staatsfeind« gespielt.
Der Film, gedreht vom erfahrenen Feuerwerker Tony Scott ("Crimson Tide"), plustert sich zwar auf als ernsthafte politische Warnung vor den Gefahren des Überwachungsstaates, aber das ist purer Unfug. Was Scott nicht in die Luft jagen kann, interessiert ihn nicht. Die Handlung verläßt sich auf die seit »North by Northwest« bewährte Hitchcock-Struktur: Ein Unschuldiger gerät in die Fänge eines undurchsichtigen Geheimdienstes, der ihm seinen guten Namen und sein Leben rauben will.
Im »Staatsfeind« ist es der Buppie-Anwalt Robert Dean (Smith), der auf die harte Tour lernen muß, Verfolger abzuschütteln, die ihn vom Schuh bis zum Handy mit Wanzen ausgestattet haben. Dean taucht stets als blinkender Punkt auf ihren Computern auf, egal wie schnell er auch rennt. Nur: Die weltumspannende Bedrohung des Privatlebens, von der »Der Staatsfeind Nr. 1« ausgiebig dunkel munkelt, will sich nicht in filmische Spannung verwandeln, und während des Abspanns des schnittigen Paranoia-Thrillers wartet der Zuschauer immer noch darauf, daß endlich der verdammte Trailer zu Ende geht. Smith allerdings hat sein Ziel erreicht: Er ist einwandfrei erwachsen und geradezu erschreckend ernsthaft.
Damit hat er den ersten Schritt dorthin getan, wo es ihn neuerdings hinzieht: in die Politik. »Ich weiß nicht recht, wie ich das erklären soll, ohne arrogant zu klingen«, sagt Smith im einzigen Satz, den er ohne Boulevard-Stakkato von sich gibt. Und dann sagt er es doch: »Ich will Präsident der Vereinigten Staaten werden.« Allen Ernstes. Warum auch nicht? Wo ein Will ist, ist auch ein Weg. SUSANNE WEINGARTEN