MEDIZIN / SEHTEST Tür geöffnet
Es war wie im Kino. In dem kleinen Untersuchungszimmer ging das Licht aus. Verwirrt und leise wimmernd saß die 14 Monate alte Suzanne auf dem Schoß Ihrer Mutter. Plötzlich leuchteten auf einem Bildschirm an der gegenüberliegenden Wand geometrische Muster auf: Quadrate, Linien, Punktraster.
Die Klinik-Szene war Bestandteil eines neuartigen Tests, mit dessen Hilfe amerikanische Mediziner künftig schon bei Kleinkindern Augenfehler entdecken und behandeln wollen.
Das Gerät, das die Augenärzte des New Yorker Optometric Center vor wenigen Wochen erstmals einsetzten, Ist eine sinnreiche Kombination eines Elektronenzephalographen mit einem Computer. Über zwei Elektroden, die jeweils am Ohr und am Hinterkopf des Patienten befestigt werden und die mit dem Verstärker des Aufzeichnungsgerätes verbunden sind, werden die Hirnströme der Testperson registriert. Sie verändern sich entsprechend den dargebotenen Lichtreizen auf dem Bildschirm. Aus dem Vergleich zwischen Hirnstromkurven und den jeweils dargebotenen visuellen Reizen können die Augenärzte dann ablesen, ob der Patient die Testbilder überhaupt und wie scharf er sie gesehen hat. Gleichzeitig gibt der Computer Auskunft über die möglicherweise notwendige Augenkorrektur durch eine Brille.
Der Wert vorsorglicher Augenuntersuchungen schon im Kindergarten-Alter ist seit langem unbestritten. Doch sicher ist auch, daß derlei Sehtests meist viel zu spät vorgenommen werden: Um objektive Befunde zu erhalten, ist der Arzt bislang weitgehend auf die Mithilfe des Patienten angewiesen. Kleinkinder aber können noch keine Angaben zur eigenen Sehschärfe machen.
Würden kindliche Sehfehler rechtzeitig entdeckt, könnten durch frühzeitige Behandlung, beispielsweise des Schielens, in vielen Fällen spätere Schwachsichtigkeit oder sogar Erblinden verhindert werden.
Jedes sechste bundesdeutsche Schulkind der vierten Volksschulklasse, so ergab schon vor einigen Jahren eine Erhebung des Gießener Ophthalmologen Professor Curt Cüppers, leidet an Augenfehlern, die nicht behandelt wurden oder gar unentdeckt geblieben waren. Und bei nahezu jedem zweiten augenkranken Schüler kam die Diagnose im zehnten Lebensjahr zu spät. Der Fehler hätte nur behoben werden können, wenn er viel früher entdeckt worden wäre.
Der Sehtest mit Computer, so kommentierte der Chefarzt des New Yorker Optometric Center Dr. Alden N. Haffner das neuartige Verfahren, »öffnet eine weitere Tür, um die Entwicklung von Sehfunktionen beim Menschen besser verstehen zu können«. Zusätzlich erhoffen sich die US-Mediziner Aufschlüsse über den Zusammenhang zwischen Sehfähigkeit und der Entwicklung anderer Sinnesorgane und der Motorik. Daraus lassen sich vielleicht Anhaltspunkte für die normale visuelle Entwicklung des Kleinkindes gewinnen -- als Hilfe für freipraktizierende Augenärzte.
Sicher Ist zudem, daß solche Sehtests bei Kleinkindern in vielen Fällen eine spätere Operation unnötig machen würden. Denn verschleppte oder zu spät entdeckte Augenfehler können häufig nur noch operativ behoben werden. Dies hat nicht zuletzt dazu geführt, daß etwa in den chirurgischen Augenkliniken der Bundesrepublik die Patienten derzeit bis zu drei Jahren auf eine Operation warten müssen.
Den betroffenen Kindern, so die ersten Erfahrungen in New York, macht der Umgang mit Elektroden und Testbildern offenbar nicht viel aus. Die quengelnde 14 Monate alte Suzanne beispielsweise befreundete sich rasch mit dem Computer, als die ersten Lichtquadrate auf dem Bildschirm ihre Aufmerksamkeit erregten.