Trüffelträume - DER SPIEGEL
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LITERATUR Trüffelträume

• aus DER SPIEGEL 5/2000
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Die hohe Kunst des Trüffelsuchens verschmäht die Hilfe eines dressierten Hundes oder Schweins. Der wahre Kenner, dessen Streifzüge Gustaf Sobin in seinem Roman »Der Trüffelsucher« mit lyrischer Farbigkeit ausmalt, richtet sein Augenmerk auf eine winzige, im Winterlicht golden schimmernde Insektenart: Wo diese Fliege sich niedersetzt, um ihre Eier abzulegen, findet sich tief in der Erde eine Trüffel.

Der Mann heißt Cabassac, ist Linguistikprofessor in Avignon, Experte für die provençalische Sprache, in der einst die Troubadoure dichteten, und lebt als Witwer vereinsamt auf einem ererbten, längst langsam verfallenden Bauernhof. Die Trüffel ist ihm Phantasie-Stimulans und Schlaf-Aphrodisiakum: Nach dem Genuss (bevorzugt in einem Omelett) sinkt er in träumerische Delirien, in denen ihm seine angebetete, früh dahingeschiedene Lieblingsstudentin, Geliebte und Ehefrau Julieta erscheint, und die beiden wiegen sich in nicht enden wollenden Umarmungen. In Rückblenden wird die Chronik ihres Lebens aufgeblättert, das von der Passion für die Sprache und die alte bäuerliche Kultur der Provence bestimmt war: Mit poetischer Dichte und Eindringlichkeit breitet das Buch vielerlei farbigen Stoff von den Feinheiten der Trüffelgenese bis zur Seidenraupenzucht aus.

Gustaf Sobin, 64, der in Amerika vor allem als Lyriker geschätzte Autor des »Trüffelsuchers«, seines dritten Romans, kam nach dem Studium Anfang der sechziger Jahre auf den Spuren des Dichters René Char in die Provence, fand eine asketische Dichterklause, eine Familie und blieb für immer. Die Leidenschaft, mit der er Farben und Düfte der Landschaft heraufbeschwört, gibt seiner Prosa betörenden Zauber. Das Pathos des romantischen Todeskults aber, mit dem er Cabassacs Liebe zu Julieta ins Mystische hochjubelt, ist nicht frei von bedeutungsgetrüffeltem Kitsch. In dieser Buch-Preziose wird das Waisenmädchen zur »Bergnymphe«, ja zur »Hohepriesterin«, und die Trüffel zum »Sakrament«, zur Weihegabe auf dem »Opferaltar einer längst vergessenen weiblichen Gottheit«.

Gustaf Sobin: »Der Trüffelsucher«. Deutsch von Malte Friedrich.Berlin Verlag, Berlin; 192 Seiten; 36 Mark.

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