AUTOREN Trunkenes Schiff
Viktor Jerofejew, 51, hat eine dunkle Stimme und spricht ein osteuropäisch gefärbtes Englisch, das mindestens zwei Tonfälle kennt: einen fürs Geschäft und einen fürs Vergnügen. Die Berliner Journalistin Gabriele Riedle, 40, die als Redakteurin der »Woche« mehrmals mit Jerofejew telefoniert hatte, hörte die Nuancen heraus und beschloß, den Mann kennenzulernen. Man gefiel sich, er schlug ihr vor, ihn auf einer Wolga-Fahrt bei der Suche nach der russischen Seele zu begleiten.
Riedle sagte zu, nahm sich ihrerseits vor, den Schriftsteller bei seiner Seelensuche zu studieren. Die gemeinsam verfaßte Reportage erschien im August 1996 im »Zeit-Magazin« unter dem kühnen Titel »Historischer Orgasmus auf der Wolga auf dem Weg nach Stalingrad«. Ob die beiden auf der Wolga, dieser »Autobahn von Tränen« (Jerofejew) die russische Seele fanden, bleibt darin offen, dafür wird deutlich: Sie fanden einander - intellektuell und sexuell.
Kaum hatte das Paar wieder festen Boden unter den Füßen, sehnte es sich nach anderen Flüssen. Im Laufe von zwei Jahren bereisten die beiden vier weitere Weltströme: den Rhein, den Ganges, den Mississippi und den Niger, um Länder und Leute - und sich selbst - ethnologisch zu erkunden. Letzter historischer Höhepunkt der Expeditionen ist ihr zweistimmiges Reiseprotokoll, ebenso schonungslos (und exhibitionistisch) wie der Titel der »Zeit«-Reportage*. Aufgeschrieben erst hinterher, als die beiden Autoren wieder allein in ihren Zimmern saßen, der Liebhaber in Moskau, die Geliebte in Berlin.
Zu den Spielregeln des Duetts gehörte, sich nicht zu schonen bei der Verwandlung von Erlebnissen in Literatur, der dichterischen Freiheit keine Geschmacksrücksichten aufzuerlegen. »Die Deutsche hat graue
* Viktor Jerofejew/Gabriele Riedle: »Fluß«. Jerofejew-Texte aus dem Russischen von Beate Rausch. Aufbau-Verlag, Berlin; 288 Seiten; 39,90 Mark.
Haare und Pickel ... will aber geliebt werden«, wundert sich der Russe. Sie findet dafür keinen Gefallen an seinen Zähnen: »Ziemlich ausgefranst die Reihe gelblicher Stecken, an denen der Saft des Apfels mit winzigen Bläschen hinunterschäumt.«
Viktor Jerofejew gefiel die Offenheit der deutschen Koautorin. Er selbst gilt daheim wegen seiner keine Gemeinheit scheuenden Romane als Popstar, hat zweimal im Monat seine Fernsehsendung - und jede Menge Feinde. Die halten ihn für einen Marquis-de-Sade-Epigonen und verdorbenen Volksverderber ohne politische oder sexuelle Moral.
In Deutschland wurde er nach der Veröffentlichung seines Romans »Die Moskauer Schönheit« (1990) zu einem der bedeutendsten russischen Schriftsteller der Gegenwart erklärt. Zeitungen rissen sich um den Russen, fragten ihn über seine Heimat und über sein Verhältnis zum Westen aus - bis im vergangenen Jahr sein Werk »Das jüngste Gericht« die steile West-Karriere rabiat knickte.
Kritiker reagierten unisono verständnislos bis angeekelt auf den Roman, monierten seine Obszönität, den verschwenderischen Umgang mit Körperflüssigkeiten. Die »Zeit« urteilte vornehm, aber deutlich mit einem Tschechow-Zitat: »Ein Schwein, das will, daß alle Welt weiß, daß es ein Schwein ist.« Der Moskauer schlug zurück: Politische Korrektheit interessiere ihn nicht, sexuelle noch weniger. In »Fluß« nennt er sich auch schon mal ein »Sexschwein«.
Dagegen hat die Journalistin nichts, es ist die Vergangenheit, die den Reisefrieden stört. In Jerofejews Worten: »Zur selben Zeit, als ihr Großvater beim Sturm auf Stalingrad dabei war, hungerte meine Großmutter im eingekesselten Stalingrad.« Keine gute Option für eine knospende Love-Story. Die literarische Bewältigung der historisch-kritischen Begegnung bezeichnet Gabriele Riedle dann auch als »die vielleicht schlimmsten Wochen meines Lebens«.
Der Leser soll selbst entscheiden, als was er den Roman, in dem abwechselnd »Er« und »Sie« erzählen, liest: ob als schriftstellerischen Wettkampf eines ehrgeizigen russisch-deutschen Autorenpaars, als postmoderne Literatur, in der ein paar abendländische Werte - Treue, Loyalität, Diskretion - über Bord geworfen werden, oder als hochgeschraubte Manöverkritik zweier Verliebter, die auszogen, sich in Extremsituationen zu testen, und schließlich herausfanden, daß der Mensch doch eine Sehnsucht nach dem Frieden hat.
Jerofejew und Riedle schenken sich nichts. Wie die Helden in Choderlos de Laclos'' berühmtem Briefroman »Gefährliche Liebschaften« experimentieren sie mit Trieben und Intrigen. Man benutzt sich gegenseitig als Material, verfügt frei über den anderen: Alles ist erlaubt, das zu seiner Demontage beiträgt.
Während die Dame mit dem Florett ficht, haut der Herr mit dem Säbel. Einmal verliert er sogar die Contenance: Als sie ihren Fön versehentlich auf seine Armani-Brille fallen läßt, verpaßt er ihr »ein paar Ohrfeigen, allerdings nur mit der flachen Hand«. Beruhigend.
Das Buch ist ein philosophisches Potpourri und schrammt bisweilen an die Ekelgrenze. Literarisch kleinere Dampferfahrt-Fragen wie die nach der nächsten Bord-Toilette stehen unvermittelt neben den erhabenen: Was ist Erkenntnis? (Rhein). Was eine Revolution? (Wolga). Was hilft es, wiedergeboren zu werden? (Ganges). Welchen Vorteil hat die Kleinfamilie? (Rhein). Was überhaupt soll noch das Individuum? (alle Flüsse). »Ich« ist in »Fluß« nicht mehr nur ein anderer, sondern gleich mehrere.
Auch bei Jerofejew/Riedle schert sich die Wirklichkeit wenig um literarische Utopien: Das Buch ist fertig, die Liebe hat ihre Niederschrift nicht überlebt. Gesiegt hat der Geschlechterkampf: Er endete vorläufig mit einem Überraschungscoup des Schriftstellers: In der Moskauer Ausgabe von »Fluß« hat Jerofejew die Hälfte gestrichen. Der Roman erschien dort vor kurzem ohne den Anteil der Journalistin. Gelassen erklärte der Moskauer Dichter seiner Berliner Koautorin: »Dich kennt in Moskau doch keiner.«
* Viktor Jerofejew/Gabriele Riedle: »Fluß«.Jerofejew-Texte aus dem Russischen von Beate Rausch.Aufbau-Verlag, Berlin; 288 Seiten; 39,90 Mark.